Gleichstellung in der Kirche

Vom Ausschluss bis zur Anerkennung

Dass es heutzutage vollamtliche Pfarrerinnen gibt, hat weniger mit der Reformation zu tun als mit dem jahrzehntelangen Engagement von Frauen. Die Westschweizer Historikerin Lauriane Savoy hat sich auf Spurensuche begeben.

Männer sind präsent, dabei haben auch Frauen an der Reformation entscheidend mitgewirkt. Die Aufnahme zeigt das internationale Reformationsdenkmal in Genf. (Bild: Gaëtan Bally/ Keystone)

Das Frauenstimmrecht in kirchlichen Angelegenheiten, warnten vornehmlich ältere Protestanten zu Beginn des 20. Jahrhunderts, werde zum Frauenstimmrecht auf politischer Ebene führen. Und nicht nur das: Danach, befürchteten die Männer, würden die Frauen auch noch Pfarramt für sich beanspruchen. So schildert es die Historikerin Lauriane Savoy in ihrem Buch «Pionnières. Comment les femmes sont devenues pasteures.»

Mit ihrer Einschätzung lagen die Gegner des kirchlichen Frauenstimmrechts richtig – nur aufhalten konnten sie die Entwicklung nicht. Dieses Jahr feiert Zürich 60 Jahre vollamtliche Frauenordination. Ein Jubiläum, das in nächster Zeit auch auf andere Kantone zukommt.

Die vollamtliche Frauenordination gilt heute als eines der wichtigsten Unterscheidungsmerkmale zwischen der reformierten und der katholischen Kirche. Mit einem katholischen Vater und einer reformierten Mutter fiel Savoy schon als Kind auf, dass es nur bei den Reformierten Pfarrerinnen gab. «Das fand ich merkwürdig», sagt Savoy. An die Erklärung der Erwachsenen kann sie sich nicht mehr erinnern. Aber die Frage nach dem «Warum» begleitete sie noch lange.

«Marie Dentières Texte waren ganz klar subversiv.»
Lauriane Savoy, Historikerin

Nach ihrem Geschichtsstudium hat Savoy an der theologischen Fakultät Genf zum Thema Frauenordination in den Kantonen Genf und Waadt doktoriert. Beide Kantone stehen exemplarisch für die Situation in der gesamten Schweiz und zeigen, dass die Geschichte des Feminismus und des Protestantismus eng verknüpft sind.

Schon von Anfang an dabei

Obwohl Frauen sich seit der ersten Stunde für die Reformation eingesetzt hatten, gehörte ihre vollamtliche Ordination nicht zu den Anliegen von Huldrych Zwingli oder Johannes Calvin. «Marie Dentière etwa war eine bekannte Reformatorin und Zeitgenossin von Jean Calvin», sagt Savoy. Als erste Person dokumentierte Dentière die Geschichte der Reformation in Genf. Und sie forderte für Frauen das Recht, zu predigen. «Ihre Texte waren ganz klar subversiv», sagt Savoy. Dass sie sich mit Calvin gestritten habe, zeuge von einem starken Charakter. Dentières Beiträge zur Reformation wurden sehr spät aufgearbeitet. Erst 2002 wurde ihr Name zum Genfer Reformationsdenkmal hinzugefügt.

Bis Frauen vollamtliche Pfarrerinnen werden konnten, sollte viel Zeit vergehen. «Ein häufiges Argument gegen die Frauenordination lautete, dass Frauen nicht über die nötige Autorität für dieses Amt verfügten», sagt Savoy. Auch biblische Textstellen wurden angeführt: Die Frau müsse sich dem Mann unterordnen. Und schliesslich wurde argumentiert, dass die Rollen als Pfarrerin und als Mutter unvereinbar seien. Kurzzeitig stand sogar zur Debatte, ob man im Falle einer Frauenordination den Zölibat für weibliche Pfarrpersonen einführen müsste, erzählt Savoy.

