Rezension

Die Neue Rechte und das Christentum

Im Buch «Christentum von rechts» beleuchten mehrere Autoren rechte und rechtsextreme Strömungen, die versuchen, das Christentum für sich zu vereinnahmen. Auch vor Dietrich Bonhoeffer schrecken sie nicht zurück.

Anlässlich des Berliner Terroranschlags im Dezember 2016 versammelten sich Menschen mit rechter Gesinnung zu einer Mahnwache. Mit dabei war auch ein Pfarrer, der eine Predigt hielt. (Bild: Keystone/ Laif/ Dominik Butzmann)

Das Christentum, oder konkreter die Kirche, hat nicht gerade den Ruf, rechts zu sein. Im Gegenteil: Oft wird von bürgerlicher Seite kritisiert, dass Kirchenvertreter in politischen Debatten allzu linke Positionen einnehmen, etwa in der Abstimmung zur Konzernverantwortungs-Initiative. Doch auch die rechte Seite versucht, aus dem christlichen Glauben politisches Kapital zu schlagen und dabei eine «völkischen Theologie» zu etablieren, wie im neuen Sammelband «Christentum von rechts» beschrieben wird.

Gleich mehrere Autoren erschliessen sich aus unterschiedlichen Perspektiven Zugang zum Thema. So widmet sich etwa Martin Fritz zwei Sammelbänden, in denen dargelegt wird, was «rechtes Christentum» ausmacht. Laut Fritz zeigt sich bei genauerer Auseinandersetzung der Schriften, dass es sich dabei um flammende Reden wider die moderne Welt handelt.

«Man wendet sich gegen das mediale, politische und intellektuelle Establishment. An die Eliten, die an der Spitze der Manipulation der Massen stehen», schreibt Fritz. Diese geballte Dekadenzdiagnose ist laut dem Autor nicht in toto als abwegig abzutun. Sie spräche so manches Bedenkens- und Diskussionswürdiges an. Doch sie löse nicht Diskussionsfreudigkeit aus, sondern Ermüdung und Abwehr. Denn sie neige zur polemischer, zugespitzter und verkürzter Rhetorik, was gerade für theologische Texte äusserst untypisch sei.

Im Fokus «Color»

In einer Serie beleuchtet die ref.ch-Redaktion das Thema «Color». Am Donnerstag, 11. November 2021, erscheint ein Kommentar zur Vielfalt in den reformierten Kirchen. (red)

Eine rechte «Mahnwache» wählt Autor Andreas Kubik als Analyseobjekt. Anlässlich des Berliner Terrorschlags, bei dem im Dezember 2016 ein islamistischer Attentäter mit einem Sattelschlepper durch einen Weihnachtsmarkt fuhr und 11 Menschen tötete und Dutzende verletzte, versammelten sich mehrere rechte Gruppierungen zu einer «Mahnwache». Unter den Anwesenden war auch der Pfarrer Thomas Wawerka, dem die Aufnahme ins Beamtenverhältnis im Pfarramt verwehrt wurde.

Wie sich zeigt, wird das Instrument der politischen Predigt auch von der Neuen Rechten gerne gebraucht. Und dabei wird auch vor der Verwendung von Zitaten des Widerstandstheologen Dietrich Bonhoeffer nicht zurückgeschreckt, der notabene von den Nazis hingerichtet wurde. «Man müsse dem Rad auch in die Speichen fallen», zitierte Wawerka Bonhoeffer in seiner Predigt. Denn «wenn unsere Mitmenschen getötet und verletzt werden, dann haben auch wir als Christen das Recht auf Widerstand.»

Johann Hinrich Claussen, Martin Fritz, Andreas Kubik, Rochus Leonhardt und Arnulf von Scheli: «Christentum von rechts», Mohr-Siebeck-Verlag, 232 Seiten, 29.90 Franken, 2021.

Auf solche Vereinnahmungen durch die Neue Rechte adäquat zu reagieren, ist gemäss Kubik nicht einfach. Politisch und auch kirchenpolitisch sei die klare Abgrenzung von undemokratischen und zum Faschismus tendierenden Richtungen und Positionen angezeigt. Aber in seelsorgerlicher und liturgischer Hinsicht müsse man gedanklich und menschlich gesprächsfähig und -willig bleiben. Andernfalls drohe die Gefahr, sich mit der Haltung zu begnügen, welche sich füglich in dem Satz zusammenfassen liesse: «Herr, ich danke dir, dass ich nicht bin wie die anderen Leute.» (Lk 18,11).

Das Buch «Christentum von rechts» ist keine leichte Lektüre. Doch es nimmt sich einem Thema an, das infolge der Erstarkung einer Neuen Rechten in Europa an Dringlichkeit gewonnen hat. Gerade auch deshalb, weil es in der Neuen Rechten scheinbar «en vogue» ist, sich als selbstgerechte Verfechter christlichen Werte aufzuspielen; die sich einem «konservativen Christentum mit populistischer Verschärfung» verschrieben hat, wie Autor Martin Fritz die Strömung bezeichnet. Um dieser Bewegung nicht nur theologisch Einhalt zu gebieten, braucht es zuerst einmal deren Verständnis. Und dazu trägt «Christentum von rechts» bei.