Tod und Sterben
Wenn im Café des Todes die Menschen aufleben
Ein Ort, an dem sich einander unbekannte Menschen treffen, um über den Tod zu sprechen, nennt sich Death Café. Erfunden hat das Format ein Soziologe aus der Westschweiz. Das Death Café musste jedoch erst im Ausland erprobt und beliebt werden, bevor es jemand in die Schweiz zurückbrachte.
Dass dies ausgerechnet eine Frau war, die damals gerade an einem Roman über eine Bestatterin arbeitete, ist eine der Überraschungen, die das Leben bereithält. Wir treffen sie an einem sonnigen Tag in Brugg AG. Sarah Buchmann trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift «Death Positive» und der Darstellung dreier Frauenfiguren, die mit zwei Skeletten im Kreis tanzen.
Es ist schon elf Jahre her, seit sie ihr erstes Death Café veranstaltete. An das Treffen im Cabaret Voltaire in der Zürcher Altstadt erinnert sie sich noch lebhaft. Rund zwanzig Personen seien da gewesen. Manche hätten beruflich mit dem Tod zu tun gehabt, andere gerade einen Angehörigen verloren und wieder andere seien aus Neugier und mit Fragen zu Tod und Leben gekommen. «Ich warf sie ins kalte Wasser, nachdem ich kurz das Konzept des Death Cafés erklärt hatte. Es war eine halbe Minute lang total still im Raum», sagt Buchmann. Danach hätten an allen Tischen quasi gleichzeitig angeregte Gespräche begonnen. «Nach Ablauf der Zeit war es schwierig, sie wieder zu beenden», erinnert sie sich.
Keine Trauerrunde
Ein Death Café ist keine Trauerrunde, das ist Buchmann wichtig. Vielmehr sollen die Teilnehmenden in diesem Rahmen frei über das Tabuthema Tod sprechen können. «Die Menschen sind froh, mit dem Thema an einem Ort anzukommen, wo es Raum dafür gibt», sagt Buchmann. Dies könnte der Grund sein, weshalb in den vergangenen Jahren in vielen evangelisch-reformierten Landeskirchen und Organisationen wie Palliative Aargau das Death Café zu einem beliebten Angebot geworden ist.
Grossmünster-Pfarrer Christian Walti sagte 2020 in einem ref.ch-Interview als Mitinitiant der «Berner Charta für ein gemeinsam getragenes Lebensende» und Organisator eines Death Cafés, man wolle den Tod enttabuisieren und Hemmschwellen abbauen. Für ihn galt dabei: «Die Auseinandersetzung mit dem Tod darf ruhig etwas Spielerisches haben. Das Thema ist ja schon schwer genug.»
Idee eines Soziologen
«Indem man ständig über den Tod und das Sterben spricht, bereitet man sich ein wenig auf den eigenen Tod vor, was bedeutet, dass man keine Angst davor hat», sagte der Walliser Soziologe Bernhard Crettaz einmal in einem Interview mit Radio RTS. Es sei vielleicht eine Möglichkeit, sich dem Tod zu stellen, so wie man es in der Vergangenheit gewagt habe, ihm ins Gesicht zu sehen. Crettaz spricht unter anderem die Totenwache an, die bis vor einigen Jahrzehnten vielerorts verbreitet war.
Der Wissenschaftler forschte unter anderem zum Thema Tod. Zu Beginn der 1980er-Jahre gründete und leitete er die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Tod und Sterben. Nach dem Tod seiner Frau rief er 2004 das «Café Mortel» ins Leben, um eine öffentliche Diskussion über das Sterben anzustossen.
Die Idee verbreitete sich schnell in der frankophonen Welt, danach in der angelsächsischen. Crettaz’ Buch «Cafés mortels: Sortir la mort du silence» von 2010 ist trotzdem noch immer nur auf Französisch erhältlich. Der Soziologe starb 2022 im Alter von 84 Jahren.
Das Konzept zurückgebracht
Sarah Buchmann lernte das Konzept des Death Cafés in London kennen, als sie für ihren Bestatterinnen-Roman recherchierte. An einem Kongress über Tod und Sterben hörte sie zum ersten Mal davon. Sie erzählt: «In London treffe ich amerikanische Experten, die mir sagen, dass das Death Café in der Schweiz erfunden wurde.» Das habe sie beschämt. Buchmann beschloss, die Arbeit am Roman aufzuschieben und zuerst die Idee des Death Cafés in der Schweiz wieder bekannt zu machen.
Das ist ihr gelungen. Heute blickt Buchmann zufrieden zurück. Als sie sah, dass die Idee des Death Cafés in der Schweiz verbreitet und verankert war, liess sie es hinter sich. Am Thema Tod allerdings ist sie bis heute drangeblieben. Sie beschäftigt sich mit der Zeit zwischen dem Eintritt des Todes und der Bestattung und bietet Begleitungen für Angehörige während dieser Phase an. Ausserdem hegt sie einen Traum: Sie möchte ein Museum über den Tod und den Umgang der Menschen mit ihm schaffen. Analog soll es sein und handfest.