«Frauen prägen Kirchgemeinden – ausser in der Leitung»
Frau Boeck, Sie sind reformierte Pfarrerin im Furttal im Zürcher Unterland. Begegnen Ihnen erschöpfte Frauen?
Ja, ich begegne ihnen täglich in meiner Arbeit. Im Konf-Unterricht erlebe ich junge Mädchen, die einen verinnerlichten Perfektionismus haben: «Frau muss das alles schaffen». Besuche ich Familien, sehe ich, wie Väter einen oder zwei Papitage haben, das Management des grossen Ganzen aber häufig an den Frauen hängt. Viele Frauen sind total gestresst, sie stehen kurz vor dem Zusammenbruch. Genauso geht es Seniorinnen, die sich nach sechzig Jahren Ehe dafür verantwortlich fühlen, ihren Mann zu pflegen. Das ist körperlich und geistig unglaublich belastend. Diese Pflegenden brauchen mehr Selbstfürsorge.
Fühlen Sie sich selbst erschöpft?
Ich bin immer am Rand und nahe dran zu sagen: «Es ist nicht mehr machbar.» Dabei sind meine Bedingungen sehr gut: Mein Ehemann arbeitet zu fünfzig Prozent, er übernimmt die Care-Arbeit für unsere Tochter als Bonus-Papi. Er ist nicht ihr leiblicher Vater, möchte sich in dieser Rolle aber einbringen. Obwohl ich sehr viel Unterstützung habe, ist es viel, weil auf Frauen viel ausgelagert wird. In unserem Pfarrteam bin ich die einzige Frau. Oft bin ich die erste Anlaufstelle. Ich muss lernen, ohne schlechtes Gewissen Nein zu sagen und zu delegieren. Es ist schwierig zu antworten: «Das schaff ich nicht, liegt bei mir zeitlich nicht drin.» Wichtig war für mich, mir bewusst zu werden, das Problem bin nicht ich, sondern es ist eine Frage des Systems. Das realisiert zu haben, erleichtert und entlastet mich sehr.
Für den 14. Juni 2023 ist der nächste Frauenstreik angekündigt, vor vier Jahren gingen schweizweit rund eine halbe Million Frauen auf die Strasse. Zum Protest rufen auch die kirchlichen Frauenverbände auf, allen voran die Evangelischen Frauen Schweiz. Sie setzen das Motto «Gleichberechtigung. Punkt. Amen.» und wollen dabei Forderungen für eine «tatsächliche Gleichstellung» an die Schweizer Kirchenlandschaft richten.
Frauen in der Kirche rücken im Herbst in den Fokus, dann jährt sich die Frauenordination zum sechzigsten Mal. Mit Elise Pfister und Rosa Gutknecht predigten zwei Frauen 1919 in Zürich, sie wirkten aber als Pfarrhelferinnen. Die erste Ordination war 1963. Mittlerweile sind 9 von 25 Kantonalkirchen von Frauen präsidiert und an der Spitze der Reformierten steht mit Rita Famos, Präsidentin der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz, ebenfalls eine Frau. (jow)
Sie sind seit 15 Jahren ordiniert, forschten an der Universität und sind seit 2016 im Pfarramt. Sind Ihre Arbeitsbedingungen besser oder schlechter geworden?
Als meine Tochter auf die Welt kam, brauchte ich eine fixe Stelle, ich konnte nicht mehr projektbasiert arbeiten. Das gab mir finanzielle Sicherheit. Ich zügelte ins Pfarrhaus, das brachte zeitliche Entlastung, weil sich der Arbeitsweg verkürzte. Ich war zu vierzig Prozent angestellt, arbeitete aber sechzig Prozent. Das war das eine. Schwierig fand ich aber vor allem auch, dass ich gefragt wurde, wie ich Beruf und Kind vereinbare und ob ich mein Kind nicht zu viel in die Kita bringe. Männer, die Kinder betreuen, hören das selten. Von ihnen will man bloss wissen, ob sie sich nicht um ihre Karriere sorgen. Viel bewegt hat sich dagegen bei der Lohngleichheit. Ich habe da nie Unterschiede erlebt, da wir nach Dienstjahren eingestuft sind. In unserer Kirchgemeinde entschädigen wir Katechetinnen neu mit einem Fixum statt im Stundenlohn. Dadurch brauchen sie nicht mehr fünf kleine Pensen, sondern haben eine grössere Teilzeitstelle.
