Libanon
«Die Libanesen sind Weltmeister im Überleben»
Herr Fornerod, Sie waren kürzlich im Libanon. Wie hat sich das Land seit Ihrem letzten Besuch verändert?
Es hat sich wenig zum Besseren verändert – eher im Gegenteil. Die wirtschaftliche Krise hat sich weiter verschärft. Zwar können die Menschen leichter mit Dollar bezahlen. Aber der Wechselkurs ist kaum besser als der frühere Schwarzmarktwert. Die Preise sind um bis zu 50 Prozent gestiegen.
Welche Folgen hat das?
Für die Bevölkerung ist die Lage schwierig. Die Armut ist überall auf der Strasse sichtbar – nicht nur bei Bettlern, sondern auch bei Menschen aus der Mittelschicht, die plötzlich um Hilfe bitten. Gleichzeitig gibt es weiterhin eine kleine Schicht extrem Reicher, die in Luxus lebt. Diese Schere klafft immer weiter auseinander.
Seit November gibt es zwischen Israel und der Hisbollah im Süden des Libanons einen Waffenstillstand. Wird dieser eingehalten?
Im Süden ist vieles komplett zerstört – in einer Zone von 20 Kilometern Breite. Dort gibt es keine Dörfer mehr, alles wurde plattgemacht. In Beirut ist es ruhiger, aber auch dort gab es während meines Besuchs Zwischenfälle. Ich habe keine Explosionen gehört, aber über der Stadt detonieren regelmässig Schallbomben. Dabei wird nichts zerstört, aber es knallt enorm laut. Das ist psychologische Kriegsführung. Die Menschen werden täglich daran erinnert, dass etwas passieren kann. Auch Drohnen waren zu hören.
Hundertausende sind aus dem Süden geflohen. Wo sind diese Menschen jetzt?
Einige kehren in ihre völlig zerstörten Dörfer zurück. Andere bleiben in Beirut oder sind nach Syrien geflohen. Es gibt kaum noch offizielle Notunterkünfte, die Menschen sind über das ganze Land verstreut. Viele leben auf der Strasse, auch Kinder mit ihren Familien. Die Not ist gross, und die Möglichkeit zur Hilfe begrenzt.
Serge Fornerod war rund 20 Jahre lang für die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz (EKS) tätig. Zuletzt war er stellvertretender Geschäftsleiter und Leiter der Abteilung Aussenbeziehungen und Werke.
In dieser Funktion vertrat er die EKS in internationalen Gremien wie dem Ökumenischen Rat der Kirchen und der Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen. Heute ist Fornerod pensioniert. Er hat den Libanon schon mehrfach besucht. (no)
Wie steht es um die internationale Unterstützung?
Die UNHCR hilft vor allem syrischen Flüchtlingen. Das sorgt bei den Libanesen für Unmut, denn sie leiden unter denselben Bedingungen, erhalten aber kaum Hilfe. Die Kirchen im Land haben viel geleistet – viele evangelische Gemeinden haben Menschen aus dem Süden aufgenommen. Auch unter den verschiedenen Religionsgemeinschaften gibt es Solidarität. Dennoch ist das Misstrauen gegenüber den Geflüchteten nicht verschwunden, da man oft nicht weiss, wer von ihnen zur Hisbollah gehört hat.
Was verspricht sich das Volk von der neuen Regierung?
Die Menschen sind vorsichtig optimistisch. Es gibt endlich wieder eine Regierung, der Präsident und Premierminister arbeiten offenbar gut zusammen. Doch die Herausforderungen sind gewaltig. Internationale Unterstützung, etwa von den USA oder Saudi-Arabien, ist an harte Bedingungen geknüpft – etwa die vollständige Entwaffnung der Hisbollah oder eine umfassende Reform des Bankenwesens mit völliger Transparenz. Viele halten das für kaum umsetzbar. Trotzdem: Wenn nur ein Teil dieser Reformen gelingt, wäre das bereits ein Fortschritt.
Nach der jüngsten Gewalt in Syrien sind Tausende von Menschen in den Libanon geflohen, darunter viele Alawiten. Haben Sie auch etwas über die Situation in Syrien erfahren?
Die Nachrichten aus Syrien sind wenig optimistisch. Niemand traut der aktuellen sunnitischen Regierung der HTS-Miliz. Man weiss, dass diese Leute in der Vergangenheit Gräueltaten begangen haben, auch gegen Christen. Viele fürchten, dass Syrien erneut in eine islamistische Richtung kippt. Politisch ist die Lage instabil, wirtschaftlich ist sie katastrophal – Löhne werden nicht mehr bezahlt, und es gibt praktisch keine Polizeistrukturen mehr, nur bewaffnete Gruppen. Ich wollte nach Damaskus reisen, mir wurde aber dringend davon abgeraten. Es sei zu gefährlich.
Wie sehen Sie die Zukunft des Libanon – haben die Menschen noch Hoffnung?
Hoffnung auf eine politische Lösung hat kaum noch jemand. Ich hörte, wie der Präsident einer protestantischen Kirche zu Studierenden sagte: «Wartet nicht darauf, dass die Politiker etwas für die Gerechtigkeit tun.» Die Menschen im Libanon sind anpassungsfähig, sie sind Weltmeister im Überleben. Aber die Zukunft des Landes hängt weniger vom Willen der Libanesen ab, als von externen Faktoren. Libanon bleibt ein Spielball fremder Mächte.