Missbrauch in der reformierten Kirche
Evelyn Borer: «Wir haben Machtmissbrauch zugelassen»
«Wir haben Machtmissbrauch zugelassen. Darüber gibt es eine gewisse Scham. Wir versuchen, dem mit Aktivität entgegenzutreten. Dabei sind wir in der Pflicht, einen Kulturwandel anzustossen.» Dieses deutliche Votum hielt Evelyn Borer an einer Tagung der femmes protestantes in Bern.
Borer war bis Ende des vergangenen Jahres Synodepräsidentin der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS), und sie ist Synodalratspräsidentin der Solothurner Kantonalkirche. Sie sei selbst in einer Machtposition, sagte Borer, das sei ihr bewusst und sie nehme sich von ihrer Kritik nicht aus. Im Zusammenhang mit der Aufarbeitung der Causa Locher (ref.ch berichtete) sprach Borer dennoch von einer «verpassten Chance».
Borer: «Unangenehmes Thema»
Die EKS-Synode habe den Untersuchungsbericht zur Causa bei ihrer Versammlung im September 2021 innerhalb einer Stunde abgehandelt, ohne das Thema vertieft zu diskutieren. Die Verantwortung sei delegiert und quasi bürokratisiert worden mit dem Auftrag, Reglemente zu erstellen. «Wir mussten uns emotional nicht engagieren und vor versammelter Mannschaft keine Auskunft darüber geben, was das mit uns als Kirche macht», sagte Borer.
Sie sei «ziemlich sicher», dass auch an der EKS-Sommersynode im Juni in St. Gallen bloss «Instrumente beurteilt» würden, anhand derer Betroffene Hilfe bekommen könnten. «Uns fehlt noch immer die emotionale Sprachfähigkeit.» Das Thema sei unangenehm und schwierig, deshalb werde dazu geschwiegen.
Betroffene appelliert an Synode
Die Synodalen überliessen die Arbeit offensichtlich lieber den Kommissionen, statt das Leid selbst anzuerkennen. «Das ist zu wenig für eine Kirche, die mit Haltung vorangehen möchte und gesellschafts- sowie systemrelevant sein will», sagte Borer.
Einen Vorschlag, wie das Thema angegangen werden könnte, machte an der Tagung Vreni Peterer. Sie wurde selbst Opfer eines Missbrauchs im kirchlichen Umfeld und präsidiert eine Betroffenenorganisation. «Wir Betroffenen machen es und erzählen mit klaren Worten, was passiert ist», sagte sie. Peterer schlug vor, Betroffene in eine Synode einzuladen. «Dann sieht jeder, es geht um Menschen, nicht um trockene Materie.»
Hohe Abhängigkeit begünstigt Missbrauch
Im vergangenen Jahr stellten sich die femmes protestantes gegen den Vorschlag der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz, eine gesamtgesellschaftliche Missbrauchsstudie durchführen zu lassen (ref.ch berichtete). An der Tagung setzte der nationale Dachverband das Thema erneut auf die Agenda. Die Leitfrage lautete: Wie kann Aufarbeitung von und Prävention vor Machtmissbrauch in den Evangelisch-reformierten Kirchen gelingen?
«Das Thema ist noch nicht zu Ende besprochen, und schon gar nicht zu Ende bearbeitet», sagte Sabine Scheuter, Delegierte der reformierten Zürcher Landeskirche und kirchliche Fachperson für Grenzverletzungen sowie Präsidentin der Frauen- und Genderkonferenz der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS).
Die deutsche Journalistin und Autorin Lena Marbacher zeigte in ihrer Präsentation auf, in welchen Organisationen Machtmissbrauch vorkommen kann. Begünstig werden könne er zum Beispiel, wenn jemand in einer hohen Abhängigkeit stehe. «Die Verhältnisse sind aber veränderbar. Man muss es nur wollen», sagte Marbacher.
An der Tagung vertieften Expertinnen die Themen schliesslich in verschiedenen Workshops. Sie befassten sich zum Beispiel damit, wie eine nationale Meldestelle für Opfer kirchlichen Machtmissbrauchs geschaffen werden könnte oder mit der Frage, wie es gelingt, Missbrauchsopfer besser in die Aufarbeitung einzubeziehen.