«Sie laufen und werden nicht müde – oder doch?» Mit dieser Fragestellung hat sich die Frauen- und Genderkonferenz der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz dieses Jahr an der Frühlingstagung in Bern auseinandergesetzt. Geschlechterforscherin und Autorin Franziska Schutzbach betonte bei ihrem Input-Referat etwa, dass sich die Gleichstellung der Frauen heute verschlechtert habe, da sie als Arbeitnehmerinnen und Care-Arbeiterinnen Doppelschichten leisteten.
Bei einer anschliessenden Podiumsdiskussion legte Marie-Claude Ischer offen, dass sie als Kirchenfrau an Erschöpfungssymptomen gelitten hat. Die Synodalratspräsidentin der reformierten Kirche in der Waadt schilderte, wie sie aufgrund ihrer Erschöpfung ihre kirchlichen Mandate niedergelegt habe. (jow)
Sie haben gemeinsam mit Sibylle Forrer, reformierte Pfarrerin in Kilchberg am Zürichsee, den «Pfarrerinnen-Stammtisch» gegründet – eine Austausch- und Vernetzungsrunde für Pfarrerinnen. Wie geht es Ihren Berufskolleginnen?
Tatsächlich ist die Idee für den «Pfarrerinnen-Stammtisch» entstanden, weil wir Gründerinnen uns erschöpft fühlten. An bisher sechs Abenden haben wir in einer grösseren Gruppe über Schwierigkeiten im beruflichen Alltag gesprochen und festgestellt, dass viele von uns ähnliche Probleme haben. Die Gruppe ist «Hilfe zur Selbsthilfe». Viele junge Pfarrerinnen steigen aus dem Beruf aus. Ziel ist es, die Gesprächsrunden weiterzuführen und darüber zu sprechen, warum sie sich umorientieren. Weiter hat sich ein Organisationskomitee gebildet, weil die Schweiz im Herbst sechzig Jahre Frauenordination feiert. Mit diesem Anlass wollen wir dann auch politische Forderungen verbinden, um Arbeitsmodelle zu überdenken. Ein Pfarramt kann nicht mehr bedeuten, 24/7 erreichbar zu sein.
Was wäre anders in der Kirche, wenn sie stärker von Frauen geprägt wäre?
Frauen prägen Kirchgemeinden, ob als Sozialdiakoninnen, Pfarrerinnen oder als Freiwillige. In leitenden Funktionen aber sind noch immer vor allem Männer, Frauen übernehmen höchstens das Sozialressort. Ich fände es gut, hätten wir bald eine Frau als Kirchpflegepräsidentin im Furttal. Im Sommer wird eine Pfarrkollegin zu unserem Team stossen, zudem arbeitet ab dann ein 26-jähriger Pfarrkollege für uns. Er übernimmt den Bereich «Kinder und Familie». Ich hoffe, uns gelingt es, Denkmuster zu durchbrechen.
Nadja Boeck ist 42 Jahre alt. Die Doppelbürgerin (CH/DE) hat Evangelische Theologie studiert. 2007 ist sie ordiniert worden, danach arbeitete sie als Assistentin an der Theologischen Fakultät der Universität Bern.
Seit 2016 ist Boeck reformierte Pfarrerin in der Kirchgemeinde Furttal, sie ist zudem Privatdozentin an der Theologischen Fakultät der Universität Zürich. Boeck ist verheiratet und hat eine Tochter im Schulalter. (jow)
Was müsste sich verändern, damit es Frauen in der Kirche besser ginge?
Das, was wir erkämpft haben, muss Allgemeinwissen werden, damit nicht jede Generation wieder von vorne beginnt. Das Bild von Gott als altem, weissem Mann mit Bart etwa hält sich hartnäckig. Dabei gibt es so viele Gottesbilder. Wir brauchen auch Vorbilder, die uns zeigen, wie wir Berufs- und Carearbeit gut vereinen, sowohl Frauen als auch Männer. Weiter finde ich, wir sollten uns fokussieren. Wir können nicht mehr alles machen. Wir müssen uns entscheiden, worin wir investieren und was wir weglassen. Im Furttal haben wir einen Viertel der Gottesdienste gestrichen und hatten grosse Angst, die Kerngemeinde findet das ganz schlimm. Aber niemand hat protestiert. Eine Vikarin war in Schottland und hat mir erzählt, dass die Kirchgemeinde dort bloss das macht, wofür sie Leute hat. Diese Lockerheit brauchen wir auch. Sie entlastet und schafft Freiräume.