Homophobie
EVP-Präsidentin widerspricht Lea Blattners Kritik und will «genau hinschauen»
Homophobe Hassnachrichten und Drohungen liessen Lea Blattner aus dem Co-Präsidium der Jungen EVP Schweiz zurücktreten (ref.ch berichtete). Nun will die Mutterpartei aufarbeiten, «ob und wie wir anders hätten reagieren sollen», sagt Präsidentin Lilian Studer im Gespräch mit ref.ch.
Blattner hatte ihren Rücktritt parteiintern an einer Klausur im Oktober 2025 angekündigt. Wie die unmittelbaren Reaktionen ausfielen, müsse man nun rekonstruieren, sagt Studer. Sie sei damals erst später zur Klausur gestossen. «Soweit ich weiss, hat man mit Bedauern auf den Rücktritt und mit Mitgefühl und Empathie für die schwierige Situation reagiert.»
Blattner sagte hingegen, die EVP habe mit der Situation überfordert gewirkt. Nach der Ankündigung sei man zur Tagesordnung übergegangen. Studer erwidert: «Das ist ihre Wahrnehmung. Ich sehe es anders.»
Am zweiten Tag der Klausur habe sie selber mit Blattner geredet. «Konkrete Anfeindungen aus der eigenen Partei oder Vorschläge, was wir tun könnten, standen nicht im Raum.» Nun versuche man zusammen mit Blattner zu rekonstruieren, «was wir allenfalls zu wenig wahrgenommen haben oder welche Informationen uns fehlten».
Von den anonymen Drohschreiben gegen Blattner habe Studer erst eine Viertelstunde vor Bekanntgabe des öffentlichen Rücktritts in den sozialen Netzwerken Mitte Januar erfahren. «Ansonsten hätte ich sofort interveniert und angeregt, Strafanzeige zu erstatten. Drohbriefe sind ein absolutes No-Go.»
«Hinschauen, um die Dimensionen zu verstehen»
Im Gespräch verweist Studer mehrmals auf die kommende Aufarbeitung. Etwa auf die Frage, wie die EVP einen Wandel anstossen will, um Homophobie innerhalb der Partei zu bekämpfen. Zu gegebener Zeit wolle man kommunizieren, welche Schlüsse daraus gezogen würden.
Wie die Aufarbeitung konkret aussehe, bespreche man aktuell in der Parteileitung. «Klar ist, dass wir sehr bald ausführlich mit Lea Blattner reden und genau hinschauen, um die Dimensionen zu verstehen», so Studer. Man wolle auch prüfen, ob es Hassnachrichten durch Parteimitglieder gegeben habe. «Bisher liegt uns kein konkreter Fall vor.»
Die Parteileitung kann fehlbare Mitglieder nicht ausschliessen, da diese Kompetenz bei den Sektionen liegt. Sie hat jedoch die Möglichkeit, einen Ausschluss zu verlangen. Laut Studer ist es in der Vergangenheit auch schon dazu gekommen.
«Wahrscheinlich», so Studer, «sind die Hassnachrichten an Lea Blattner für mich deshalb so überraschend, weil ich eine EVP erlebe, die sehr respektvoll ist.»
«Führen keine theologischen Diskussionen»
Da in den Hassnachrichten an Blattner auch Bibelverse zitiert werden, hat ref.ch Präsidentin Studer auf diesen Aspekt angesprochen. Sie sagt: «Ein respektvoller Umgang ist in der EVP Konsens.» Egal ob man konservative oder liberale Haltungen vertrete. «Wenn Einzelne das anders sehen, sind sie bei uns fehl am Platz.»
Teile der EVP-Basis orientieren sich stark an Bibeltexten. In diesen Kreisen gilt Homosexualität als Sünde. Studer sagt: «Als Partei führen wir keine theologischen Diskussionen.» Im Vordergrund stehe für sie die Verantwortung für die Gesellschaft. «Wenn jemand gegen die Ehe für alle gestimmt hat, bedeutet das nicht, eine homosexuelle Person abzulehnen.»
Ist der Rücktritt von Blattner ein Alarmsignal für andere homosexuelle Mitglieder, sich besser nicht zu outen? «Es ist verfrüht, das jetzt zu beurteilen», antwortet Studer.
Rücktritt aus Selbstschutz
Ihr Coming-Out war für Lea Blattner ein Meilenstein. Doch für viele Menschen aus ihrem Umfeld und ihrer Partei war es ein Stein des Anstosses. Dass die Co-Präsidentin der Jungen EVP Frauen liebt, war für manche Menschen dermassen inakzeptabel, dass sie wütende Drohbriefe an die junge Frau schickten.
