Hantavirus-Ausbruch
«Wir müssen die Angst ernst nehmen, aber sie nicht regieren lassen»
Auf dem Kreuzfahrtschiff «Hondius» haben sich Menschen mit dem Hantavirus angesteckt. Drei Personen sind bereits daran gestorben. Am Sonntag ging das Schiff vor Teneriffa vor Anker. Dagegen regte sich auf der spanischen Insel Protest. Man fürchtete, die Passagiere könnten die Krankheit an Land bringen und lehnte sie ab. Nun konnten die Kreuzfahrttouristen unter strengen Sicherheitsvorkehrungen das Schiff verlassen und wurden in alle Welt heimgeflogen.
Herr Schmid, das gefährliche Hantavirus hat das europäische Festland erreicht. Sorge, Gleichgültigkeit oder Abwehr – wie reagiert man ethisch angemessen?
Ethisch angemessen ist, nüchtern zu bleiben. Weder Gleichgültigkeit noch Panik sind gute Ratgeber. Nach den vorliegenden Informationen ist der Ausbruch ernst, aber die WHO betont, dass die Situation nicht mit Covid-19 vergleichbar ist. Für mich ist der entscheidende ethische Punkt: Menschen, die möglicherweise krank sind, bleiben Menschen. Man darf Risiken begrenzen, Quarantäne anordnen, aber man darf diese Menschen nicht zu einer schwimmenden Bedrohung entmenschlichen. Christlich gesprochen beginnt Ethik dort, wo aus Angst nicht Abwehr, sondern verantwortete Fürsorge wird. Wir leben nicht aus magischem Schutzdenken, sondern aus verantwortlicher Freiheit. Gottvertrauen ersetzt keine Epidemiologie. Aber es schützt uns davor, Menschen in Krisen nur noch als Gefahr zu sehen.
Der WHO-Generaldirektor sagte: «Ich weiss, dass Erinnerungen hochkommen, wenn Sie das Wort ‹Ausbruch› oder ‹Epidemie› hören – Erinnerungen, die keiner von uns ganz überwunden hat.» Spüren wir gerade einen Phantomschmerz?
Ja, wahrscheinlich schon – aber ich würde «Phantomschmerz» nicht abwertend verstehen. Es zeigt vielmehr, dass Gesellschaften ein Gedächtnis haben. Die Corona-Pandemie war nicht nur ein medizinisches Ereignis, sondern ein kollektiver Einschnitt. Isolation, Streit, Schuldzuweisungen, Ohnmacht, Vertrauensverlust – das alles ist nicht einfach verschwunden. Wenn nun wieder ein Schiff mit Menschen mit einer ansteckenden Krankheit vor einer Insel liegt, springt unser inneres Alarmsystem an. Aus theologischer Sicht ist Angst nicht einfach moralisch schlecht. Sie ist eine Reaktion auf ein negatives Zukunftsszenario. Sie kann warnen, sensibilisieren, schützen. Problematisch wird sie, wenn sie unsere Welt immer enger macht: erst Kampf gegen die Bedrohung, dann Rückzug, dann Erschöpfung und Zynismus. Darum müssten wir jetzt die Angst ernst nehmen, aber sie nicht regieren lassen. Nicht sagen: «Stellt euch nicht so an.» Sondern: «Ja, da ist eine reale Erinnerung. Aber jetzt schauen wir genau hin, unterscheiden, prüfen, handeln.»
Das Hantavirus dringt in unser Leben, während sich der Irankrieg in einer Sackgasse befindet und die Weltwirtschaft ins Wanken bringt, Israel bombardiert den Libanon trotz einer Waffenruhe, der Krieg in der Ukraine ist im fünften Jahr und in der Schweiz stimmen wir bald über eine Initiative zur Begrenzung der Zuwanderung ab, deren Auswirkungen auf die Zukunft der Menschen im Land nicht absehbar sind. Wie kann man angesichts dessen zuversichtlich bleiben?
Zuerst einmal darf man Zuversicht nicht mit Optimismus verwechseln. Optimismus sagt, es wird schon gut kommen. Christliche Hoffnung sagt etwas anderes: Auch wenn es nicht einfach gut kommt, ist die Welt nicht gottverlassen, und unser Handeln ist nicht sinnlos. Die christliche Hoffnung ist eine Widerstandskraft gegen Resignation. Sie lebt aus der biblischen Grundüberzeugung, dass Gottes Zukunft schon in diese Welt hineinragt. In der Sprache Jesu: Das Reich Gottes ist angebrochen. Das heisst nicht, dass die Welt heil ist. Es heisst: Die Welt ist nicht abgeschlossen in Gewalt, Angst und Zynismus. Und für uns bedeutet es, dass wir die Welt nicht erlösen müssen. Das ist eine enorme Entlastung. Aber wir sind verantwortlich, an unserem Ort das Rechte zu tun.
Im nationalen Gesundheitsbericht von 2025 heisst es: «Mehr als die Hälfte der jungen Frauen und fast ein Drittel der jungen Männer berichten von einem geringen Ausmass an Energie und Vitalität.» Der Anteil bei jungen Frauen von 15 bis 24 Jahren sei höher als in allen anderen Altersgruppen. Und: «Ihre Energie und Vitalität sind sogar niedriger als in der Altersgruppe 75.» Was kann man aus Ihrer Sicht dagegen tun?
