Zürcher Kirchenratswahlen

Eine Frau übernimmt die Führung

Esther Straub präsidiert als erste Frau die reformierte Zürcher Landeskirche. Während sie souverän gewählt wurde, musste ein Bisheriger an der Synode um seine Wiederwahl bangen.

Esther Straub gibt ihr Pfarramt ab und wird ab Januar 2024 Zürcher Kirchenratspräsidentin. (Bild: zVG)

Diese Wahlen hatten bis zum Schluss das Potenzial für eine Überraschung. Kandidaturen für den reformierten Zürcher Kirchenrat waren selbst am Wahltag noch möglich. Die Wahl des Kirchenratspräsidiums war jedoch ein Sololauf.

Im Vorfeld hatten zwei Personen ihre Kandidatur zurückgezogen: Amtsinhaber Michel Müller entschied sich, im kommenden Jahr eine Pfarrstelle am Fusse der Rigi im Kanton Luzern zu übernehmen (ref.ch berichtete). Theologin Sabrina Müller verfolgt ihre Karriere als Akademikerin weiter, sie hat einen Ruf an eine Universität erhalten und eine Professur im Ausland angenommen. Somit blieb Esther Straub, bisher Kirchenrätin, als einzige Kandidatin übrig.

Gleich im ersten Wahlgang erzielte die Religiös-Soziale ein souveränes Resultat. 100 von 113 Synodalen gaben ihr die Stimme. Viele Stimmen erhalten haben dürfte Straub auch vom Synodalverein, derjenigen Fraktion, welcher Amtsinhaber Michel Müller angehört. Er sei Straubs Kandidatur skeptisch gegenübergestanden, sagte Fraktionspräsident Heinrich Brändli. In den Hearings habe Straub aber überzeugt, so dass sie schliesslich die Unterstützung des Synodalvereins gewonnen habe. 

Emotionale Dankesworte

Straub ist die erste Frau an der Spitze der reformierten Zürcher Landeskirche. Mit ihr besteht neu eine Frauenmehrheit im Kirchenrat. Auch in der reformierten Kirche hätten Frauen lange warten müssen, bis sie Gleichstellung erlangten, sagte die 53-Jährige nach ihrer Wahl vor der Synode. Erst am 17. November hatte Zürich 60 Jahre Frauenordination gefeiert. Denen, die den Weg geebnet hätten, sei sie verbunden, sagte Straub. Ihre Wahl sehe sie als Zeichen dafür, «dass die reformierte Kirche Zürich Frauen als Gesprächspartnerinnen ernst nimmt, sie als Initiantinnen und Verantwortungsträgerinnen schätzt und respektiert.» Sie werde sich «mit Leidenschaft und Elan, Sorgfalt und Umsicht» für die Kirche einsetzen. 

Antisemitismus beschäftigt Synode

Der Krieg im Nahen Osten hat auch die Zürcher Synode beschäftigt. Das reformierte Kirchenparlament überwies ein Postulat «für eine Kirche ohne Antisemitismus». Dieses verlangt, dass der Kirchenrat prüft, wie er den «wachsenden Antisemitismus» bekämpfen und kirchliche Mitarbeitende für das Thema sensibilisieren kann. Der Kirchenrat zeigte sich bereit, das Postulat entgegenzunehmen. Zudem verabschiedete die Synode eine ähnlich lautende Resolution. Verabschiedet wurde an der Synode weiter das Budget, es schliesst mit einem Minus von rund 2,7 Millionen Franken. (jow)

Straub versteht die Kirche als Körperschaft, die «tatsächlich wie ein Körper konstituiert ist.» Jedes Glied am Leib sei auf die anderen angewiesen, Kirchenrat, Synode, Mitarbeitende. Im Übrigen sei ihr bewusst, dass nicht nur Schönes auf sie warte, sagte die neue Kirchenratspräsidentin. Der Mitgliederverlust beschäftige sie, die Kirche müsse für die junge Generation relevanter werden. Straub bedankte sich zum Schluss für die Unterstützung bei ihrer Familie, ihrem Mann und ihren Kindern, und gedachte auch ihrem vor wenigen Wochen verstorbenen Vater. «Er hat mir beigebracht, zuerst nachzudenken, aber dann zu sprechen, wenn ich wirklich etwas zu sagen habe.» 

Frauen sind im reformierten Zürcher Kirchenrat neu in der Mehrheit. (Bild: Gion Pfander)

Sie wolle mit ihrer Wahl auch eine Identifikationsmöglichkeit für andere Frauen schaffen, sagte Straub im Gespräch mit ref.ch. Die promovierte Theologin ist seit rund zwanzig Jahren Pfarrerin in Zürich-Nord, noch bis Ende Jahr bleibt sie im Pfarramt. An Silvester will sie noch einmal einen Gottesdienst halten, dann gibt sie die Pfarrstelle weiter. Vor ihrer Wahl zur Kirchenratspräsidentin war sie acht Jahre lang Kirchenrätin. Für die Sozialdemokraten politisierte sie neun Jahre im Stadtzürcher Gemeinde- und acht Jahre im Zürcher Kantonsrat. 

Zitterpartie für Amtsältesten

Ergebnisoffener waren die Wahlen für den Kirchenrat, dort hatten sich acht Kandidierende für sechs Sitze beworben. Den Spitzenplatz erzielte der Bisherige Bruno Kleeb mit 112 von 117 Stimmen. Ebenfalls klar bestätigt wurden die Kirchenrätinnen Katharina Kull-Benz (101 Stimmen, Liberale) und Margrit Hugentobler (95 Stimmen, Synodalverein).

Eine Nervenprobe dürften die Wahlen dagegen für Andrea Marco Bianca gewesen sein, vor allem, weil die Auszählung länger dauerte und einige Zeit verging, bis das Wahlergebnis bekanntgegeben werden konnte. Bianca ist seit sechzehn Jahren im Kirchenrat, er gehörte der liberalen Fraktion an. Weil ihn diese jedoch nicht mehr zur Wahl aufstellen wollte, trat er fraktionslos an. Vor der Wahl gab es Votanten, die sich dafür aussprachen, alle neuen Mitglieder zu wählen, andere dagegen plädierten dafür, alle Bisherigen zu unterstützen.

Bianca erhielt schliesslich 61 Stimmen und damit bloss zwei Stimmen mehr als Franco Sorbara, der für die Evangelisch-kirchliche Fraktion einen zweiten Sitz erobern wollte. Die Fraktion respektiere die demokratischen Vorgänge, sagte Fraktionspräsident Christian Meier. «Wir nehmen zur Kenntnis, dass die Sitzverteilung nicht mehr den Stärken im Kirchenrat entspricht.»

Neu im Kirchenrat sitzen die Juristin Eva Schwendimann (82 Stimmen, religiös-soziale Fraktion) und der Pfarrer Dominik Zehnder (78 Stimmen, Liberale). Chancenlos blieb Pfarrer Thomas Villwock, der für den Synodalverein angetreten war (34 Stimmen).