«Körperwelten»
Dient sein Lebenswerk der Aufklärung oder als Geisterbahn?
Im Juli starb der Mann, der mit dem Ausstellen von Toten seinen Lebensunterhalt verdiente. Gunther Gerhard Liebchen, weltweit bekannt unter dem Namen seiner Ex-Frau als Gunther von Hagens, brachte Gänsehaut und Zornesröte überall dorthin, wo er seine «Körperwelten» ausstellte.
Bevor Hagens – je nach Perspektive – zum Bürgerschreck oder Aufklärer werden konnte, sah es lange nicht danach aus, als käme er je auf einen grünen Zweig. Er wuchs in der DDR auf, brach die Schule ab, war mal Pöstler, mal Liftboy, versuchte später aus dem Land zu fliehen, wurde gefasst und eingesperrt, bevor ihn die Bundesrepublik Deutschland freikaufte.
Auf dem zweiten Bildungsweg wurde Hagens Arzt und arbeitete zuerst in der Anästhesie und der Notfallmedizin. Später beschäftigte er sich damit, wie man anatomische Präparate imprägnieren und haltbar machen kann. In der Folge erfand er die sogenannte Plastination. Vereinfacht gesagt werden dabei die organischen Flüssigkeiten im Körper durch Kunststoffe ersetzt. Der Leichnam wird haltbar wie ein anatomisches Modell. Hagens gründete ein Unternehmen und das Institut für Plastination.
Darf man Tote ausstellen?
Breite Aufmerksamkeit für sein Verfahren erhielt er aber erst 1996, als er seine Plastinate ausstellte: Ganze Menschen, präpariert und konserviert, wie in der Bewegung eingefroren die einen, durch Öffnungen den Blick in das Körperinnere freigebend die anderen. Die Ausstellung hiess «Körperwelten». Sie hatte grossen Erfolg und ging bald auf Welttournee. Überall, wo sie hinkam, fragten sich die Menschen: Darf man das mit Toten tun?
Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) etwa kritisierte scharf, dass Hagens Leichen zur Schau stelle, als Sensation verkaufe und zur Ware mache.
Der selbsternannte Plastinator sah sich hingegen als Aufklärer, der jedermann und -frau die Möglichkeit bot, die Anatomie des menschlichen Körpers zu entdecken. Das liess die EKD jedoch nicht gelten: «Medizinische Aufklärung ist auch auf andere Weise zu erzielen», hiess es damals. Die Ausstellung wolle den Tabubruch für wirtschaftlichen Gewinn. Das sei ethisch nicht akzeptabel.
Der damalige Chefanatom der Universität Basel, Dieter Sasse, sagte dem Schweizer Fernsehen 1999, er sehe ein Problem der Vermischung von Kunst und Anatomie in der Ausstellung: «Das Problem wird dann evident, wenn mit Leichen so etwas wie Kunst gemacht wird. Oder zumindest der Anspruch auf Kunst erhoben wird.»
Sasse sagte weiter, Gunther von Hagens weiche der Frage aus, welchen Zweck er mit den «Körperwelten» verfolge. «Wenn man ihm die Frage nach der Kunst stellt, dann antwortet er mit wissenschaftlichen Argumenten. Wenn man ihn nach der Wissenschaft fragt, sagt er, es sei ‹anatomy arts›, also Anatomie-Kunst.»
Publikum schwankt zwischen Ekel und Neugier
Die Schweizer Theologin und Trauerexpertin Anja Niederhauser erinnert sich an die Anfänge der «Körperwelten». Sie sei ein Teenager gewesen, die Tagesschau habe über die Ausstellung berichtet und darüber, dass viele Menschen empört gewesen seien. «Ich hätte mir damals die Ausstellung angeschaut, aus Neugier», sagt sie. Doch ihre Eltern seien kategorisch dagegen gewesen. «Die Ablehnung war impulsiv und intuitiv», erinnert sie sich, «und Ekel spielte auch eine Rolle.»
Niederhauser hat sich die «Körperwelten» nie angeschaut. Präparate in Anatomiemuseen haben sie nicht erschreckt, Verstorbene hat sie auch schon gesehen – woran lag es also? «Das Voyeuristische an einem Besuch hatte für mich den grösseren Ekelfaktor als die Exponate», sagt sie.