Der Befund ist alarmierend. Man sollte ihn nicht individualisieren nach dem Motto: «Die Jungen sind halt weniger belastbar.» Das wäre zynisch. Viele junge Menschen wachsen in einer Welt auf, in der die Zukunft fast nur noch als Problemraum erscheint: Klima, Krieg, Wohnkosten, Leistungsdruck, digitale Dauerverfügbarkeit, Körperbilder, soziale Vergleiche. Wer ständig hört, dass alles kippt, soll gleichzeitig optimiert, erfolgreich, attraktiv, informiert und resilient sein. Das ist eine brutale Überforderung.
Was hilft?
Jugendliche brauchen Räume, in denen sie nicht bewertet, verglichen oder vermessen werden. In denen sie nicht funktionieren müssen, sondern ihnen echte Orte der Zugehörigkeit bieten. Junge Menschen brauchen auch konkrete Möglichkeiten, etwas zu tun und dabei zu merken: Mein Beitrag zählt. Das können politische, gesellschaftliche oder kirchliche Engagements sein – entscheidend ist, dass die Jugendlichen nicht nur über die Zukunft reden, sondern an ihr mitbauen können. Und sie brauchen eine andere Erzählung von Zukunft mit weniger moralischem Appell und mehr tragender Gemeinschaft. Genau hier hat der christliche Glaube ein Potenzial. Nicht als fromme Vertröstung, sondern als Gegenerzählung zur permanenten Erschöpfung. Der Mensch ist mehr als Leistung, mehr als Profil, mehr als Belastbarkeit. Er ist Geschöpf, Ebenbild Gottes, angesprochen, bejaht, gebraucht – aber nicht verwertbar.
Ist in diesem Zusammenhang die Tragödie um «Timmy», den apathischen jungen Buckelwal, nicht vielleicht exemplarisch?
Ja, in gewisser Weise schon. Gerade weil die Geschichte so eigenartig ist: Ein Wal liegt apathisch auf einer Sandbank, unzählige Menschen schauen zu, Fachleute greifen ein, niemand weiss wirklich, was richtig ist, und am Ende verschwindet er im offenen Meer. Tiere werden zwar leicht zur Projektionsfläche für unsere eigenen Gefühle. Aber vielleicht berührt uns die Geschichte gerade darum so stark: Sie zeigt eine Kreatur, die nicht mehr kann und eine Gesellschaft, die helfen will, aber an Grenzen kommt. Das ist ein Bild unserer Zeit. Exemplarisch ist die Hilflosigkeit, die Überforderung der Zuschauenden. Millionen Menschen verfolgen ein leidendes Tier in Echtzeit – und erleben zugleich: Anteilnahme ist nicht dasselbe wie Lösungskompetenz. Das kennen wir aus vielen Krisen. Wir sehen alles, wissen viel, fühlen mit – und bleiben doch oft ohnmächtig. Christlich gesprochen ist das eine Schule der Demut. Nicht alles, was wir sehen, können wir retten. Nicht jede Not lässt sich in eine Erfolgsgeschichte verwandeln. Aber daraus folgt nicht Gleichgültigkeit. Es folgt eine nüchterne Barmherzigkeit: tun, was möglich ist; anerkennen, was wir nicht kontrollieren; und das Leiden nicht zum Spektakel machen.
Sie hatten beruflich viel mit jungen Menschen zu tun und sind Familienvater. Wie machen Sie den Jugendlichen trotz allen Krisen Mut und Lust auf die Zukunft?
Ich glaube, man macht Jugendlichen nicht Mut, indem man ihnen sagt: «Ihr habt doch alle Möglichkeiten.» Viele hören das als zusätzlichen Druck. Man macht ihnen Mut, indem man ehrlich ist und zugleich nicht zynisch wird. Ich würde jungen Menschen sagen: Ja, ihr erbt eine komplizierte Welt. Es gibt reale Krisen. Es wäre unfair, euch einzureden, alles sei halb so wild. Aber ihr seid nicht nur Betroffene dieser Zukunft. Ihr seid Mitgestaltende. Und ihr müsst nicht perfekt, stark und daueroptimiert sein, um einen Unterschied zu machen. Der christliche Glaube kann hier erstaunlich entlastend wirken. Er sagt: Du musst dein Leben nicht selbst rechtfertigen. Dein Wert hängt nicht daran, ob du erfolgreich, gesund, schön, politisch korrekt, produktiv oder resilient genug bist. Du bist vor aller Leistung bejaht. Und gerade daraus wächst Freiheit: Ich muss mich nicht beweisen – ich kann mich einbringen. Für mich ist Hoffnung deshalb nicht einfach ein Gefühl. Hoffnung ist eine Praxis. Man kann sie kultivieren durch Gemeinschaft, Gebet, Engagement, Rituale, Musik und Orte, an denen man klagen darf und trotzdem wieder aufsteht. Hoffnung kämpft nicht gegen ein drohendes Unheil, sondern für eine gemeinsame Zukunft; sie führt Menschen zusammen und ermächtigt sie zum Handeln.