Homophobie
Wie queere Christen in der Regenbogenkirche Platz finden
Die Co-Präsidentin der Jungen EVP, Lea Blattner, hat ihr Amt niedergelegt, weil sie Drohbriefe, mutmasslich aus der eigenen Partei, erhalten hat. Wegen verschiedener negativer Reaktionen auf ihr Outing im vergangenen Frühling wird sie im kommenden April offiziell zurücktreten (ref.ch berichtete).
Lea Blattner ist lesbisch. Sie war Mitglied einer evangelikalen Glaubensgemeinschaft. Dort versuchte man, sie von ihrer Homosexualität zu «heilen». Acht Jahre lang liess sie Konversionstherapien und Dämonenaustreibungen über sich ergehen. Schliesslich fand sie einen Weg aus der Gemeinschaft.
Unterstützt dabei hat sie eine Seelsorgerin, die queersensibel arbeitet. Sie ist Mitglied der evangelisch-methodistischen Kirche der Schweiz (EMK). Die EMK hat mehrere Anlaufstellen für Christinnen und Christen, die innerhalb ihrer Gemeinden niemanden haben, um über ihr Queersein zu sprechen. Dazu gehören «Safe Place to Be» sowie die «Regenbogenkirche». Während Ersteres ein Netzwerk von Seelsorgenden ist, ist Zweitere eine besondere Kirchgemeinde in Zürich-Wollishofen.
Viele neue Gesichter in der Regenbogenkirche
Die methodistische Kirchgemeinde im beliebten Wohnquartier am Ufer des Zürichsees gab es schon lange Zeit, bevor sie 2020 zur Regenbogenkirche wurde. So besteht sie heute aus langjährigen, häufig betagten Mitgliedern, die nicht unbedingt queer sind, und neuen Mitgliedern, die vom Etikett «Regenbogenkirche» angezogen wurden und werden.
Sonntags findet der Gottesdienst statt, einmal im Monat gibt es donnerstags erst eine kleine liturgische Feier und anschliessend ein gemeinsames Mittagessen. Meist nehmen die älteren Gemeindemitglieder teil. Kurz nach einem dieser Anlässe treffen sich Gemeindeleiter Urs Bertschinger und Pfarrerin Nicole Becher mit ref.ch zum Gespräch. Im Gemeinschaftsraum unter der Kirche duftet es noch nach Gemüsesuppe. Auf einem Teller liegen Guetzli, die zum Kaffee angeboten werden.
Urs Bertschinger ist in Zürich und in dieser methodistischen Kirchgemeinde aufgewachsen. Er ist schwul und als er sich als Mitglied der Bezirksleitung zu Verfügung stellte, wurde er diskussionslos gewählt. «Meine Sexualität war kein Thema», sagt Bertschinger. Die Kirchgemeinde sei schon lange offen gewesen für queere Menschen, erinnert er sich. Anlässlich eines Wechsels der Pfarrperson vor mehreren Jahren machte man sich Gedanken über die Perspektiven der Wollishofer Gemeinde. «Wir hatten das Gefühl, es könnte Früchte tragen, wenn wir uns expliziter an die queere Community wenden», sagt der Gemeindeleiter. So entstand 2020 die Regenbogenkirche. Die EMK unterstützt das Projekt ideell und finanziell.
Pfarrerin Becher spricht davon, dass wöchentlich neue Gesichter am Gottesdienst teilnehmen. Entweder seien sie von der Bezeichnung «Regenbogenkirche» angelockt oder von Bekannten auf die Kirchgemeinde hingewiesen worden. Der Anteil queerer Menschen innerhalb der Gemeinschaft wächst, aber Gemeindeleiter Bertschinger sagt, die sexuelle Orientierung stehe nicht im Vordergrund: «Wir fragen an der Türe nicht, mit wem jemand ins Bett geht», meint er und grinst.
Die Regenbogenkirche sei ein Vertrauensraum und das Zugehörigkeitsgefühl sei für alle wichtig, sagt Bertschinger. Die Gemeinschaft umfasst Menschen, die auch von weiter her anreisen. «Hier darf man miteinander und mit Gott sein, wie man ist», formuliert es Pfarrerin Becher.
Manchmal ist Seelsorge nötig
Unter den Menschen, die zur Regenbogenkirche finden, gibt es auch solche, die im Zusammenhang mit ihrer Sexualität in psychologischer Behandlung sind. Manche Therapeutinnen würden ihnen einen Besuch in der Kirchgemeinde nahelegen, erzählt Becher. Oft leistet sie in diesen Fällen Seelsorge. Häufig würden sie die Personen fragen, wie sie ihrem Umfeld eröffnen können, dass sie homosexuell sind. «Oder sie fragen, ob sie in den Augen Gottes queer sein dürfen», sagt die Pfarrerin.
Doch mit einfachen Antworten auf diese Fragen ist Bechers Arbeit nicht getan, denn viele könnten diese zuerst nicht akzeptieren. «Wenn man jahrelang von allen Seiten gehört hat, Homosexualität sei nicht normal und eine Sünde, dann hat sich das bei vielen tief verfestigt», erklärt die Pfarrerin. Durch seelsorgerliche Gespräche und Erfahrungen in der Regenbogenkirche könnten die Betroffenen allmählich die Überzeugung entwickeln, dass mit ihnen nichts «verkehrt sei», meint Becher.
Manche stören sich an der Regenbogenkirche
Über der queerfreundlichen Kirchgemeinde ist nicht nur eitel Sonnenschein. Auch aus den Reihen der methodistischen Kirche erhalten Bertschinger und Becher immer wieder kritische Zuschriften. Denn auch in der EMK gibt es Menschen mit Vorbehalten gegenüber Homosexualität. Doch Bertschinger versichert, Mails und Briefe hätten noch nie die Grenze zur Drohung überschritten.
Anders sieht es mit Übergriffen aus. Die rechtsextreme Gruppierung «Junge Tat» drang 2022 in die Zürcher Kirche St. Peter und Paul ein, als dort der ökumenische Pride-Gottesdienst stattfand. Die gewaltbereite Gruppierung störte die Feier, die jedes Jahr anlässlich der «zurich pride»-Veranstaltungen durchgeführt wird. Die Staatsanwaltschaft Zürich eröffnete eine Strafuntersuchung und seit dem Vorfall findet der Pride-Gottesdienst nur noch unter Polizeischutz statt.
Als Vertreter der methodistischen Kirche organisiert jeweils Gemeindeleiter Bertschinger diesen Gottesdienst mit. Er war auch 2022 vor Ort und sagt rückblickend: «Ich war schockiert, dass die Feier auf diese Weise gestört wurde». Bezüglich der Veranstaltungen in der Regenbogenkirche sieht die Stadtpolizei jedoch keine Gefahr – und es ist auch noch nie etwas vorgefallen.