Kirchenleitung

Damenwahlen

Lange Zeit waren die reformierten Kirchenleitungen fest in Männerhand. In den letzten Monaten jedoch hat sich die Zahl der Kirchenrats- und Synodalratspräsidentinnen fast verdreifacht. Ein Trend oder doch eher Zufall? Und was bedeutet das für die Reformierten in der Schweiz?

Die acht (designierten) Synodalrats- und Kirchenratspräsidentinnen der Schweizer Reformierten: Lillian Bachmann (LU), Evelyn Borer (SO), Eva di Fortunato (GE), Christina Aus der Au (TG) (obere Reihe, von links); Erika Cahenzli (GR), Marie-Claude Ischer (VD), Martina Tapernoux (AI/AR) und Judith Pörksen (BeJuSo) (untere Reihe, von links). (Bilder: zVg, Keystone / Anthony Anex)

Kirche wird von Männern gemacht, weil die kirchenpolitischen Entscheidungsträger überwiegend Männer sind. Diese These hat zwar nach wie vor Gültigkeit. Wer die jüngsten Wahlen in den reformierten Kantonalkirchen verfolgt hat, könnte jedoch zum Schluss kommen, dass sich an den Verhältnissen langsam etwas ändert.

So wurden gleich in mehreren Kirchen Frauen als Synodalrats- oder Kirchenratspräsidentinnen gewählt: Im Thurgau setzte sich Christina Aus der Au gegen ihren Mitstreiter Paul Wellauer durch, in den beiden Appenzell stach Martina Tapernoux den bisherigen Kirchenrat Thomas Gugger aus und in Genf löste Eva Di Fortunato Interimspräsident Georges Bolay ab.

Wenige Monate zuvor waren bereits Judith Pörksen an die Spitze der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn und Erika Cahenzli als Präsidentin in Graubünden gewählt worden. In Luzern entschied sich die Synode gar für Synodalrätin Lilian Bachmann, obwohl diese gar nicht kandidiert hatte – im Gegensatz zu zwei Männern. Zusammen mit Solothurn und der Waadt werden damit nach Amtsantritt der Siegerinnen acht von 25 Mitgliedkirchen der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) von Frauen geführt sein. Vor zwei Jahren waren es noch drei.

«Ich finde das natürlich cool», sagt Christina Aus der Au auf Nachfrage von ref.ch. Im Thurgauer Wahlkampf habe das Geschlecht zwar weniger eine Rolle gespielt; vielmehr sei es um die theologische Ausrichtung, die Frage der Ordination und die Verfügbarkeit im Amt gegangen. Insgesamt glaubt Aus der Au aber, dass die Wahl der neuen Kirchenrats- und Synodalratspräsidentinnen auch Ausdruck eines sich verändernden Zeitgeistes ist. Diskussionen um «50 Jahre Frauenstimmrecht» oder die Wahl von Rita Famos an die Spitze der EKS hätten die Frauen wachgerüttelt und ihnen gezeigt, dass auch kirchliche Machtpositionen für sie erreichbar – und erstrebenswert – sind.

«Gleichzeitig nehme ich wahr, dass die Netzwerke unter Frauen in den letzten Jahren stärker geworden sind», sagt Aus der Au. «Wir unterstützen und motivieren einander, schmieden aber auch strategische Bündnisse, wenn es konkret darum geht, eine solche Wahl zu gewinnen.»

Vorbildfunktion für andere Frauen

Auch für Erika Cahenzli passt die Wahl der neuen Präsidentinnen in ein grösseres Bild. Mit der Kampagne «Helvetia ruft» etwa hätten die Frauen in den vergangenen Monaten mobil gemacht und die Frage aufgeworfen, warum die eine Hälfte der Bevölkerung in der Politik so schlecht vertreten ist. «Solche Dinge haben Signalwirkung», sagt Cahenzli. «Und jede Frau, die in ein Amt gewählt wird, ist wiederum ein Vorbild für andere. Deshalb ist es enorm wichtig, dass wir uns zur Verfügung stellen – in der Kirche wie in der Politik.»

Cahenzli findet es selbstverständlich dass Frauen in allen Bereichen, also auch in Führungspositionen, abgebildet sind. Dabei geht es ihr in erster Linie um Repräsentation. Ob Frauen auch inhaltlich andere Schwerpunkte setzen würden als Männer, sei dagegen schwierig zu beantworten, ohne dabei Klischees zu bemühen. «Tendenziell glaube ich aber schon, dass wir aufgrund unserer Biografien beispielsweise eine grössere Affinität zu Themen wie der Bewahrung der Schöpfung oder der Friedensarbeit haben», sagt Cahenzli.

Füreinander einstehen

Repräsentation steht auch für Judith Pörksen im Zentrum. «Die Arbeit in den Kirchgemeinden wird von vielen Frauen getragen, die sich freiwillig engagieren. Darum ist es sehr wichtig, dass sie auch in die Kirchenleitungen gewählt werden.» Die Berner Synodalratspräsidentin meint, dass durch eine ausgewogene Vertretung der Geschlechter die Vielfalt der Kirche gegen aussen besser wahrnehmbar wird. Gleichzeitig seien die thematischen Prioritäten aber immer vom gesamten Kollegium geprägt und weniger von einzelnen Personen, egal ob Mann oder Frau.

Dass mehr Frauen in den Exekutiven allerdings auch ganz praktische Auswirkungen haben könnten, glaubt dagegen Christina Aus der Au: «Es ist bekannt, dass Frauen sich anders zu Wort melden als Männer. Ihre Vorschläge werden beispielsweise oft erst dann aufgenommen, wenn ein männlicher Kollege sie wiederholt.» Hier könnten Frauen füreinander eintreten, etwa indem sie dafür sorgten, dass bestimmte Ideen nicht untergingen.

Ziel noch nicht erreicht

Einig sind sich die Frauen in der Frage, was sich in Bezug auf die Vertretung der Geschlechter in den Kirchen noch verändern muss: «Ich hoffe, dass sich in Zukunft mehr Frauen zutrauen, ein Amt in einer Kirchenexekutive auszuüben», sagt Judith Pörksen. Dabei gelte es auch, Frauen ein wenig aus der «Komfortzone» zu locken, meint Christina Aus der Au. Sie sollten hinstehen und sagen: «Ich kann das», und wenn nötig dafür Arbeit in anderen Bereichen abgeben – etwa im Haushalt. «Bei der Verteilung der Care-Arbeit gibt es sicher noch Potenzial», sagt die designierte Thurgauer Kirchenratspräsidentin.

Erika Cahenzli wiederum weist darauf hin, dass Frauen und Männer in der reformierten Kirche zwar formal gleichgestellt sind. «Trotzdem gibt es auch bei uns noch einige Stolpersteine wie zum Beispiel unreflektierte Rollenbilder. Hier müssen wir hartnäckig bleiben und immer wieder die Diskussion suchen.» Für das Prädikat «Ziel erreicht» sei es jedenfalls noch zu früh, sagt Cahenzli.