Erste Bilanz

«Der Bedeutungsverlust der Kirchen wird herbeigeredet»

Als reformierte Zürcher Kirchenratspräsidentin hat Esther Straub Einfluss auf nationaler und kantonaler Ebene. Sie war im ersten Amtsjahr bisweilen unbequem, was nicht allen gefiel.
«Die Kirche ist auch mein Privatleben», sagt Esther Straub, Kirchenratspräsidentin der evangelisch-reformierten Kirche des Kantons Zürich, nach ihrem ersten Jahr im Amt. (Bild: Michael Buholzer/ Keystone)

Esther Straub, wovon hatten Sie 2024 zu viel und wovon zu wenig?
Ich hatte zu wenige freie Tage. An den Wochenenden besuchte ich häufig Kirchgemeinden. Im neuen Jahr werde ich bewusst Wochentage sperren. Allerdings habe ich sehr viel bekommen. Bereichernde Begegnungen, spannende Prozesse und Auseinandersetzungen. Es war ein total gefülltes und reiches Jahr.

Ein Jahr, in dem Sie sich auch im breiten öffentlichen Diskurs positionieren mussten – zum Beispiel nach dem Angriff auf einen Zürcher Juden.
Das Attentat des islamistisch motivierten Jugendlichen hat uns betroffen gemacht. Bereits vorher mussten wir feststellen, dass der Antisemitismus stark ansteigt. In Beantwortung eines Postulats aus der Synode sensibilisieren wir für das Thema und machen auf Stereotypen aufmerksam, die sich zum Beispiel in liturgischen Texten widerspiegeln können. Mich beeindruckte, dass sich nach diesem Attentat viele muslimische und jüdische Menschen auf dem Lindenhof versammelten, um zu zeigen: Wir lassen uns nicht auseinanderdividieren. Der interreligiöse Dialog in Zürich funktioniert.

Das erste Amtsjahr in Stichworten

Begegnungen. «Zu Beginn des Jahres schrieb ich alle Kirchengemeinden an, um ihnen mitzuteilen, dass ich mich gerne einladen lasse. Bereits über 30 Mal war ich unterwegs.»

Staatsbeiträge. «Die Synode hat unser Tätigkeitsprogramm, das wir für die Staatsbeiträge vorlegen müssen, zustimmend zur Kenntnis genommen und damit auch das Pilotprojekt zur finanziellen Unterstützung nicht anerkannter Glaubensgemeinschaften. Den dazugehörigen Rahmenkredit hat sie jedoch zurückgewiesen, um abzuwarten, wie Regierungs- und Kantonsrat das Projekt beurteilen. Der Regierungsrat begrüsst das Tätigkeitsprogramm, die Stellungnahme des Kantonsrats ist pendent.»

Gemeinwohlstudie. «Sie zeigt, dass die Menschen an der Kirche die Seelsorge schätzen und an den Kirchengebäuden hängen. Und sie weist nach, dass die Kirchen in einer hoch individualisierten Gesellschaft übergreifende Netzwerke schaffen.»

Visionsprozess. «Der Kirchenrat plant verschiedene Prozesse, um reflektiert in die Zukunft zu gehen. Dazu gehört unter anderem ein Konsultationsprozess, um mit den Mitgliedern zu bestimmten Themen ins Gespräch zu kommen – voraussichtlich mittels eines online-Formats. Immer wichtiger wird auch die Kommunikation: Wie reden wir über uns und wie teilen wir Kirchendistanzierten mit, was wir alles leisten? Als die Kirche noch Volkskirche war, musste sie sich nicht anpreisen. Als kleiner werdende Kirche hingegen wird es immer wichtiger, gut zu kommunizieren.» (dst)

Viel zu reden gab auch die Kontroverse um die geplante finanzielle Unterstützung von muslimischen Glaubensgemeinschaften durch die Landeskirchen.
Mit dem Projekt ergreifen wir die Initiative, um die erfolgreiche Partnerschaft von Staat und Religionsgemeinschaften in die Zukunft zu führen. Die enge Zusammenarbeit und kritische Auseinandersetzung zwischen den Religionsgemeinschaften und dem Staat ist ein wertvolles Gut. Doch die Religionslandschaft verändert sich. Das auf sechs Jahre befristete Projekt soll Aufschlüsse darüber geben, wie sich grösser werdende, nicht anerkannte Religionsgemeinschaften in Tätigkeitsbereiche von gesamtgesellschaftlicher Bedeutung einbringen können. Unter anderem soll die muslimische Spitalseelsorge unterstützt werden.

