«Wild-West-Mentalität bei Klimaprojekten»
«Carbon done right» hat grosse Pläne. Die kanadische Firma will weltweit eine Million Hektaren unfruchtbares Land aufforsten, in grossem Stil CO2-Zertifikate verkaufen und die Kleinbauern am Gewinn beteiligen. Aber nicht nur das: Vom Einsatz künstlicher Intelligenz und Blockchain-Technologien ist die Rede, um jeden gepflanzten Baum und jede Zahlung rückverfolgbar zu machen.
In der Realität sieht das Ganze allerdings anders aus, wie eine Recherche des Hilfswerks der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (Heks) mit Partnerorganisationen zeigt. Anlass für die Kritik ist eine der Baumplantagen von «Carbon done right» im Distrikt Port Loko im Westen von Sierra Leone. Dort soll die lokale Partnerfirma «Rewilding Maforki» auf 25'000 Hektaren Bäume pflanzen. Das Unternehmen rechnet mit Einnahmen von 300 bis 450 Millionen US-Dollar.
Vom Projekt sollen die Bauernfamilien, denen das Land gehört, aber nur wenig mitbekommen haben. «Vor einem Jahr haben die lokalen Gemeinschaften eine Partnerorganisation informiert, weil auf ihrem Land ohne ihr Wissen Bäume gepflanzt wurden», sagt Tina Goethe, Co-Abteilungsleiterin Entwicklungspolitik beim Heks, auf Anfrage von ref.ch.
Zusammenschluss gegen «Landgrabbing»
Brot für alle – mittlerweile mit dem Heks fusioniert – und das «Sierra Leone Network on the Right to Food» (Silnorf) arbeiten bereits seit über zehn Jahren zusammen, um «Landgrabbing» zu bekämpfen. Die Bezeichnung steht für Investoren, Unternehmen oder Staaten, die sich die Kontrolle über grosse Flächen an Land aneignen – mit legalen oder illegalen Methoden. Letzteres soll bei der Baumplantage in Port Loko der Fall sein.
Dabei böten die bestehenden Gesetze ausreichend Schutz. «Das Landrecht in Sierra Leone ist sehr progressiv», sagt Goethe. Es schreibt etwa vor, dass 60 Prozent aller Familienmitglieder einem Pachtvertrag schriftlich zustimmen müssen. Zudem müssen sie über alle relevanten Informationen zu einem Projekt verfügen.
In zahlreichen Gesprächen mit den Einwohnerinnen und Einwohnern von 25 der 60 betroffenen Dörfer hätte sich jedoch gezeigt, dass weder die eine noch die andere Bedingung erfüllt sei. Viele Personen hätten nie einen Pachtvertrag unterzeichnet, und wer es getan habe, habe kaum etwas über den Inhalt des Vertrags oder den Handel mit CO2-Zertifikaten gewusst. «Zum Zeitpunkt der Recherche verfügte niemand über eine Kopie der unterzeichneten Vereinbarung», sagt Goethe. Auch die Aussage, wonach die Bäume nur auf unfruchtbarem Land gepflanzt werden, bestritten die Menschen vor Ort.
Auffällig sei, dass es in Port Loko bereits in der Vergangenheit einen Fall von «Landgrabbing» gegeben habe, wie das Heks und Silnorf in ihrem Bericht schreiben. 2009 soll sich eine Palmölfirma Grundstücke für eine Plantage angeeignet haben. Schon damals erhoben die Bewohnerinnen den Vorwurf, dass sie ihre Zustimmung dafür nicht gegeben hätten. Als die Firma die Pachtzinsen nicht mehr überwies, erklärte ein Gericht die Pachtverträge für ungültig und sprach ihnen eine Entschädigung zu, deren Zahlung noch aussteht. Beim Geschäftsführer der Palmölfirma handle es sich um den Präsidenten von «Carbon done right», der auch Haupteigentümer von «Rewilding Maforki» sei – der lokalen Partnerfirma, welche die Bäume pflanzt.
«Rewilding Maforki» und «Carbon done right» seien nicht in der Lage gewesen, dem Heks die Nachweise für die Rechtmässigkeit der Vereinbarungen mit den Eigentümern zu liefern, sagt Goethe. Dies, obwohl sich die Firmen laut Goethe auf die Fahnen schreiben, das Einverständnis der betroffenen Leute sehr ernst zu nehmen.
