Vorerst keine reformierte Missbrauchsstudie
Der Rat der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) hat sich an der Sommersynode in Neuenburg nicht durchsetzen können: Sein Antrag, von der Universität Luzern und dem Meinungsforschungsinstitut Demoscope für rund 1,6 Millionen Franken eine so genannte Dunkelfeldstudie durchführen zu lassen, ist abgelehnt worden. Mit 32 zu 24 Stimmen bei fünf Enthaltungen haben sich die Delegierten der reformierten Landeskirchen für einen Gegenantrag ausgesprochen, hinter dem dreizehn Kantonalkirchen stehen (ARAI, BL, LU, NW, OW, SG, SZ, TG, TI, UR, ZG, ZH).
Dieser sieht vor, dass sich der EKS-Rat beim Bund einsetzt für eine nationale gesamtgesellschaftliche Missbrauchsstudie. Die Verantwortung für eine Befragung der gesamten Bevölkerung darüber, ob und in welchem Umfeld jemand Missbrauch erfahren habe, könnten nicht die Reformierten allein tragen.
Das müsse dem Bund übertragen werden, sagten sinngemäss Martina Tapernoux, evangelische Kirchenratspräsidentin beider Appenzell, sowie die Zürcher Kirchenratspräsidentin Esther Straub. Es brauche eine unabhängige Instanz für die Befragung. Wenn die reformierte Kirche diese übernehmen würde, bekäme sie eine «problematische Schlagseite», sagte Straub.
Nationale Meldestelle einrichten
Sexueller Missbrauch müsse schonungslos aufgeklärt werden, hielt Straub fest. Es gelte, die Täter in den Fokus zu nehmen. «Wir müssen gemeinsam an einer Kultur arbeiten, in der Missbrauch keine Chance mehr hat.» Sexuelle Gewalt sei im Patriarchat verwurzelt, und Kirchen hätten ein Problem damit, weil sie patriarchal geprägt seien. «Die männliche Überlegenheitskultur ist stark.» Auch die reformierte Kirche habe hier einen blinden Fleck.
Straub begründete auch die Gegenanträge der 13 Landeskirchen. Die Anträge des EKS-Rates griffen zu kurz und gingen an entscheidenden Punkten zu wenig weit, sagte sie. Nach dem Motto «Sorgfalt vor Eile» gelte es, einen Schritt zurückzutreten. Die Anträge seien «betroffenenorientiert, spezifisch, partizipativ und schneller umsetzbar», ergänzte die Luzerner Synodalratspräsidentin Lilian Bachmann.
In einem entsprechenden Gegenantrag verlangte die Gruppierung deshalb, dass die EKS eine Arbeitsgruppe gründet. Dieses Gremium soll sich aus internen und externen Expertinnen zusammensetzen und dann prüfen, ob es eine interne Erhebung oder eine Studie zu sexuellem Missbrauch braucht und falls ja, wie diese aussehen könnte. Auch weitere Massnahmenpakete sollen diskutiert werden, die den Schutz der persönlichen Integrität stärken. Dem Antrag wurde deutlich mit 41 zu 19 Stimmen bei 5 Enthaltungen zugestimmt.
Zustimmung fand auch ein Antrag, eine externe nationale Meldestelle zu schaffen (43:18 Stimmen). Der EKS-Rat hat zudem den Auftrag erhalten, die Präventionsarbeit in den Landeskirchen zu verstärken. Dazu könnten unter anderem einheitliche Schutzkonzepte gehören. Gegenwärtig gehen die Kantonalkirchen darin unterschiedlich weit, grössere Kirchen wie Zürich haben bereits verbindliche, einheitliche Standards und verlangen von ihren Mitarbeitenden zum Beispiel einen Strafregisterauszug. Kleineren Kirchen fehlt es dagegen an Ressourcen, um solche Schutzkonzepte zu erarbeiten.
Für die Zustimmung zur vom Rat vorgeschlagenen Dunkelfeldstudie hatte zuvor EKS-Rätin und Ratsvizepräsidentin Catherine Berger geworben. Jedes Missbrauchsschicksal sei eines zu viel, sagte Berger. «Meistens ist es schwer fassbar, und es steht in besonders krassem Widerspruch zu christlichen Grundwerten.» Es reiche eben nicht, nur in die Prävention zu investieren.
«Wir werden daran gemessen, wie wir Missbrauch aufdecken und verhindern.» Mit der Dunkelfeldstudie hätte die reformierte Kirche beispielhaft vorangehen und «Vorreiterin statt Schlusslicht» sein können. Die Ratsargumente wurden auch von den Delegierten der Bündner Landeskirche und den Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn unterstützt. Eine Studie hätte dazu beigetragen, das Thema Missbrauch gesellschaftlich zu enttabuisieren, sagte sinngemäss Judith Pörksen Roder, Synodalratspräsidentin von RefBeJuso.