Vorwurf des Tabubruchs
Kritiker werfen Gunther von Hagens den Tabubruch vor: Er versage den Verstorbenen die Vergänglichkeit und mache sie zu Objekten. Den Individuen nehme er die Einzigartigkeit. Und wie der evangelische Theologe Rüdiger Sachau in seinem Aufsatz «Der Leichnam und die Religion» über die Plastinate schrieb: «Die Toten der Ausstellung sind ihrer Seele beraubt.» Name, Biographie und Persönlichkeit seien nicht mehr zu erkennen.
«Im Zusammenhang mit den ‹Körperwelten› gibt es einen Widerwillen bei vielen Menschen», sagt Niederhauser, «man spürt, dass ethisch etwas nicht korrekt ist.» Sie führt das unter anderem auf die Objektivierung eines beseelten Körpers zurück und darauf, dass das grundlegende menschliche Bedürfnis ignoriert werde, die Verstorbenen den Blicken der Lebenden zu entziehen.
Die Trauerexpertin spricht von verschiedenen «magischen Aspekten» im Umgang mit Verstorbenen. Dabei geht es um die bewusste Trennung der Lebenden und der Toden. «Man schliesst ihnen die Augen, damit sie einen nicht ansehen können. Oder man trägt sie mit den Füssen voran aus dem Haus, damit sie den Weg zurück nicht finden», erklärt sie.
In manchen Regionen stellt man aus demselben Grund auch die Möbel in der Wohnung um, nachdem jemand gestorben ist. Sogar der Brauch, dass die Trauergemeinde am offenen Grab Erde auf den Sarg wirft, gehört in diese Reihe: «Dahinter steht, dass man sicher gehen will, dass die Tote in der Erde bleibt», sagt Niederhauser.
Tod ohne Schrecken
Der deutsche Theologe Thomas Marschler schrieb in seinem Aufsatz «Der Leichnam als Zeichen» über die Arbeit Gunther von Hagens: «Der beruhigende Blick auf die ästhetisch ansprechende, ohne jede Spur von Schmerz oder Verwesung präsentierte Plastinatleiche bildet für ihn das Gegenbild zum christlichen Memento Mori, zum beunruhigenden Blick auf den hässlichen, schmerzhaften Tod.»
Doch gerade die Auseinandersetzung mit der Tatsache, dass eine nahestehende Person gestorben ist und deren Körper vergehen wird, sei wichtig für die Hinterbliebenen, sagt die Theologin und Trauerexpertin Anja Niederhauser. «Auch wenn es schmerzlich ist, hilft es den Hinterbliebenen, die neue Realität anzunehmen», sagt sie. Unter anderem sei im Prozess des Abschiednehmens für die Angehörigen wichtig zu entscheiden, wie man die sterblichen Überreste bestatten wolle. Weil die Plastination diesen Prozess verunmögliche, könne sie den Menschen auch unheimlich sein.
Ist das Kunst?
Zentral war im Zusammenhang mit den «Körperwelten» auch immer der Vorwurf der Ästhetisierung. Handelt es sich bei den Plastinaten um Kunst? Theologe Marschler nennt die Ausstellung eine «um die Welt reisende Leichenshow», die mehr sein wolle als «bloss ein modernes anatomisches Kabinett».
Der Theologe Rüdiger Sachau schreibt: «Wer verstorbene Menschen in grotesken Gesten zeigt, die so tun, als wären sie noch lebend, der blendet die Realität des Todes aus.» Die Plastinate Kunst nennen, will Theologin Niederhauser nicht. Dennoch sieht sie Berührungspunkte: «Ich denke an den berühmten Hai von Damien Hirst, der tot ist, aber lebendig aussieht. Er ist gleichzeitig ‹gruusig› und schön.» Mit einem vergleichbaren Effekt habe Hagens gespielt.
Doch unbestreitbar haben die Menschen seit jeher das Bedürfnis, den Tod bildlich darzustellen. «Man will sichtbar machen, was man nicht sehen und sich nicht vorstellen kann», sagt Niederhauser. Schon früh habe man den Tod als Skelett dargestellt, weil man es als Zeichen des Todes gekannt habe.
Dass Hagens an die Stelle des Skeletts den plastinierten Körper gestellt hat, bezeichnet Niederhauser als «pietätlos, weil es sich um Menschen handelt, die einmal gelebt haben. Der Mensch ist mehr als sein Körper». Also ist es weder Kunst noch Aufklärung? Die Theologin sagt pointiert: «Es ist wie eine Geisterbahn.»