Als Sie im Kantonsrat das Tätigkeitsprogramm der Zürcher Landeskirche präsentierten, betonten Sie, dass im Kanton Zürich rund 370'000 Menschen dieser Kirche angehören. Im Zusammenhang mit der Kirche geht es jedoch viel häufiger um die Austritte. Hat die Kirche ein Narrativ-Problem?
Wir werden immer auf die Austritte angesprochen und daran gemessen. Die Austrittszahlen sind hoch, weil wir eine grosse Institution sind. In einer Zeit starker Individualisierung haben auch viele Vereine Mühe, ihre Mitglieder zu halten. Dennoch: Fast ein Viertel der Kantonsbevölkerung ist reformiert. Wenn ich zum Beispiel in der S-Bahn sitze und mir vergegenwärtige, dass jede vierte Person im Zug Mitglied unserer reformierten Kirche sein soll – dann kann ich es selbst kaum glauben. Ich merke, wie Medienberichte über Austritte und Bedeutungsverlust den Fokus bestimmen. Suche ich nach anderen Institutionen im Kanton, die grössenmässig mit uns mithalten können, finde ich kaum welche. Die reformierte Kirche versammelt so viele Mitglieder wie sämtliche Sportvereine des Kantons zusammengezählt. Wir sollten nicht nur die Austritte sehen, sondern auch die vielen Menschen, die sich für die Kirche engagieren und sie mittragen.

Doch die Anzahl Austritte steigt unaufhaltsam an.
Das schmerzt uns. Im Büro nebenan werden die Austrittsbegehren abgestempelt. Ich höre jeden Stempelschlag, jeden mit Bedauern. Andererseits leben wir in einer hoch säkularisierten Gesellschaft. Ich respektiere es, wenn sich jemand dagegen entscheidet, weiterhin einer religiösen Gemeinschaft anzugehören. Ich hoffe, dass die Austritte ihren Peak erreicht haben, doch wir werden auch aus demographischen Gründen weniger. Vielleicht sind wir in fünf Jahren nur noch 300'000 Reformierte im Kanton und in zehn Jahren nur noch 250'000. Auch das wäre immer noch eine riesige Institution, und auch eine kleinere Kirche kann von grosser Bedeutung sein.

Wie kommt die Kirche davon weg, sich auf den Mitgliederschwund reduzieren zu lassen?
Neuste Studien bestätigen, dass unsere Kirche weiterhin wertvolle und unverzichtbare Arbeit leistet und dass den Menschen unsere Kirchengebäude sehr am Herzen liegen. Die Behauptung, die Kirchen seien leer, stimmt so nicht. Im vergangenen Jahr habe ich um die 30 Kirchgemeinden besucht und die Kirchen waren immer gut gefüllt. Zu einem Festanlass – zum Beispiel einem Erntedankgottesdienst mit Chormusik – strömen schnell einmal 100 oder auch 200 Menschen und mehr. Diejenigen, die regelmässig jeden Sonntag zur Kirche kommen, sind unbestritten weniger geworden, aber auch nicht jede Kinovorstellung ist heute voll besetzt. Und auch unter der Woche findet das kirchliche Leben rege Beteiligung in jeder der 107 Gemeinden. «Leere Kirchen» kenne ich keine. Der Bedeutungsverlust wird herbeigeredet.

Ihre Antwort darauf?
Wir müssen selbstbewusster auftreten. Mir scheint manchmal, dass sich die Kirche fast ein bisschen dafür schämt, Kirche zu sein. Es braucht mehr Kirchenstolz. Die neuen Studien zu unseren gesamtgesellschaftlichen Leistungen halten uns zudem dazu an, auf den Mitgliederschwund nicht mit Rückzug und Abkapselung zu reagieren, sondern vermehrt nach aussen zu treten und verstärkt präsent zu sein für die vielfältige Gesamtgesellschaft.

Sie sind auch in der nationalen Kirchenpolitik aktiv. An der EKS-Synode in Neuenburg haben Sie wesentlich dazu beigetragen, dass der Vorschlag einer Dunkelfeldstudie durch die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz von der Synode abgelehnt wurde.
Wir haben die Studie nicht abgelehnt, sondern wollten sie auf die richtige Ebene heben. Die Dunkelfeldstudie ist eine gute Sache, doch sie kann nicht von den Kirchen durchgeführt werden, sondern gehört in die Verantwortung des Bundes. Mich stört, wenn das Thema Missbrauch bei den Kirchen schubladisiert wird. Es gibt zu viele Betroffene in anderen Institutionen, die nicht aus dem Blick geraten dürfen. Die Problematik muss breit angegangen werden. Innerhalb der Zürcher Landeskirche haben wir umfassende Massnahmen getroffen und verbessern diese laufend, etwa im Bereich Prävention oder der Betreuung Betroffener.

An der EKS-Wintersynode haben Sie die Idee einer nationalen Koordinationsstelle für Seelsorge im Gesundheitswesen ebenso kritisiert wie die Festlegung der Beiträge der Landeskirchen an die EKS. Wie ist es für Sie, sich in einem zurückhaltenden Parlament als eine der wenigen zu exponieren?
Zürich ist skeptisch gegenüber der Ausgestaltung dieser Koordinationsstelle. Das Thema Gesundheit wird nicht auf Bundesebene, sondern auf Kantonsebene umgesetzt. Für eine reine Koordinationsaufgabe braucht es nicht 80 Stellenprozente. Wir befürchten, dass durch inhaltliche Weichenstellungen unser kantonales Seelsorgemodell übersteuert wird. Ich habe mich darüber gewundert, dass in der Synode kein Diskussionswille vorhanden war. Im Vorfeld wurde von verschiedenen Seiten signalisiert, man teile die Kritik. Als die konkreten Anträge auf dem Tisch lagen, kam es anders. Ich verstehe es nicht, doch der Entscheid ist zu respektieren und die Arbeit der Stelle zu beobachten.

