Jahrestag Missbrauchsstudie

«Kirchenleute galten als unfehlbar»

Vor einem Jahr hat eine Studie zahlreiche Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche aufgedeckt. Die Präventionsbeauftragte Dolores Waser Balmer zieht Bilanz, welche Massnahmen inzwischen ergriffen wurden und wo es noch hapert. Für die Reformierten hat sie eine Empfehlung.

Insgesamt 1002 Missbrauchsfälle in der katholische Kirche identifizierte eine Pilotstudie der Universität Zürich. Inzwischen ist die Zahl der Betroffenen weiter gestiegen. (Bild: Alessandro della Valle/ Keystone)

Frau Waser Balmer, nach Publikation der katholischen Missbrauchsstudie vor einem Jahr wurden verschiedene Massnahmen beschlossen. Was davon hat man inzwischen umgesetzt?
Nach der anfänglichen Schockstarre hat man vielerorts genau hingeschaut, was es braucht. Bei uns im Bistum St. Gallen wurde eine duale Kommission gegründet, um alle Verfahrenswege und Einbettungen bestehender Angebote zu prüfen. Dafür wurden zahlreiche Gespräche geführt, auch schmerzhafte. Auf nationaler Ebene wurde der Wunsch nach einer Anlaufstelle sehr ernst genommen. Allerdings merkte man auch, dass es nicht so einfach ist, wie man sich das vorgestellt hat.

Ein Jahr später existiert diese Anlaufstelle noch immer nicht. Welche Hindernisse gibt es?
Mich betrübt es auch, dass es so lange dauert. Will man eine Anlaufstelle, die gute Arbeit leistet, braucht es jedoch viele Vorbereitungen. Eine unabhängige Anlaufstelle sollte flächendeckend, also in allen Sprachregionen vertreten sein, und eine hohe Erreichbarkeit haben. Die Betroffenen sollen nicht lange anreisen müssen. Das alles ist relativ aufwändig und braucht lange Aushandlungsprozesse. Und natürlich kostet es auch Geld.

Wurden die Betroffenen in diesen Prozess miteinbezogen?
Man hat sich von Anfang an darum bemüht, Betroffene ins Boot zu holen. Sie sind auch Ansprechpartner in den Gremien, die sich mit der Aufarbeitung befassen. Mit Vreni Peterer von der Interessensgemeinschaft Missbrauch in der Kirche (IG MiKU) haben wir ein Gegenüber, das sich sehr klar, konstruktiv und hilfreich einbringt.

«Etwas vom Wichtigsten ist, dass wir lernen müssen, über Macht zu reden.»
Dolores Waser Balmer

Gerade von Frau Peterer gab es aber auch deutliche Kritik. Unter anderem hat sie beanstandet, dass Anfragen von Betroffenen an Bischöfe teilweise unbeantwortet blieben.
So etwas geht natürlich gar nicht. Auch wenn ich von Betroffenen höre, dass sie von kirchlichen Mitarbeitenden nicht ernst genommen werden oder keinen Gesprächstermin bekommen. Das macht mich wütend. Ich glaube aber, wir müssen zwei Ebenen unterscheiden. Bei der Aufgleisung der Anlaufstelle hat man die Betroffenen meines Erachtens gut ins Boot geholt. Bei der direkten Aufarbeitung von Betroffenensituationen gibt es hingegen noch Aufholbedarf.

Zur Person

Dolores Waser Balmer leitet derzeit die Fachstelle Diakonieanimation des Bistums St. Gallen. 2016 wurde sie mit dem Mandat zur Einführung eines Schutzkonzeptes im Bistum St. Gallen betraut und ist dort Mitglied der Kommission Schutz und Prävention. Im Auftrag des Bischofs von St. Gallen war sie von 2016 bis 2021 Ansprechperson des Fachgremiums gegen sexuelle Ausbeutung. Ab Anfang Oktober leitet Waser Balmer gemeinsam mit Elena Anita Furrer die Präventionsarbeit im Bistum Chur.

Nach Publikation der Studie gab es viel Ursachenforschung. Was macht in Ihren Augen kirchliche Strukturen so anfällig für Missbrauch?
Das hängt meines Erachtens vor allem mit den Machtstrukturen der Kirche zusammen. In der katholischen Kirche haben wir das Bischofsamt, das viel Macht in sich vereinigt. Da muss man in Zukunft sicher genau hinschauen. Eine Möglichkeit wäre beispielsweise, Leute zu bestimmen, die das Recht und die Pflicht haben zu intervenieren.

Sie wechseln nächsten Monat als Präventionsbeauftragte ins Bistum Chur. Was wollen Sie dort erreichen?
Im Bistum Chur sind viele Grundlagen wie der Verhaltenskodex bereits erarbeitet worden. Unsere Aufgabe wird sein, an dieser Sensibilisierung weiterzuarbeiten und einen Kulturwandel voranzubringen. Etwas vom Wichtigsten ist, dass wir lernen müssen, über Macht zu reden. Wo gibt es legitime Macht, die aber achtsam ausgeführt werden muss? Und wo wird Macht missbraucht? In den Pastoralräumen und Seelsorgeeinheiten sollen die Mitarbeitenden merken, dass sie als Team besser unterwegs sind, wenn sie über Themen wie Nähe und Distanz sprechen können.

«Lange waren Kirchenleute unantastbar, sie galten praktisch als unfehlbar. Das gilt auch für reformierte Pfarrpersonen.»
Dolores Waser Balmer

Zeitverzögert befassen sich auch die Reformierten mit dem Thema Missbrauch in den eigenen Reihen. Welche Learnings gibt es aus der katholischen Kirche?
Lange waren Kirchenleute unantastbar, sie galten praktisch als unfehlbar. Das gilt auch für reformierte Pfarrpersonen. Eine Studie wäre auf jeden Fall hilfreich, um eine Datenbasis zu haben, an der man weiterarbeiten kann. Es genügt aber nicht, einfach die Studienergebnisse abzuwarten, vielmehr muss bereits im Vorfeld der Publikation alles gut vorbereitet werden.

Warum ist das wichtig?
So eine Studie kann sehr viel auslösen, nicht nur bei Betroffenen und in der Gesellschaft, sondern auch bei den eigenen Mitarbeitenden. Es ist deshalb wichtig, genügend Ressourcen zur Verfügung zu haben, um das aufzufangen. Denn es wird viel Zeit zum Reden brauchen, sowohl intern wie auch extern. Wichtig ist, dass man bereits im Vorfeld gut kommuniziert und öffentliche Gesprächsangebote macht. Die Menschen sollen merken: Die Kirche nimmt sich die Zeit, um sich ernsthaft mit dem Thema auseinanderzusetzen.