Krieg im Nahen Osten

«Bomben sind keine Lösung»

Die iranischstämmige Politologin Saghi Gholipour und der Fotograf Milad Ahmadvand blicken mit Sorge auf den Krieg. Für sie ist klar: Demokratie lässt sich nicht herbeibomben.
Seit rund einer Woche bombardieren die USA und Israel Ziele im Iran. Im Bild ein beschädigtes Auto in den Strassen von Teheran. (Bild: Farhad Babaei/ Keystone)

Frau Gholipour , Herr Ahmadvand, stehen Sie derzeit in Kontakt mit Ihren Angehörigen im Iran?

Ahmadvand Momentan ist es sehr schwierig, jemanden zu erreichen. Das Internet ist seit einigen Tagen stark gedrosselt. Ich versuche es immer wieder, aber meist vergeblich.

Gholipour Auch ich erreiche meine Angehörigen seit Tagen nicht. Eine Verbindung kommt nur mit viel Glück zustande, etwa über VPN oder Starlink. Ich weiss nicht einmal, ob meine Verwandten noch leben.

Wie verschaffen Sie sich ein Bild über die aktuelle Lage?

Gholipour Unter den Exil-Iranerinnen gibt es einen regen Austausch. Die Informationen bleiben aber fragmentarisch. Nach dem Aufstehen scrolle ich als erstes eine Stunde in den Sozialen Netzwerken. Mein Ladekabel habe ich immer dabei.

Ahmadvand Mir geht es gleich. Ich bin ständig auf der Suche nach neuen Informationen. Mich stört zunehmend der westliche Blick in den grossen deutschsprachigen Medien. Daher informiere ich mich vermehrt über Sender wie Al Jazeera, wo alle Seiten zu Wort kommen.

Nach dem Angriff gingen Bilder von jubelnden Exil-Iranern um die Welt. Wie stehen Sie zum Krieg?

Ahmadvand Ich bin Pazifist und gegen diesen Krieg. Gleichzeitig bin ich hin- und hergerissen. Natürlich wünsche ich mir Freiheit und Demokratie für den Iran. Aber Bomben sind keine Lösung. Die Geschichte unseres Landes hat gezeigt, dass ausländische Interventionen selten etwas Gutes gebracht haben. Mir bereitet zudem Sorge, dass der Krieg zu Spaltungen im Land führt.

Gholipour Auch ich bin gegen den Krieg. Ich glaube nicht daran, dass man durch militärische Angriffe einen Regimewechsel erreichen kann. Die Revolutionsgarde kann auf diese Weise geschwächt werden, aber die Strukturen dahinter sind weiterhin vorhanden. Zudem: Wenn Trump nun verhandeln will, wie er angekündigt hat, waren all die Toten vergeblich.

Saghi Gholipour

Saghi Gholipour (42) ist Politologin und Mitgründerin von «Free Iran Switzerland». Ihre Eltern flohen 1986 während des ersten Golfkriegs aus dem Iran in die Schweiz. Gholipour ist in Zürich aufgewachsen.

Was müsste stattdessen geschehen?

Gholipour Ein Sturz des Regimes kann nur von der iranischen Bevölkerung selbst ausgehen. Dafür muss das Regime international isoliert und die Revolutionsgarde als Terrororganisation eingestuft werden. Gleichzeitig geht es darum, die Zivilgesellschaft im Iran zu stärken und Strukturen aufzubauen, die einen demokratischen Übergang ermöglichen.

Ahmadvand Die internationale Gemeinschaft hat es verpasst, die Protestbewegung zu einem früheren Zeitpunkt stärker zu unterstützen. Diplomatie und Sanktionen können aber auch jetzt etwas bewegen. Breite Wirtschaftssanktionen treffen vor allem die Bevölkerung. Stattdessen sollte der Druck auf die Eliten des Regimes zielen. Viele Kinder und Angehörige von Revolutionsführern leben im Westen. Dort müssten Sanktionen ansetzen.

Milad Ahmadvand

Milad Ahmadvand (40) lebt als Fotograf in Winterthur. Seine Eltern flohen in den 90er Jahren aus dem Iran nach Deutschland, wo Ahmadvand unter anderem in Asylwohnheimen aufwuchs. 2012 kam er in die Schweiz.

Was wünscht sich die iranische Gemeinschaft in der Schweiz?

Ahmadvand Die iranische Diaspora istgespalten. Ein Teil sehnt sich nach den Verhältnissen vor der Revolution zurück und setzt auf den Schah-Sohn Reza Pahlavi. Ich misstraue dieser Nostalgie. Auch zu Schah-Zeiten war nicht alles gut. Mein Wunsch ist vielmehr, dass sich im Iran eine funktionierende Demokratie etabliert. Dafür gäbe es geeignete Persönlichkeiten, etwa die Menschenrechtsaktivistin Shirin Ebadi.

Gholipour In der iranischen Gemeinschaft in der Schweiz ist man sich einig, dass das Regime gestürzt werden muss. Viele wünschen sich Demokratie und Achtung der Menschenrechte. Eine grosse Mehrheit spricht sich zudem für einen säkularen Staat aus. Das spiegelt die Verhältnisse im Iran, denn in keinem islamischen Land ist die Gesellschaft in den vergangenen Jahren so stark säkularisiert worden. Uneinigkeit besteht hingegen darüber, auf welchem Weg diese Ziele erreicht werden können.

Was erwarten Sie nun von der Schweiz?

Gholipour Als Diaspora-Gemeinde haben wir lange vor dem Regime gewarnt, ohne gehört zu werden. Die Angriffe auf die Golfstaaten zeigen, dass die Regierung bereit ist, alle in den Untergang mitzureissen. Daher erwarte ich von der Schweiz, dass sie reagiert und die Revolutionsgarden auf die Terrorliste setzt. Die Schweiz könnte auch eine Rolle spielen, wenn es darum geht, die Oppositionskräfte an einen Tisch zu bringen.

Ahmadvand Von der Schweiz erwarte ich mehr als Lippenbekenntnisse. Während des Ukraine-Krieges war eine grosse Solidarität für die Geflüchteten zu spüren. Das fand ich sehr berührend. Etwas von dieser Empathie würde ich mir auch für die Menschen aus dem Iran wünschen.

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