«Humanitäre Hilfe ist wie die Feuerwehr»
Frau Frischkopf, die Welt brennt. Müssen Sie als neue Heks-Direktorin im Viertelstundentakt Entscheidungen fällen?
Das Tagesgeschäft läuft tatsächlich sehr schnell. Da gehört es dazu, viele Entscheidungen zu treffen. In den ersten hundert Tagen beschäftigten mich unter anderem internationale Themen wie die Finanzierung des Hilfswerks der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten und die Debatte zur Strategie des Bundesrats zur Internationalen Zusammenarbeit. Die Entscheidung des Ständerats Anfang Juni, das Budget der Armee auf Kosten der internationalen Zusammenarbeit aufzustocken, ist in der aktuellen Weltlage kurzsichtig. Im Inland habe ich mich vor allem mit dem Bereich Migration und den Strukturen des Heks auseinandergesetzt.
Wie haben Sie diese ersten drei Monate erlebt?
Es war eine sehr intensive und bereichernde Zeit. Man ist gleichzeitig mit vielen Themen beschäftigt. Die ersten drei Monate habe ich vor allem dazu verwendet, die Projekte von Heks in der Schweiz besser kennenzulernen. Ich habe sehr viel zugehört, Fragen gestellt und nachgelesen. Mir ist es wichtig, die Logik der Organisation und Überlegungen zu den Projekten nachvollziehen zu können.
Wie würden Sie einer Bekannten die Organisation beschreiben, die Sie seit Kurzem leiten?
Heks ist in der Schweiz lokal und regional sehr gut verankert. Es gibt sehr viele innovative Programme, die den Bedürfnissen vor Ort entsprechen. Dazu gehört zum Beispiel die «Permanences volantes» – eine «fliegende» Beratungsstelle für Sans-Papiers in Genf. Die Beratungsstelle hat ihre Arbeit vor 20 Jahren aufgenommen, als sich sonst noch niemand für dieses Thema interessierte. Die Zusammenarbeit mit den Behörden ist einzigartig und hat den Betroffenen extrem viel gebracht. Eine Herausforderung der Zukunft besteht darin, solche lokalen Ansätze und Erfahrungen auch für andere Regionen nutzbar zu machen.
In wenigen Wochen vergibt das Staatssekretariat für Migration (SEM) die Mandate für die Beratung und Rechtsvertretung von Asylsuchenden neu. Besonders das Heks steht dabei unter Druck. Bisher war die Organisation für die Regionen Nordwest und Ostschweiz zuständig.
Letztes Jahr wurde jedoch bekannt, dass im Bundesasylzentrum Basel zahlreiche Anhörungen von Asylsuchenden ohne Rechtsvertretung stattfanden (ref.ch berichtete). Grund dafür war, dass die Rechtsberatungsstelle des Heks überlastet und unterbesetzt war. Laut dem Heks sind die Probleme mittlerweile behoben. Zur Frage, auf welche Regionen sich das Heks in der aktuellen Ausschreibung beworben hat, wollte sich Direktorin Karolina Frischkopf mit Verweis auf das laufende Verfahren nicht äussern. (pef)
Heks engagiert sich zu einem grossen Teil auch im Ausland. Mit welchen Herausforderungen sind Sie dabei konfrontiert?
Der Bereich der humanitären Hilfe ist in den letzten zwei Jahren wegen zahlreicher Krisen stark gewachsen. Solche Krisen sind in der Regel nicht vorhersehbar. Deshalb müssen wir in der Lage sein, schnell zu reagieren und unsere Programme in kurzer Zeit zu erweitern – oder auch wieder zu reduzieren. Das ist eine grosse Herausforderung an die ganze Organisation. Ich gehe davon aus, dass die Anforderungen und Ansprüche an die Reaktionsfähigkeit von Organisationen im humanitären Bereich weiter steigen. Hinzu kommt, dass es nach einem starken Wachstum eine Phase der Konsolidierung braucht, um interne Prozesse anpassen zu können.
Wie lässt sich die Reaktionsfähigkeit verbessern?
Indem unsere lokalen Partner Entscheidungen vermehrt selbstständig treffen können. Sie müssen definieren, was sie machen möchten und welche Unterstützung sie dafür benötigen. In diesem Bereich ist Heks schon sehr weit. Das ultimative Ziel wäre, dass die Kompetenzen, Ressourcen und lokalen Strukturen vor Ort so gestärkt sind, dass es uns nicht mehr braucht.
Wie steht es denn um die humanitäre Hilfe?
Humanitäre Hilfe ist wie die Feuerwehr, sie regelt nur das dringendste. Danach braucht es Wiederaufbau und Entwicklungszusammenarbeit, um die gesellschaftliche Resilienz zu stärken. Derzeit sind 300 Millionen Menschen auf humanitäre Unterstützung angewiesen. Die heutigen Krisen halten länger an als früher und beeinflussen einander. Deshalb müssten wir mehr statt weniger Geld investieren, um ihre Folgen abzufedern.
Das könnte in Zukunft schwierig werden. Die Zahl der Privatspenderinnen geht zurück, die Kirchen verlieren Mitglieder und Steuereinnahmen und nun will auch der Bund bei der Entwicklungszusammenarbeit sparen...
...wovon wir die Auswirkungen bisher noch nicht spüren. Letztes Jahr haben wir über 138 Millionen Franken umgesetzt, so viel wie noch nie. Aber es ist klar, dass die Ressourcen in Zukunft kaum zunehmen werden. Deshalb müssen wir noch stärker auf einen guten Mix zwischen öffentlichen und privaten Geldern achten, damit wir den Wegfall einer Quelle mit einer anderen kompensieren können. Potenzial gibt es noch bei den Stiftungen. Ausserdem versuchen wir mit neuen Tools und Online-Marketing jene Menschen zu erreichen, die uns bisher noch nicht kennen. Ein Problem ist aber auch das Verhältnis zwischen zweckgebundenen Ressourcen und den sogenannten freien Mitteln.
Karolina Frischkopf hat Internationale Beziehungen, Wirtschafts- und Politikwissenschaften studiert und war als Diplomatin in Mexiko, Genf, Peking und Bern tätig. Ab 2019 arbeitete sie für das Schweizerische Rote Kreuz, das letzte Jahr als interimistische Direktorin. Die 45-Jährige ist die erste Frau an der Spitze des Hilfswerks der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz. (pef)
Wie meinen Sie das?
In der Öffentlichkeit generieren vor allem Naturkatastrophen Aufmerksamkeit. Wenn Menschen nach einem Erdbeben Geld für die betroffenen Menschen spenden, dürfen wir diese Mittel nicht anders einsetzen – sie sind zweckgebunden. Dabei kann es sein, dass es für den Wiederaufbau danach viel mehr Geld bräuchte als für die unmittelbare humanitäre Hilfe. Parallel dazu gibt es immer Krisen und Katastrophen, die in den Medien keine Aufmerksamkeit erhalten, trotzdem brauchen die Menschen auch dort Hilfe. Wir benötigen deshalb bei den Ressourcen genügend Flexibilität, um sie dort einzusetzen, wo sie am nötigsten und sinnvollsten sind.