Tierethik

«Die Menschen sehnen sich nach etwas Schönem»

Seit Wochen kämpfen Rettungskräfte um das Leben des Buckelwals «Timmy». Der Theologe und Tierethiker Christoph Ammann erklärt, was hinter dem Hype steckt und warum wir dem Wal damit keinen Gefallen tun.
Ein Helfer legt nasse Tücher zum Schutz der Haut auf den Rücken des festliegenden Buckelwals. (Bild: Jens Büttner / Keystone)

Herr Ammann, seit Wochen blickt die Öffentlichkeit gebannt auf die Rettungsaktion in der Ostsee. Warum bewegt «Timmys» Schicksal die Menschen so?
Das hat mit dem positiven Image der Wale zu tun. Sie gelten als sanftmütige Wesen, gross, fremd und sagenumwoben. Wenn so ein Koloss in eine hilflose Lage gerät, berührt uns das. Gleichzeitig ist es eine gute Story – wie damals die mit dem Eisbären Knut.

Weltweite Kriege und Konflikte beanspruchen aktuell unsere Aufmerksamkeit. Warum sollten wir uns um einen sterbenden Wal kümmern?
Viele Menschen sind erschöpft und deprimiert von den vielen Krisen. Sie sehnen sich nach etwas Schönem. Da kommt eine solche «Free Willy»-Geschichte gerade recht. Ein hilfloses Tier kann befreit werden. Es ist eine Geschichte, die gut ausgehen kann und Hoffnung spendet.

Fachleute räumen dem Wal kaum noch Überlebenschancen ein. Warum bleiben die Helfenden so hartnäckig?
Es ist immer schwer, jemandem beim Sterben zuzuschauen – egal ob Mensch oder Tier. Heute glauben wir, mit unseren technischen und medizinischen Möglichkeiten vieles kontrollieren zu können. Den Wal einfach so sterben zu lassen, scheint inakzeptabel. Das hat zum Teil groteske Züge angenommen. Viele Menschen hätten sich gewünscht, dass «Timmy» an Ostern in Freiheit kommt und somit eine Art neues Oster-Wunder schafft.

Ähnlich sorgen wir uns nur um unsere Haustiere. Sehen Sie hier Parallelen?
Auch «Timmy» ist für uns zu einem Sympathieträger geworden. Wir haben ihn liebgewonnen und sind bereit, alles zu versuchen, um ihn zu retten. Wie bei unseren Haustieren tun wir das nicht nur für ihn, sondern auch für unser gutes Gefühl. Entscheidend sollte aber immer das Wohl des Tieres sein.

Zur Person

Christoph Ammann ist Präsident des Arbeitskreises Kirche und Tier (AKUT Schweiz) und Pfarrer in der reformierten Kirchgemeinde Zürich-Witikon. Zuvor war er viele Jahre Oberassistent am Ethik-Zentrum der Uni Zürich und Mitglied der Tierversuchskommission des Kantons Zürich.

Ammann lebt mit seiner Frau und den drei Kindern in Zürich. (no)

Was heisst das konkret?
Wir müssen uns fragen, ob ein krankes Tier eine echte Perspektive hat. Hat der Hund nach einem Eingriff noch ein gutes Hundeleben? Das ist immer eine schwierige Abwägung. Besteht diese Hoffnung nicht, dann ist es unsere ethische Verpflichtung, das Tier in Ruhe sterben zu lassen. Wissenschaftlichen Gutachten zufolge ist genau dies bei «Timmy» der Fall. Darauf sollten wir uns stützen und nicht auf unsere eigenen Bedürfnisse.

Warum zeigen wir so viel Mitgefühl für einen einzelnen Wal, aber kaum für unsere Nutztiere?
Bei den Nutztieren ist es so, dass wir sie selten als Individuen wahrnehmen. Jährlich werden in der Schweiz rund 86 Millionen Nutztiere geschlachtet, das ist eine unfassbare Zahl. Aber sie löst nicht viel aus, weil sie zu abstrakt ist.

Heisst das, wir können nur mit einzelnen Lebewesen wirklich mitfühlen?
Zumindest fällt es uns leichter. Es ist schwierig, mit einer anonymen Menge Mitleid zu haben. Würden die Medien über ein Schwein berichten, das aus dem Schlachthof geflohen ist, würde uns das auch rühren. Es bekäme einen Namen und man könnte seine Flucht im Livestream verfolgen. Gleichzeitig spielt bei der Massentierhaltung Verdrängung eine Rolle – man will es gar nicht so genau wissen.

Sind es nur spezielle Tierarten, die einen solchen medialen Hype auslösen können?
Es sind oft Tiere, die besonders knuddelig aussehen, wie der Eisbär Knut, oder die als gutmütig und kommunikativ gelten wie die Wale mit ihren Gesängen. Auch ein niedliches Äffchen, das lustig herumspringt, hätte das Potential dazu. Mit einer Forelle wäre es wahrscheinlich schwieriger.

Beim Wal kommt hinzu, dass er fast schon ein mythisches Lebewesen ist und in zahlreichen Geschichten vorkommt.
Ja, der Wal ist mit viel Bedeutung aufgeladen. In der Bibel gibt es die Geschichte von Jona und dem Wal. Genau genommen ist von einem «grossen Fisch» die Rede. Er spuckt Jona aus, nachdem dieser bereut hat und zur Umkehr entschlossen ist. Man könnte sagen: Gott handelt durch den Wal. Später stand der Wal dann oft für die bedrohliche Naturgewalt – denken wir etwa an «Moby Dick».

Die Sängerin Sarah Connor hat die Debatte um «Timmy» dazu genutzt, zu einem nachhaltigeren Fischkonsum aufzufordern. Kann so ein Hype auch Positives bewirken?
Natürlich wäre es wünschenswert, damit etwa auf die rund 300‘000 Delfine und Wale aufmerksam zu machen, die jedes Jahr in treibenden Netzen verenden. Ich zweifle aber daran, dass ein breites Umdenken stattfindet. Dafür ist die Geschichte viel zu sehr von Emotionen und Unterhaltung geprägt. Es fällt mir schwer, ein echtes ethisches Empfinden zu erkennen.

Was wünschen Sie sich für «Timmy»?
Man sollte aufhören damit, «Timmy» um jeden Preis retten zu wollen. Das ist unverhältnismässig. Natürlich ist es traurig, dass dieses Tier stirbt – aber nicht trauriger als bei unzähligen anderen auch. Wir sollten viel mehr Mitleid mit jenen Tieren haben, die für unseren Fleischhunger getötet werden.

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