100 Tage Vollgas
Mit der Wahl zur Zürcher Kirchenratspräsidentin hat sich für Esther Straub vieles geändert. Nicht nur – aber auch – der Arbeitsweg: Seit gut hundert Tagen ist sie mit dem Velo in nur sieben Minuten im Büro.
Der grosse Raum im ersten Stock eines Hauses am Rand der Altstadt vermittelt den Eindruck, als sei der Amtsvorgänger Michel Müller zwar aus-, aber seine Nachfolgerin Straub noch nicht ganz eingezogen: Am Schreibtisch wird sichtlich viel gearbeitet, aber ansonsten fühlt sich das Büro etwas leer an.
Esther Straub erklärt, sie habe wenig Zeit gehabt, an die Inneneinrichtung zu denken. Vom ersten Tag an sei sie mitten in den Geschäften gewesen. Eingearbeitet hat sie sich in Windeseile. Sie sagt: «Mir scheint, als würde ich mit dem Team schon lange zusammenarbeiten.»
Gleichsam aus der Distanz schaut sie aber dann ihr neues Büro an, schweigt und meint schliesslich, neben der Türe werde sie wohl ein Bild an die Wand hängen. Der Kanton Zürich verfügt über eine Kunstsammlung, aus der sich öffentliche Einrichtungen Bilder und Objekte ausleihen können.
Esther Straub sagt von sich, als Kirchenratspräsidentin stehe für sie die Sache im Vordergrund und weniger Darstellung oder Glanz, die das Amt mit sich bringen. Diese Haltung hat sie während der Kandidatur vertreten – und ihr Büro ist ein Spiegel dessen.
Die Rolle der «ersten Nachfolgerin Zwinglis»
In der breiten Öffentlichkeit wurde die ehemalige Pfarrerin aus dem Zürcher Quartier Schwamendingen durch die Wahl ins Präsidium bekannt: «Erstmals eine Frau an der Spitze der Zürcher Landeskirche» titelte der Tagesanzeiger, «Erste Nachfolgerin Zwinglis» nannte sie das Tagblatt der Stadt Zürich, und Radio SRF formulierte: «Zum ersten Mal wird die Reformierte Kirche Zürich von einer Frau präsidiert».
Für sie war das vorherzusehen. Straub machte sich Gedanken, wie ihre Rolle als Frau in diesem Amt aussehen würde. Denn: «Ich werde als Frau automatisch anders wahrgenommen», sagt sie. Einzelne Männer fühlten sich hin und wieder berufen, ihr die Dinge zu erklären – auch seit sie Kirchenratspräsidentin ist. Doch mit Mansplaining ist man bei ihr an der falschen Adresse: «Darauf reagiere ich allergisch», sagt sie mit einem Blick, der zeigt, dass sie sich dieses Verhalten nicht gefallen lässt.
«Ich führe das Amt anders als die 33 Männer vor mir», sagt sie lachend auf die Frage, ob ihre Art eine weibliche sei. Es sei eher eine feministische Art, die sich etwa in der kritischen Haltung gegenüber hierarchischen Strukturen zeige.
Für sie steht im Zentrum, dass eine Frau dieses Amt übernehmen kann und welches Bild die Institution damit nach aussen hin vermittelt. «Natürlich kann ich auch bewusst neue Akzente setzen», sagt Straub. Dazu gehört, dass sie ihre Gastpredigt im Zürcher Fraumünster am Palmsonntag vor dem Who-is-who der Stadt in gendergerechter Sprache formulierte und beim Segen in weiblicher Form von Gott sprach. «Ich nehme die Verantwortung wahr, den Glauben von patriarchaler Sprache zu lösen», erklärt sie. Punkt. Akzent gesetzt.
Es geht um viel Geld...
In den Beginn ihrer Amtszeit fiel just das Geschäft mit Tragweite über ihre Legislatur hinaus: alle sechs Jahre geben die anerkannten Glaubensgemeinschaften dem Kantonsrat ein Tätigkeitsprogramm ab. Das Parlament entscheidet aufgrund der aufgelisteten gesellschaftlichen Leistungen über die Höhe der staatlichen Beiträge an die anerkannten Glaubensgemeinschaften. Es geht um viel Geld: Für den bald endenden Zeitraum haben die Zürcher Reformierten rund 150 Millionen Franken erhalten (ref.ch berichtete).