Kürzlich erhielt Blattner wieder einen Drohbrief. Sie beschloss, sich per sofort von all ihren Parteiämtern zurückzuziehen – aus Selbstschutz, wie Blattner in einem Interview in der «Basler Zeitung» erklärte. Offiziell zurücktreten wird sie an der Parteiversammlung im April. Doch angesichts der Drohungen entschied Blattner, ihr Amt bereits ruhen zu lassen.
Laut der «Basler Zeitung» steht im besagten Drohbrief unter anderem: «Du zerstörst mit deiner gottlosen Regenbogen-Ideologie die Zukunft und das Leben unserer Kinder.» Blattner solle die Partei sofort verlassen, fordert der anonyme Autor, sonst könne er für nichts garantieren.
Der lange Leidensweg
Blattner hat ihre Erfahrungen gesammelt im Umgang konservativer Christen mit dem Thema Homosexualität. Man kann von einem Leidensweg sprechen, den die 32-Jährige hinter sich hat: Als Mitglied einer Freikirche nahm sie acht Jahre lang an Konversionstherapien und an unzähligen sogenannten «Heilungsgottesdiensten» teil – ohne Erfolg und nur zu ihrem Nachteil, wie sie sagt. Auch die Stigmatisierung von Homosexualität durch ihr Umfeld führte schliesslich dazu, dass Blattner zeitweise in einer psychiatrischen Klinik in Liestal lebte. So stand es im Portrait der «Basler Zeitung», mit dem die Politikerin im vergangenen April ihre Homosexualität öffentlich bekannt machte.
In einem reformierten Elternhaus aufgewachsen schloss sich Blattner als Jugendliche einer Freikirche an. Sie fühlte sich wohl dort: «Es war wie eine Familie, jeder stand für jeden ein», sagte sie in einem Interview mit «Radio SRF» im Oktober. Doch in diesem Umfeld war auch klar: Homosexualität ist eine Sünde. Als sie sich bewusst wurde, dass sie statt Männern Frauen liebte, spürte sie den Druck «wieder normal zu werden».
Sie wollte ihr grosses freikirchliches Umfeld nicht verlieren und ‘in die Hölle kommen’ wollte sie auch nicht. Das freikirchliche Umfeld versuchte, bei ihr ‘einen Dämon auszutreiben’ und schliesslich riet man ihr, einen Mann zu heiraten: Dann werde es sich ergeben, dass sie den Mann liebe. Sie suchte sich einen Mann, verlobte sich – und löste die Beziehung auf, weil sich ihre Gefühle nicht verändert hatten und sie sich immer noch zu Frauen hingezogen fühlte.
Corona gab Zeit, um nachzudenken
«Das Einzige, was ich mir damals wünschte, war zu sterben», sagte sie im Radio-Interview. Doch Suizid sei keine Option gewesen, weil sie dann ebenfalls ‘in die Hölle gekommen’ wäre. Dann legte die Covid-Pandemie die Welt lahm und rückblickend ist Blattner dankbar dafür: «Die Kirchen waren geschlossen, das Sozialleben stand still». Die junge Frau hatte Zeit, über sich nachzudenken und nach Menschen in ähnlicher Lebenslage zu suchen. Im Internet stiess sie auf den Verein «Zwischenraum» für queere gläubige Menschen, die von ihrer Kirche oder ihrer Gemeinde abgelehnt werden. Im «Zwischenraum» erhielt sie Zuspruch.
Mittlerweile ist sie selbst Präsidentin des Vereins und versucht, anderen zu helfen. Blattner sagt, es brauche die Stimmen, die sagten: «Du bist gut, so wie du bist.» Dies sei ein Grund für das Coming-Out gewesen. Denn: «Ich weiss, dass so viele noch in einer Situation gefangen sind, wie ich es war.»
Das öffentliche Engagement hat jedoch seinen Preis: «Diese Stimme zu sein, kostet mich unglaublich viel», sagte sie zu Radio SRF. Viele Freunde hätten sich von ihr abgewandt, zur freikirchlichen Gemeinde gehört sie nicht mehr. Damals sagte sie: «Aber das ist es alles wert.» Nun hat sie präventiv ihr politisches Amt niedergelegt. Sie schliesst weder aus, es zu einem späteren Zeitpunkt wiederaufzunehmen, noch ganz aus der Partei auszutreten.