Porträt

Hier twittert er und kann nicht anders

Michael Wiesmann ist Pfarrer und gibt in den Sozialen Medien regelmässig politische Kommentare ab. Wieso auch nicht? Denn seiner Meinung nach haben Politik und Kirche ganz ähnliche Aufgaben.

«Ich habe mir länger überlegt, ob ich das Video machen soll», spricht Michael Wiesmann, Pfarrer im Zürcherischen Buchs, am 21. November 2020 in die Kamera. Gerade erst waren innerhalb von 14 Tagen rund 1000 Menschen in der Schweiz an oder mit Corona gestorben. Und an jenem Samstag sagte Bundesrat Ueli Maurer dazu: «Wir sind bewusst dieses Risiko eingegangen, weil wir eine Güterabwägung gemacht haben.»

Pointiert, manchmal fast ein wenig angriffslustig – so äussert sich der Zürcher Pfarrer Michael Wiesmann zu politischen Themen in der Öffentlichkeit. (Bilder: Noëlle Guidon)

Vor seiner Kamera atmet Michael Wiesmann tief ein, spricht Worte wie «skandalös» und «empörend» aus und runzelt dabei die Stirn, als sei er noch immer nicht vollends sicher, ob dieses Video eine gute Idee ist. Dann aber nimmt er Fahrt auf. Zwei Minuten lang zerpflückt er Ueli Maurers Satz, liefert eine scharfe Sprachanalyse, macht deutlich, weshalb Wirtschaft und Menschenleben nicht gegeneinander abgewogen werden können und wieso Maurers Aussage seiner Meinung nach der Bundesverfassung widerspricht. Wiesmann beendet sein Video mit einem zufriedenen Blick. Argumentation abgeschlossen. Der Pfarrer veröffentlicht seinen politischen Kommentar auf Twitter. Bis heute wurde er rund 16‘000 Mal angeschaut.

Kolumne, Blogs, Twitter

Seit jenem 21. November postet Wiesmann in unregelmässigen Abständen Video-Rants, wie er seine kurzen Aufreger nennt, und kommentiert darin die schweizerische Corona-Strategie. Zudem hat er mit einem weiteren Pfarrer und einem Theologiestudenten eine «Erklärung zur Würde des menschlichen Lebens» formuliert, die in Erinnerung rufen soll, dass die Corona-Toten mehr sind als Zahlen in einer Statistik.

Es ist nicht das erste Mal, dass Wiesmann, der bereits als Gefängnis- und Asylseelsorger gearbeitet hat, politisch aktiv wird. In den vergangenen Jahren verfasste er Blogbeiträge und eine Zeitungskolumne und kommentierte darin immer wieder das politische Geschehen. Als beispielsweise 2017 im Kanton Zürich über eine Kürzung der Sozialhilfe abgestimmt wurde, schrieb er, dass es wohl Neid und Geiz der Stimmbevölkerung gewesen seien, die der Vorlage zu einem Ja verholfen hatten.

Ein politischer Pfarrer – darf das sein?

«Ich habe schon immer klare Meinungen vertreten», erklärt der Pfarrer sein Engagement. «Ausserdem tue ich mich schwer damit, wenn Menschen ungerecht behandelt werden. Dann muss ich etwas sagen.» Wiesmann sitzt in einer Bank in der reformierten Kirche in Buchs, die linke Ferse leger auf das rechte Knie gelegt. Jeans, Piercings in den Ohren und das Haar zu einem akkuraten Sidecut getrimmt.

Das Licht im Kirchenraum ist gedämpft, neben der Orgel steht ein Blumengesteck mit rosafarbenen Blüten. Über Orgel und Kanzel prangt der Vers «Seid fröhlich in der Hoffnung, geduldig in der Trübsal, beharrlich im Gebet» aus dem Römerbrief. Die Luft ist gerade so warm, dass man die Jacke ausziehen kann. Michael Wiesmann nimmt die Brille ab. Sein Atem dringt beim Reden immer wieder aus seiner FFP-2-Maske und beschlägt die Gläser. Er wischt sie geduldig ab und setzt die Brille wieder auf. Sie beschlägt von Neuem, doch wie in seinen Videos fährt er unbeirrt fort, wenn er erst einmal angefangen hat zu reden.

Ein Pfarrer, der sich politisch äussert: Darf das sein? Für Wiesmann ist das kein Problem. Denn Kirche und Politik sind für ihn keine Gegensätze, sondern Verwandte. «Die Aufgabe der Politik ist es, das Zusammenleben der Menschen positiv zu gestalten und dafür zu sorgen, dass jeder Einzelne in seiner Individualität einen Platz in der Gemeinschaft finden kann.» Die Aufgabe der Kirche sei eine ganz ähnliche. Erneut nimmt Michael Wiesmann die Brille ab und wischt über die beschlagenen Gläser. Dann sagt er: «Füreinander da sein, dem Einzelnen seinen Platz geben, sich immer wieder die Frage stellen, was das Zusammenleben noch besser macht – das sind Themen, mit denen sich die Kirche seit ihrer Entstehung beschäftigt.» Er setzt die Brille wieder auf und fährt fort: «Zumindest sozialpolitisch ist die Kirche also immer engagiert.»

«Wenn die Kirche den Mund halten soll, damit sich niemand auf den Schlips getreten fühlt, hat das mit freier Meinungsäusserung nicht mehr viel zu tun.»
Michael Wiesmann

Dennoch beobachtet der 40-Jährige immer wieder Uneinigkeiten darüber, ob die Kirche auch öffentliche Statements abgeben darf. Solche Debatten gab es zum Beispiel im Rahmen der Konzernverantwortungsinitiative. «Manche Leute sagen, die Kirche schliesse Menschen aus, wenn sie eine bestimmte Meinung vertritt», sagt Wiesmann. «Aber das ist nicht so. Der Bundesrat schliesst ja auch niemanden aus, wenn er eine Abstimmungsempfehlung gibt.»