«Den meisten schien es wohl harmlos, den Frauen das aktive Stimm- und Wahlrecht zu geben.»
Lauriane Savoy, Historikerin

Eine wichtige Voraussetzung für die Frauenordination erfüllte sich im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts: Genfer Feministinnen erreichten, dass sich Frauen an der Universität immatrikulieren können – zunächst profitierten aber nur Frauen aus dem Ausland davon. Denn Mädchen durften das Gymnasium, die nötige Vorstufe für die Universität, noch gar nicht besuchen. «Ab 1910 durften sich dann einzelne Mädchen den Klassen anschliessen», sagt Savoy.

Türöffner Frauenstimmrecht

In der Zwischenzeit bemühten sich die Feministinnen mit Petitionen auch um die Einführung des kirchlichen Frauenstimmrechts. Im Kanton Waadt wurde es 1908 von der Synode und vom Kantonsparlament eingeführt. Im progressiveren Genf hingegen führte die Debatte zur Trennung von Kirche und Staat zu einer Verzögerung. 1910 stimmten schliesslich auch die Genfer Reformierten dem Frauenstimmrecht mit grosser Mehrheit zu. «Den meisten schien es wohl harmlos, den Frauen das aktive Stimm- und Wahlrecht zu geben», sagt Savoy. Frauen erhielten damit nur die Möglichkeit, bei der Wahl des Pfarrers mitzuentscheiden. Selbst konnten sie nicht gewählt werden – auch nicht ins Kirchenparlament.

Ohne das Engagement vieler Frauen wäre Kirche schon damals nicht mehr möglich gewesen. Besonders die Ehefrauen der Pfarrer waren stark in den kirchlichen Alltag eingebunden – ob sie wollten oder nicht. So wurde etwa von ihnen erwartet, sich um die Sonntagsschule zu kümmern, beim Chor mitzusingen und Anlässe der Kirchgemeinde zu organisieren.

«Die reformierten Kirchen haben bei der demokratischen Beteiligung der Frauen eine Vorreiterrolle eingenommen.»
Lauriane Savoy, Historikerin

In den 1920er Jahren studierten fünf Frauen Theologie in Genf, die meisten von ihnen waren Töchter von Pfarrern. Die Frage nach ihrer beruflichen Zukunft drängte sich auf. Als sich eine Kommission mit der Anpassung der Kirchenverfassung auseinandersetzte, liess sie sich von der Feministin Émilie Gourd beraten. Diese fasste die Situation in den anderen Kantonen und im Ausland zusammen: 1918 waren im Kanton Zürich mit Rosa Gutknecht und Elise Pfister zum ersten Mal in ganz Europa zwei Frauen ordiniert worden. Allerdings verhinderte der Zürcher Regierungsrat, dass sie als reguläre Pfarrerinnen angestellt werden konnten (ref.ch berichtete). Die Landeskirche verlieh ihnen daraufhin den Status als Pfarrhelferinnen. Sie verdienten weniger und mussten vorwiegend Verwaltungsaufgaben übernehmen.

Für eine ähnliche Regelung entschied sich schliesslich auch das Genfer Kirchenparlament, als 1929 mit Marcelle Bard die erste Frau ihr Theologiestudium abschloss. Pionierinnen wie Gutknecht waren nach Genf gereist, um für die Frauenordination zu werben. Blickt Historikerin Lauriane Savoy zurück, ist für sie klar: «Die reformierten Kirchen haben bei der demokratischen Beteiligung der Frauen eine Vorreiterrolle eingenommen.» Bard wird schliesslich die erste Pfarrerin von Genf, darf allerdings nur an der Seite eines Mannes arbeiten. 1968 wandelte das Kirchenparlament das «pastorat auxiliaire» dann in ein vollwertiges Pfarramt um – drei Jahre, bevor auf eidgenössischer Ebene das Frauenstimmrecht eingeführt wird.