Gut für das Klima und die Bevölkerung
In schriftlichen Stellungnahmen weisen die betroffenen Unternehmen die Anschuldigungen zurück. Die Verhandlungen mit den Landbesitzern seien ausführlich und transparent gewesen. «Es muss anerkannt werden, dass CO2-Kompensationen ein neues und abstraktes Konzept sind», schreibt «Rewilding Maforki». «Wir sind der Überzeugung, dass unsere Erklärungen angemessen und konsistent waren.»
Ausserdem handle es sich nicht um eine zusammenhängende Landfläche, die gepachtet werde, sondern um mehrere kleine Flächen. Dies ermögliche eine Koexistenz des Projekts mit der traditionellen Landwirtschaft.
Auf Anfrage von ref.ch schreibt «Rewilding Maforki», dass es keine Proteste der lokalen Gemeinschaften gegen das Projekt gegeben habe – vielmehr zeigten sich die Bewohnerinnen besorgt über die negativen Auswirkungen des Berichts der NGOs. «Das Unternehmen beschäftigt über 500 Personen», schreibt «Rewilding Maforki». Hinzu kämen Pachteinnahmen, Pläne zur Gemeindeentwicklung und die Gewinnbeteiligung an dem Projekt. Insgesamt bedeute die Plantage erhebliche Vorteile für die Gemeinschaft, das Klima und die Biodiversität.
Umstrittene Wirkung und Intransparenz
Die Kritik vom Heks geht über die einzelne Baumplantage hinaus. «Im Markt der Kompensationsprojekte herrscht eine Wild-West-Mentalität», sagt Goethe. Obwohl sich kaum genau berechnen lässt, wie viel CO2 durch die Bäume gebunden wird – schliesslich müssen sie Jahrzehnte überleben – blüht der Handel mit den Zertifikaten schon jetzt. Firmen aus dem Globalen Norden kaufen sie, um sich als «klimaneutral» zu bezeichnen. Ihre Emissionen müssen sie dafür nicht einmal reduzieren.
Zahlreiche Labels wie der «Verified Carbon Standard» machen aus den Klimazertifikaten handelbare Wertschriften. Obwohl sich das Projekt von «Carbon done right» in Sierra Leone erst noch im Anerkennungsprozess befindet, hat das Unternehmen bereits einen Vertrag über 2,5 Millionen US-Dollar mit einem Tochterunternehmen des internationalen Ölkonzerns BP abgeschlossen, heisst es im Bericht des Heks.
Juristische Schritte derzeit kein Thema
In der Schweiz unterstützt das Heks aktuell eine Klage von vier indonesischen Inselbewohnern gegen Holcim (ref.ch berichtete). Die Kläger werfen dem Konzern vor, zu wenig gegen den Klimawandel zu unternehmen und damit ihre Lebensgrundlage zu zerstören.
Juristische Schritte gegen «Rewilding Maforki» oder «Carbon done right» einzuleiten, sei im Moment aber kein Thema, sagt Goethe – obwohl das Hilfswerk den beiden Unternehmen einen Rechtsbruch vorwirft. «Es ist an den Gemeinschaften in Port Loko, zu entscheiden, ob und wie sie weiter vorgehen wollen», sagt Goethe. Ziel des Berichts sei gewesen, die Stimmen der Einwohnerinnen über die Region hinaus hörbar zu machen. Im Unterschied zur Holcim-Klage beträfen die Vorwürfe zudem sierra-leonisches Recht.
Umgekehrt habe sich das Heks jedoch gegen eine potenzielle «Slapp»-Klage gewappnet. «Slapp»-Klagen stehen für «Strategische Klage gegen öffentliche Beteiligung» und haben zum Ziel, kritische NGOs einzuschüchtern und durch lang dauernde Gerichtsprozesse finanziell zu belasten.
«Unser Bericht ist sehr vorsichtig formuliert und juristisch abgestützt», sagt Goethe. Der Präsident von «Carbon done right» habe schon verschiedentlich mit rechtlichen Schritten gedroht. «Es gab auch absurde Vorwürfe, wonach wir die Menschen mit säckeweise Dünger und Saatgut bestochen hätten.»
Das Heks schreibt, dass es die Situation vor Ort weiterhin beobachte und sich dafür einsetze, dass die Rechte der betroffenen Gemeinschaften nicht verletzt werden.