Jedes Mitglied und jede Pfarrperson der reformierten Kirche solle dem eigenen Gewissen folgen: Das ist laut Wiesmann eine Stärke seiner Kirche. Aber es ist auch ein Argument derjenigen, die keine politischen Kommentare von ihr hören wollen. «Niemand braucht sich von der Meinung der Kirche abhängig zu machen», sagt der Pfarrer. Wieder ein Griff an die beschlagene Brille. «Aber wenn die Kirche den Mund halten soll, damit sich niemand auf den Schlips getreten fühlt, hat das mit freier Meinungsäusserung nicht mehr viel zu tun.»

Fromm und liberal

Dass Michael Wiesmann ein politischer Mensch ist, zeigt auch seine Mitgliedschaft in der EVP. «Ich bin mit der Partei allerdings längst nicht in allen Punkten einig», sagt er schnell. Generell mag er es nicht, in Schubladen gesteckt zu werden oder sich selbst festzulegen. Seine Vorbilder? «Zum Beispiel Dietrich Bonhoeffer und Karl Barth», sagt er und schiebt gleich hinterher: «Das sind keine klassischen Vorbilder. Eher Personen, die ich aufgrund ihrer Eigenschaften bewundere, an denen ich mich aber auch reibe.»

Der Pfarrer erzählt, dass er kein Problem hat mit Spannungsverhältnissen und auch gut damit leben kann, mal anzuecken. Er vertritt liberale theologische Positionen und sagt Ja zur Ehe für alle. Gleichzeitig bezeichnet sich der zweifache Vater als fromm, manchmal sogar als evangelikal.

Michael Wiesmann ist mit dem reformierten Glauben aufgewachsen. Der Vater war Sigrist, die Mutter Sonntagschullehrerin. In Jugendjahren besuchte er mit Freunden charismatische Gemeinden, in denen persönliche Erfahrungen mit Gott und dem Heiligen Geist zentral waren. Noch heute lebt er eine persönliche Frömmigkeit, will aber anderen nicht vorschreiben, wie sie zu glauben oder zu leben haben. Er nimmt die Brille ab, wischt das Kondenswasser weg und sagt schulterzuckend: «Für die einen bin ich deshalb der fromme Stündeler, für die anderen viel zu liberal.»

«Von mir wird man keine politischen Predigten hören. Die Gottesdienstbesucher haben kaum eine Möglichkeit, mir in dieser Situation zu widersprechen.»
Michael Wiesmann

Doch es gibt einen Ort für ihn, an dem politische Kommentare, Meinungen und Aufreger nichts verloren haben – die Kanzel. «Hier wird man von mir keine politischen Predigten hören.» Er zeigt auf das schlichte Rednerpult in seiner Kirche. «Wenn ich auf der Kanzel stehe, gibt es ein Machtgefälle. Die Gottesdienstbesucher haben kaum eine Möglichkeit, mir in dieser Situation zu widersprechen», erklärt er. Gegen eine Podiumsdiskussion in der Kirche habe er nichts einzuwenden. Und im persönlichen Gespräch mit Gemeindemitgliedern äussere er ab und zu seine Meinung, wenn er gefragt werde. Aber eine Predigt mit Abstimmungsempfehlung? «Das ist für mich ein No-Go.»

In seinen Video-Rants auf Twitter erwähnt Michael Wiesmann nicht, dass er Pfarrer ist. «Ich spreche dort vor allem als Privatperson», sagt er, während es wieder einmal aus seiner Maske dampft. Trotzdem sieht er eine Verbindung zwischen seinen politischen Kommentaren und seiner Arbeit in der Kirche: «Der gemeinsame Nenner ist die Sprachfähigkeit.». In seinen Videos analysiert er die Äusserungen von Politikern und filtert heraus, was sie damit tatsächlich aussagen. Dann kommentiert er die politischen Statements und erhält dafür viel Zuspruch: «Du bringst es auf den Punkt», kommentierte eine Twitter-Userin Michael Wiesmanns Video über die Güterabwägung. Eine andere Person schrieb ihm: «Grossartig, danke für diese Erklärungen! Ich hätte das nie so treffend formulieren können.»

Die eigene Sprachfähigkeit nutzen

Treffende Formulierungen finden – das gehört zum täglichen Geschäft des Pfarrers. «Die Kirche findet in vielen Situationen Worte, in denen andere sprachlos sind», sagt er. Wenn ein Mensch stirbt, seien die Angehörigen oft froh über die passenden Worte der Pfarrperson. Ihre Sprachfähigkeit könne die Kirche auch nutzen, um ein politisches Geschehen zu kommentieren.

Doch Sprachfähigkeit bedeutet auch bei Michael Wiesmann nicht Unfehlbarkeit. Weil der Pfarrer ebenso wenig perfekt ist wie die Kirche, für die er arbeitet, oder die Politiker, die er kritisiert, löscht er in seltenen Fällen ein Video unmittelbar nach der Veröffentlichung: «Wenn ich merke, dass ich darin nicht sachlich und konstruktiv bleibe.» Denn Wiesmann will mit seinen politischen Botschaften dasselbe erreichen wie in seiner Gemeindearbeit: Das Zusammenleben der Menschen noch besser gestalten.  

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