Krieg in der Ukraine
«Ich rechne damit, bis April keine Heizung zu haben»
Sergiy Maidukov ist einer der bekanntesten Illustratoren der Ukraine. Seine Arbeiten erscheinen unter anderem im «New Yorker» und «Guardian». Nach den heftigen russischen Angriffen auf die Infrastruktur am 9. Januar 2026 fielen in grossen Teilen Kiews die Heizung und Stromversorgung aus. Bei Aussentemperaturen im zweistelligen Minusbereich riet Bürgermeister Vitali Klitschko den Einwohnern, die Stadt vorübergehend zu verlassen. Über 600'000 Menschen sollen gemäss Klitschko nach wenigen Tagen dem Aufruf gefolgt sein. Maidukov blieb.
Das folgende Gespräch mit dem Illustrator wurde am 21. Januar per Videoanruf durchgeführt. Als er abnimmt, sitzt er in seiner Wohnung vor dem Computer, eingehüllt in eine Daunenjacke, seine Beine stecken in einem Schlafsack. Er reibt sich die Hände, und als er zu sprechen beginnt, steigen Atemwölkchen auf.
«Nur 5 Grad Celsius sind es hier drin», sagt Maidukov und lächelt.
Wie überstehen Sie den Alltag bei diesen Temperaturen?
Ich halte mich warm mit Fitnessübungen, Tanzen und heissen Getränken. Die Situation ist schwierig, aber nicht kritisch. Immerhin habe ich Strom – jedenfalls meistens. Täglich gehe ich entweder im Hallenbad schwimmen oder draussen joggen, zehn bis zwölf Kilometer, selbst wie jetzt bei minus 17 Grad. Das hält mich fit und ist auch mental für mich wichtig: weiterzugehen, nicht aufzugeben. Das Schwierigste ist, zu arbeiten.
Wegen der Kälte?
Der Körper benötigt bei diesen Temperaturen sämtliche Energie. Ich kann mich bei meiner Arbeit kaum konzentrieren.
Seit Russland die Ukraine angreift zeichnet Maidukov den Kriegsalltag in seinem Land. Eines der ersten Bilder zeigt seine Tochter, die noch schläft. Es ist der 24. Februar 2022. Maidukov war von Explosionen in der Ferne aufgewacht. Schmerzlich begreift er: «Für meine Tochter wird sich von jetzt auf gleich alles verändern». Noch am gleichen Morgen bricht sie mit den Grosseltern nach Lwiw auf. Ihre Mutter folgt ihr eine Woche später und nimmt sie mit nach Frankreich, wo die beiden seither leben. Sergiy und seine Frau sind inzwischen getrennt.
Wie geht es Ihrer Tochter heute?
Sie ist nun schon zwölf Jahre alt. Sie entwickelt sich gut, spricht fliessend französisch, schreibt in der Schule gute Noten und hat Freunde gewonnen. Letzten Sommer erhielt ich eine Ausreisebewilligung und konnte mit ihr ein paar Tage in Berlin verbringen. Das war sehr schön. Doch sie hat mir seit einigen Wochen nicht mehr geschrieben. Ich weiss nicht weshalb, es macht mich traurig.
Die Ukraine zu verlassen kommt für Sie nicht infrage?
Niemals. Nur wenn Russland die vollständige Kontrolle über die Ukraine erlangen sollte. Doch dazu wird es nicht kommen.
Warum nicht?
An der Front kommen die Russen kaum noch voran, ihr Ressourcenverbrauch ist enorm. Letztlich wird die Ukraine wohl einen Teil ihres Territoriums verlieren, aber nicht den Krieg.
Rechnen Sie mit mehr Unterstützung der USA und der EU?
Nicht wirklich. Trump ist insgeheim ein Unterstützer von Putin und die EU hat Angst vor dem grossen Russland.
Welche Hilfe wäre besonders nötig?
Waffen für die Luftabwehr, damit wir unsere Infrastruktur besser schützen können.
Wie sicher fühlen Sie sich?
Mein Vorteil ist, dass ich in der Nähe des Regierungsviertels wohne, das vergleichsweise gut durch die Luftabwehr geschützt ist.
Kann es sein, dass Sie für Fronteinsätze rekrutiert werden?
Möglich ist es. Noch bis März bin ich allerdings davor geschützt, weil ich im Auftrag der Stadt Lwiw arbeite. Sie plant ein Trauma- und Rehabilitationszentrum für Kriegsversehrte. Ich berate die Stadt, wie Kunst die Behandlungen unterstützen kann.
Die schweren Angriffe auf die Infrastruktur sind zwölf Tage her …
… es kommt mir vor, als wären es Monate.
Bis wann rechnen Sie damit, ohne Heizung auskommen zu müssen?
Die Reparaturarbeiten gehen nur schleppend voran. Sobald sie beendet sind, werden die Russen die Infrastruktur wieder mit Raketen und Drohnen angreifen. Das ist ihre Taktik. Ich rechne damit, bis April keine Heizung zu haben.
Am Dienstag, 24. Februar, 18. 30 Uhr, findet im Berner Münster ein ökumenisches Gebet mit anschliessendem «Benefizkonzert für Frieden in der Ukraine» statt. Auftreten wird unter anderem ein Kammerorchester aus Bachmut. Die Stadt im Südosten der Ukraine ist inzwischen vollständig zerstört.
Durchgeführt wird die Feier von der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in der Schweiz (AGCK) in Zusammenarbeit mit den Berner Kirchen, der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS), der Botschaft der Ukraine sowie den Vereinen Prostir und Ukraine Hilfe Bern.
Am Sonntag, 22. Februar, widmen sich mehrere Veranstaltungen der Ukraine. So etwa ein Gottesdienst, der um 10 Uhr in der Basler Thomaskirche beginnt. Auch dort wird das Kammerorchester aus Bachmut auftreten.
In Zürich wird dem vierten Jahrestag des russischen Angriffskrieges am Sonntag um 17 Uhr im Grossmünster gedacht. Am Dienstag um 19.30 Uhr findet in der Kirche St. Peter ein Benefizkonzert statt. (hz/gab)
Wie gehen die Einwohner, die in Kiew geblieben sind, damit um?
In der Stadt wurden Heizzelte aufgestellt, in denen man sich aufwärmen kann. Das Leben geht weiter. Man trifft sich in beheizten Bars und Restaurants oder in Kinos.
Erleben Sie in dieser schwierigen Zeit auch schöne Momente?
Die gibt es. Heute Morgen war ich joggen. Auf der Brücke über den Dnipro musste ich anhalten, was ich sonst selten tue. Der Fluss hatte sich durch die Kälte in ein sanftes Band verwandelt. Es war magisch – Poesie.
Illustration Aufmacherbild: Sergiy Maidukov