Ratspräsidentin übt Selbstkritik
Der Rat bedauere sehr, mit den Anträgen nicht durchgekommen zu sein, sagte Präsidentin Rita Famos am Rande der Synode im Gespräch mit ref.ch. «Es ist schade, hat die Synode den Mut nicht gefunden, voranzugehen.» Nun werde sich die Exekutive dafür einsetzen, das Thema auf nationaler Ebene anders zu lancieren. «Wir gehen einen Schritt zurück und nehmen uns Zeit dafür zu prüfen, ob es eine andere Art von Studie braucht und falls ja, wie diese aussehen könnte.»
Bloss eine interne Untersuchung zu sexuellem Missbrauch durchzuführen, wie dies ein möglicher Vorschlag des Änderungsantrags vorsieht, genüge nicht, meinte Famos. «Das ist nicht so aussagekräftig wie das Bild eines Gesamtfeldes und hat nicht so viel Kraft, weil es nicht vergleichbar ist.»
Die Ratspräsidentin zeigte sich überdies durchaus selbstkritisch. «Es kann sein, dass wir mit unseren Vorstössen zu schnell vorangegangen sind und deshalb die Delegierten verloren haben.» Diese hätten offenbar nicht verstanden, worum es in der Studie gegangen wäre. «Wir haben nach wie vor den Eindruck, dass wir in der Angelegenheit bald auskunftsfähig sein müssen und deshalb Fakten und Zahlen brauchen», sagte Famos.
Wer etwas erreichen wolle, müsse auch einmal vorpreschen. «Die Exekutive muss Vorgaben geben und es dann auch ertragen, in einer fairen Diskussion zu unterliegen.» Im Übrigen distanzierte sie sich von der Aussage, der Rat habe sich nicht partizipativ verhalten. Das sei unzutreffend. «Wir haben ein Gremium mit kirchlichen Expertinnen und wir tauschen uns regelmässig mit Politikerinnen aus.»
Alternative Ideen prüfen
Ein konstruktives und sorgfältiges Vorgehen sei sehr wichtig, sagte dagegen die Zürcher Kirchenratspräsidentin Esther Straub. «Wir hatten den Eindruck, es waren zu wenig Fachmeinungen am Prozess beteiligt.»
Die Arbeitsgruppe solle zuerst einmal eine Auslegeordnung machen und prüfen, welche Massnahmen es brauche. «Diese lassen sich dann relativ rasch umsetzen», sagte Straub. Priorität hätten mit dem Beschluss der Synode die Bildung einer externen, nationalen Anlaufstelle für Missbrauchsopfer sowie die Verstärkung der Präventionsarbeit in den Kantonalkirchen. «Das schützt vor weiterem Missbrauch.»
Eine Studie nur um der Studie willen sei keine Lösung. «Es stellt sich die Frage, ob es das überhaupt braucht. Kommt die Expertinnengruppe zum Schluss, dass es notwendig ist, wird sie es beantragen.» Wenn es eine Studie gebe, müssten das Design und der Studienzweck sehr offen sein und von den Expertinnen mitbestimmt werden. Wichtiger sei es, ausreichend Vertrauen zu schaffen, so dass Betroffene sich melden könnten und ihre Geschichten nicht nur angehört, sondern ernst genommen würden und zu Konsequenzen oder Massnahmen für die Täter führten.
Die von der EKS für die Dunkelfeldstudie budgetierten 1,6 Millionen Franken liessen sich möglicherweise besser in einen «Kulturwandel» investieren, etwa in Geld zu Diskussionen über die «männliche Überlegenheitskultur» oder der Frage, wie innerhalb der Kirche über Sexualität gesprochen werde. «Es gibt vielleicht wirkungsvollere Massnahmen als eine Studie.»
Bereits im Vorfeld der Synode war der Ratsantrag zur Dunkelfeldstudie kontrovers diskutiert worden (ref.ch berichtete). Die Synodalen hatten sich einerseits am Vorpreschen des EKS-Rates gestört: Ratspräsidentin Rita Famos hatte bereits im letzten Dezember wenige Tage vor Weihnachten von einer möglichen Studie gesprochen. Andererseits bemängelten sie inhaltliche Aspekte, etwa die Vergabe des Auftrages ohne vorherige öffentliche Ausschreibung und auch die Höhe der Kosten.
Kritisch geäussert hatten sich auch die Femmes protestantes, sie hatten die vom EKS-Rat vorgeschlagene Dunkelfeldstudie abgelehnt. In einer Reaktion zeigten sie sich nun zufrieden über die Entscheide der Synode. Diese seien ein «wichtiger Schritt, um kraftvoll gegen Missbrauch in der Kirche vorzugehen.»