Wie «Schwulenheiler» Leben zerstören

Homosexuellen wird mit Konversionstherapien Gewalt angetan. Ein Bild-Essay des Berner Illustrators Dimitri Grünig zeigt das eindrücklich.

Es klingt wie ein Alptraum, ist in vielen Ländern aber Realität: Mit sogenannten «Konversionstherapien» sollen Homosexuelle von ihrer «Krankheit» geheilt werden. Angeboten werden die Therapien oft von evangelikalen Freikirchen und christlich-fundamentalistischen Organisationen, in denen Homosexualität als Sünde gilt. Auch in der Schweiz gibt es entsprechende «Umerziehung-Kurse». Sie sind für Homosexuelle mit unsäglichem Leid verbunden.

In seinem Reportage-Essay «Sorry. Aber schwul bin ich immer noch» hat der Berner Illustrator Dimitri Grünig Erfahrungen mit solchen Therapien zeichnerisch verarbeitet. Grünig hat mit Betroffenen, Experten und Politikern gesprochen. Und er ist in eine Region gereist, in der es besonders viele Freikirchen gibt und in der er selber aufgewachsen ist: das Berner Oberland. Mit Stift und Block erkundete er zwei Monate lang das Postkarten-Idyll.

Immer wieder taucht in Grünigs Bildern die imposante Bergwelt auf. Die Natur erscheint als etwas Göttliches und Heiliges. Dem Zeichner fielen Bibelstellen ein, in denen Homosexualität als verwerflich dargestellt wird. Er fragte sich: Wie kann es sein, dass ausgerechnet etwas so Natürliches wie Sexualität von der Schöpfung ausgeschlossen sein soll?

Grünig wollte wissen, wie sich Homosexuelle fühlen, die in einem erzkonservativen Umfeld aufwachsen. Er versuchte, die Umgebung bei seinen Streifzügen durch die Augen jener wahrzunehmen, die zur Konversionstherapie gezwungen werden. Die Mauern in den Köpfen der Menschen schienen in die Landschaft eingeschrieben. Überall stiess sein Blick auf Grenzen. Selbst der Schulhof war wie ein Hochsicherheitsgefängnis von einem Gitter umgeben.

Das Gefühl einer grossen Einsamkeit drängte sich Grünig auf. So musste sich jemand fühlen, der aufgrund seiner sexuellen Orientierung aus einer Gemeinschaft ausgeschlossen wird. Menschen sind auf den Zeichnungen keine zu sehen. Lediglich Objekte wie leere Kinderschaukeln oder Landwirtschaftsgeräte erinnern an ihre Präsenz.

Als Jugendlicher hat sich Grünig als homosexuell geoutet. Er ist in einer liberalen Familie aufgewachsen und habe es leicht gehabt, schreibt er im Buch. Aufgrund seiner Erfahrungen kann er sich dennoch in die Lebenswelten einfühlen. Er weiss, was es heisst, sich in einer Umgebung «falsch» zu fühlen.

Sein Buchprojekt und die damit verbundene Reise weckten bei ihm Erinnerungen zurück an die Zeit, als er merkte, dass er sich in Buben verliebte. Damals war er elf oder zwölf Jahre alt.

Anders als etwa in Deutschland sind Konversionstherapien in der Schweiz noch immer erlaubt. Das könnte sich bald ändern. Das nationale Parlament debattiert ein schweizweites Verbot, in mehreren Kantonen sind Vorstösse hängig. Grünigs Essay zeigt auf subtile Weise, welche Gewalt Menschen durch solche Therapien noch immer angetan wird.

Der erzählenden Figur in Grünigs Buch gelingt es, aus einer Konversionstherapie auszusteigen und ein selbstbestimmtes Leben zu führen. In der Realität leiden Betroffene jahrelang an Depressionen und haben mit posttraumatischen Belastungsstörungen zu kämpfen.