Regenbogen-Gemeinschaft

«Queere Pfarrpersonen werden diskriminiert»

Im europäischen Vergleich stehen queere Pfarrpersonen in der Schweiz gut da. Dennoch gibt es in den Kirchgemeinden Handlungsbedarf, sagt Irène Schwyn, Pfarrerin und mitbeteiligt an der Publikation eines Regenbogenindexes.

Die EKS und ihre Mitgliedkirchen stehen im europäischen Vergleich bei LGBTIQ+-Rechten gut da. Auf dem Bild: Reformierte Pfarrer, Vikarinnen sowie der Zürcher Kirchenratspräsident Michel Müller haben 2019 an der Zürcher Pride teilgenommen. (Bild: z.V.g.)

Frau Schwyn, Sie haben sich intensiv mit den Rechten auseinandergesetzt, die Menschen aus der LGBTIQ+-Community in der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) und ihren Mitgliedskirchen haben. Wie lautet Ihr Fazit?
Kirchenpolitisch sind die EKS und ihre Mitgliedskirchen im europäischen Vergleich in den Top drei. Das heisst, queere Menschen haben in der EKS etwa Dreiviertel der Chancen, Rechte und Anerkennung von Heterosexuellen.

Worauf ist diese gute Platzierung zurückzuführen?
Die EKS hat bei der Gleichstellung viele Positionspapiere erarbeitet, etwa zu Themen wie «Ehe für alle» oder zum Antidiskriminierungsgesetz. Ausserdem wurde Ende der 90er-Jahre in der Deutschschweiz in vielen Landeskirchen das Kirchenrecht angepasst. Fortan galten die Geschlechteridentität und die sexuelle Orientierung nicht mehr als Ausschlusskriterium für die Kirchenpflege, das Pfarramt oder die Synode.

Wo gibt es Verbesserungspotenzial?
Noch immer erzählen mir queere Pfarrpersonen, dass sie beim Bewerben diskriminiert werden. Sie haben das Gefühl, dass sich Kirchgemeinden am Schluss doch für die Pfarrfamilie mit Kind entscheiden. Natürlich ist das schwer zu beweisen. Aber die Häufung ist auffällig. Ausserdem ist der Wissensstand von kirchlichen Mitarbeitenden beim Thema LGBTIQ+ oft sehr tief.

Zur Person

Irène Schwyn ist Pfarrerin und Kirchenrätin in der Reformierten Kirche Zug. In ihrer Freizeit engagiert sie sich seit Jahrzehnten für die Rechte von queeren Menschen in den Kirchen in der Schweiz und Europas. Sie war bei der Erarbeitung des Regenbogenindexes für Kirchen beteiligt. Dafür schaute sie die rechtliche Situation von queeren Menschen in der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz und ihren Mitgliedkirchen an. (bat)

Wie äussert sich das?
Sie wissen zwar, dass es neben heteronormativen auch lesbische und schwule Menschen gibt. Bei Inter-, Trans- und Bisexualität herrscht aber oft eine grosse Wissenslücke. Pfarrpersonen sind etwa überfordert, wenn ein intersexueller oder transsexueller Mensch auf sie zukommt. Auch die Sensibilität fehlt manchmal. Bei vielen Anmeldeformularen für Kirchenveranstaltungen stehen nur «Herr» oder «Frau» bei der Anrede zur Auswahl.

Wie können diese Wissenslücken geschlossen werden?
Es sollte in jeder Kirchgemeinde ein Thema sein, wie man mit LGBTIQ+-Menschen umgehen möchte und was man in der Gemeinde für sie tun kann. In der Konfirmandenklasse, aber auch bei der Seelsorge.

In Zürich gibt es schon ein queeres Pfarramt, das sich mit solchen Themen beschäftigt. Braucht es mehr solche Stellen?
In grossen Zentren ergibt das sicher Sinn. In ländlicheren Gegenden sind weniger ressourcenintensive Massnahmen wohl sinnvoller. Man könnte auch anlässlich der Pride oder dem internationalen Tag gegen Homo-, Bi-, Trans- und Interphobie Menschen aus dieser Community zu sich einladen.

Der Regenbogenindex

2020 wurde vom European Forum of LGBT Christian Groups in Zusammenarbeit mit der Evangelisch-Theologischen Universität Amsterdam zum ersten Mal ein Regenbogen-Index für die Kirchen Europas erarbeitet (Rainbow Index of Churches RICE). Die EKS und ihre Mitgliedkirchen belegen dort mit 82 Prozent Platz 3. Besser sind nur noch die Church of Sweden sowie die Metropolitan Community Church in Finnland. (bat)

Nicht in allen reformierten Kirchgemeinden wollen Pfarrer queere Menschen trauen. So wurde bei der Einführung der «Ehe für alle» immer wieder betont, wie wichtig es ist, dass sich Pfarrerinnen und Pfarrer weigern dürfen, gleichgeschlechtliche Ehen zu vollziehen. Was halten Sie von dieser Gewissensfreiheit?
Wenn eine Pfarrerin sagt, dass sie aus tiefstem Inneren Mühe hat, ein solches Paar zu trauen und es respektvoll an jemand anderes verweist, dann soll sie das tun können. Wenn jemand aber explizit sagt, dass Homosexualität nicht sein darf, habe ich grosse Mühe. Es gehört allerdings zur reformierten Identität, dass um die Wahrheit des Evangeliums gerungen wird.

Sie selbst waren im Vorstand des European Forum of LGBT Christian Groups. In welchen Ländern in Europa sehen Sie den grössten Handlungsbedarf?
In Ungarn oder Polen gab es in letzter Zeit Rückschritte, und östlich der EU ist die Situation noch schwieriger. Übrigens ist auch der Moskauer Patriarch Kyrill strikte gegen Homosexualität. Er begründet unter anderem den Krieg in der Ukraine damit, dass man die «schwule Bedrohung» des Westens abwehren müsse.

Unter welchen Umständen leben LGBTIQ+-Menschen in solchen Ländern?
Nicht nur in Osteuropa, sondern auch in Teilen Afrikas müssen sie oft unter prekären Umständen leben. In manchen afrikanischen und arabischen Ländern droht LGBTIQ+-Menschen die Todesstrafe. Dort gilt Homosexualität als westliches Phänomen, das mit ihnen nichts zu tun hat. Umso wichtiger ist es, dass Kirchen sich gegen Gewalt und Unterdrückung aussprechen. An der Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Karlsruhe wird menschliche Sexualität ein wichtiges Thema sein. Ich bin gespannt, was dabei herauskommt.