Ein Teilaspekt des Programms hat die Diskussion über das ganze Geschäft dominiert: Soll die reformierte Kirche künftig pro Jahr eine Million Franken der Staatsbeiträge an nicht-anerkannte Glaubensgemeinschaften weitergeben? Der Kirchenrat findet: Ja. Die katholische Kirche im Kanton Zürich hat dieselbe Absicht.
Für das Projekt setzte sich Esther Straub mit hohem Engagement ein. An der Versammlung der Synode erntete die Vorlage aber viel Kritik. Zwar nahmen die Synodalen das Tätigkeitsprogramm inklusive des Projekts ohne Gegenantrag zustimmend zur Kenntnis, doch sie beschlossen die Rückweisung des Rahmenkredits, der das Projekt finanziert.
...und um Politik
Die Rückweisung könnte man als Misserfolg sehen, doch Esther Straub sagt: «Es wurde ein wichtiger Schritt vollzogen.» Die Synodalen hätten mit dem Tätigkeitsprogramm das umstrittene Projekt im Grundsatz gutgeheissen. Nun sei es detaillierter auszuarbeiten, um es nach der Debatte im Kantonsparlament der Synode noch einmal vorzulegen.
Hier zeigt sich, dass die Kirchenratspräsidentin acht Jahre im Zürcher Kantonsrat sass. Sie kennt das politische Handwerk und lässt sich von einer einzelnen Abstimmung nicht aus der Ruhe bringen: «Die Abläufe sind mir vertraut. Wenn es nicht wie vorgesehen läuft, braucht es Weitblick und Spielfreude, um neue Handlungsmöglichkeiten zu finden.»
Interreligiöse Zusammenarbeit
Die Zusammenarbeit mit Vertretern anderer Glaubensgemeinschaften ist für Straub wichtig. Sie ist Mitglied des Interreligiösen Runden Tisches in Zürich, wo sich Christen, Muslime und Juden treffen. «Wir führen bisweilen harte Diskussionen», sagt sie, «aber wir stehen als Religionsgemeinschaften zusammen und lassen uns nicht auseinanderdividieren.»
Das zeigte sich etwa nach dem Angriff auf einen orthodoxen Juden in der Zürcher Innenstadt Anfang März, bei dem der Mann lebensgefährlich verletzt wurde. Im Zentrum der Stadt, auf dem Lindenhof, bildeten jüdische und muslimische Glaubensangehörige eine lange Menschenkette. Für diesen Zusammenhalt über Religionsgrenzen hinweg will sie «durch alle Böden kämpfen».
Denn Straub sieht die Stärke der reformierten Kirche in ihrer Offenheit gegenüber verschiedenen Glaubenszugängen. Deshalb sagt sie: «Ich will in meinem Amt sowohl konfessionell profiliert als auch konsequent in interreligiöser Partnerschaft handeln.» Die Religionslandschaft im Kanton Zürich verändert sich merkbar, für Straub bleibt eines konstant: «Gemeinsam gelebter Glaube ist wichtig.»
Die Wurzeln dieser Überzeugung sind in Schwamendingen zu finden. Die ehemalige Gartenstadt Zürichs liegt zwischen Vorstadt und Agglomeration, der Ausländeranteil beträgt 37 Prozent. 1970 war die Bevölkerung vorwiegend reformiert. Zahlen der Stadt Zürich weisen einen Anteil von 59 Prozent aus. Aktuell sind nur noch rund 17 Prozent der Menschen in Schwamendingen reformiert. 29 Prozent sind katholisch und 12 Prozent muslimisch.
Esther Straub arbeitete 20 Jahre lang als Pfarrerin in diesem Stadtteil und sie sagt, die interreligiöse Situation habe sie geprägt: «Wer bei uns im Kirchgemeindehaus Hilfe suchte, war häufig nicht christlichen Glaubens.» Unterstützt wurden die Menschen trotzdem. Die Jugendgruppen der reformierten, katholischen und christlich-orthodoxen Kirchen sowie jene aus der Moschee besuchten sich gegenseitig.
In ihren ersten hundert Tagen im Amt ist es schon vorgekommen, dass Esther Straub, wenn es die Agenda erlaubte, ihr Büro verliess, sich aufs Velo setzte und nach Schwamendingen fuhr – zum gemeinsamen Mittagessen in ihrem ehemaligen Kirchenkreis.