Zur Person

Pfarrerin und Politikerin ist Esther Straub während Jahren parallel gewesen. Zwanzig Jahre lang wirkte sie als Pfarrerin im Zürcher Stadtteil Schwamendingen. Für die SP sass sie acht Jahre im Zürcher Kantonsrat und davor für neun Jahre im Gemeinderat der Stadt Zürich. Vor ihrer Wahl zur Kirchenratspräsidentin 2023 war Straub acht Jahre lang Teil des Kirchenrats. In ihrer Freizeit spielt sie Geige im Streichquartett «die Haydinnen». (dst)

Verschiedene Synodale nahmen Ihre Wortmeldungen als aggressiv wahr.
Oder als «betroffen», wie ich hörte. Meine Voten enthielten keine Angriffe, sondern waren engagiert der Sache gewidmet. Für Zürich steht tatsächlich viel auf dem Spiel, wenn unser Seelsorgemodell infrage gestellt wird. Als aggressiv empfand ich, dass wie bereits beim Hauptgeschäft der Sommersynode erneut keine Eintretensdebatte gewährt wurde und ich mir das Recht zu reden erstreiten musste. In meinen siebzehn Jahren als Parlamentarierin in Stadt und Kanton habe ich so grobe Regelverstösse nie erlebt.

In der Diskussion um die Höhe der Beiträge der Landeskirchen an die EKS zeigte sich, dass über die Aufgaben der EKS  gesprochen werden muss. Wie drängend ist das Thema aus Ihrer Sicht?
Die Diskussion wurde bereits geführt. Die EKS ist auch mit der neuen Verfassung eine Kirchengemeinschaft, also Dachverband der Kantonalkirchen. Sie leistet Grundlagenarbeit für die Mitgliedskirchen und gibt Anregungen. Vor allem aber vertritt sie uns Kirchen gegen aussen und pflegt die Beziehungen auf Bundesebene. Nicht zu den Aufgaben der EKS gehört es, die Landeskirchen zu entlasten, indem sie ihre Aufgaben übernimmt. Die Kirchen müssen sich selbst organisieren. Ich halte nichts von Zentralisierungsmodellen. Auch in unserer Zürcher Kirche stehe ich für starke, autonome Gemeinden und föderalistische Strukturen ein. In dieser Logik sollte bei kleiner werdenden Kantonalkirchen und abnehmenden Finanzmitteln auch die EKS einen Rückgang der Finanzen einplanen.

Welche Themen stehen im Jahr 2025 an?
Die Staatsbeträge beschäftigen uns weiter. Im Februar findet die Kantonsratsdebatte statt. Wir warten mit Spannung auf den Antrag der vorberatenden Kommission. Im Herbst steht in Zürich das Jugendfestival Refine an. Es wird die erste Austragung sein und danach soll es alle zwei Jahre an einem anderen Ort in der Schweiz stattfinden. Wir hoffen, dass viele Jugendliche teilnehmen, und freuen uns auf ihre Vision von Kirche und auf die daraus entstehende Dynamik.

Zu Beginn des Gesprächs sagten Sie, sie hätten zu wenig freie Zeit. Wie laden Sie dennoch Ihre Batterien auf?
Meine Familie ist ein Ort, der mir Energie gibt, und das Streichquartett, in dem ich spiele. Ich kann Beruf und Privates nicht gut trennen, weil die Kirche auch mein eigenes Leben bedeutet. Nach den Besuchen in den Kirchgemeinden war ich auf dem Heimweg stets glücklich und dachte: Was für eine tolle Kirche mit inspirierenden Möglichkeiten zur Begegnung und so vielen engagierten Menschen! Das motiviert mich.

Nennen Sie einen realistischen Vorsatz für das neue Jahr – den Sie sicher nicht einhalten können.
(lacht) Mir steht noch ein Dienstaltersgeschenk zu, das ich einziehen muss, bevor es verfällt. Das wären zwei Wochen Ferien zusätzlich. Ich könnte mir vornehmen, alle diese Ferientage zu nutzen – was ich 2024 nicht geschafft habe. Noch weniger realistisch wäre es, mir vorzunehmen, in den Ferien die E-Mails nicht anzuschauen. Ich bewundere jene, die in ihrer Abwesenheitsmeldung schreiben, Mails würden nicht beantwortet, sondern schlicht und einfach gelöscht. So weit bin ich noch nicht. Ich freue mich aufs neue Jahr und auf die Arbeit, die Begegnungen und auch auf die schwierigen Herausforderungen. Aber die Ferien – das wäre vielleicht ein guter Vorsatz.

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