Porträt

Reformierte Migrations­geschichten

Kirche kann Integration erleichtern. Vier Menschen mit Migrationshintergrund erzählen, wie sie die Ankunft in der Schweiz erlebt haben und welche Hürden sie überwinden mussten.

Mohan Sapkota
Young-Lan Song
Ekramy Awed
Nadine Manson
Mohan (Tara) Sapkota wohnt und arbeitet mitten in der Basler Altstadt. (Bild: Goran Basic)

«Ich bin Gastgeber der Kirche»

Nach meiner Ankunft in der Schweiz 1996 habe ich lange Zeit in der Gastronomie gearbeitet. Zuerst war ich Tellerwäscher, später habe ich Ausbildungen zum Serviceangestellten und zum Koch gemacht. Seit sieben Jahren bin ich nun Sigrist in der Reformierten Kirchgemeinde Basel-West. Das mag überraschen. Für mich gibt es aber sehr wohl eine Verbindung zwischen diesen Berufen.

Als Sigrist bin ich so etwas wie der Gastgeber der Kirche. Alle Anfragen zur Benutzung der Kirche laufen zuerst über mich. Das sind grosse und kleine Gemeindeanlässe, aber auch Hochzeiten und Abdankungen. Dazu kommen Veranstaltungen von Externen wie Konzerte oder Diplomfeiern. Ich berate die Leute und schliesse die Verträge mit ihnen ab. Meistens bin ich von Anfang bis Ende des Anlasses persönlich dabei. Diese Rolle gefällt mir gut.

«Es war ein bitterkalter Wintertag, als ich zusammen mit anderen Flüchtlingen in Basel eintraf.»

Nach Europa gekommen bin ich als Wirtschaftsflüchtling. Ich bin in einem kleinen Dorf in Nepal aufgewachsen. Wir waren eine grosse Familie, aber sehr arm. Mein Vater arbeitete in Indien bei der Armee, er war nur alle paar Monate zuhause. Wir besassen etwas Land und lebten in einem winzigen Haus mit nur einem Zimmer. Meine Geschwister und ich mussten schon früh arbeiten, es blieb kaum Zeit für die Schule. Als ich achtzehn war, entschied mein Vater, dass ich nach Europa auswandern sollte, um die Familie zu unterstützen.

Ich entschloss mich, mein Glück in der Schweiz zu suchen. Es war ein bitterkalter Wintertag, als ich zusammen mit anderen Flüchtlingen in Basel eintraf. Weil Sonntag war, wurden wir im Asylheim nicht eingelassen. Wir standen auf der Strasse und waren völlig verzweifelt.

Plötzlich fuhr ein Mann mit dem Auto vor. Er war Mitglied einer freikirchlichen Gemeinde und bot uns an, uns mit in die Kirche zu nehmen. Dort durften wir ein Joghurt essen und übernachten. Dafür bin ich heute noch dankbar.

«Im Asylheim sah ich zum ersten Mal in meinem Leben einen Weihnachtsbaum.»

Die ersten Jahre in der Schweiz waren für mich ein Kulturschock. In meinem Heimatdorf in Nepal ist es normal, dass man sich kennt und einander besucht. Hier ist alles viel förmlicher und muss man erst abmachen, um jemanden zu treffen. Im Asylheim lernte ich schliesslich die ökumenische Bewegung «Mitenand» kennen, die dort eine Weihnachtsfeier organisierte.

Damals sah ich zum ersten Mal in meinem Leben einen Weihnachtsbaum. Später besuchte ich die Gottesdienste der Gemeinde und wurde Mitglied. «Mitenand» organisiert jedes Jahr eine ökumenische Ferienwoche für Migranten und Schweizerinnen. Seit ein paar Jahren bin ich dort für die Küche verantwortlich und leite das Team der Freiwilligen. Hier lernte ich auch meine Frau kennen, eine Schweizerin. Gemeinsam haben wir drei Kinder.

«Im Nachhinein sehe ich manche Dinge kritisch.»

Für mich ist Kirche so etwas wie eine Familie, sie hat mir bei der Integration sehr geholfen. Andere Migranten, die in die Schweiz kommen, haben diesen Vorteil nicht. Im Nachhinein sehe ich manche Dinge aber auch kritisch. In der Freikirche, die ich nach meiner Ankunft in Basel besuchte, wurde ich sehr früh getauft. Heute muss ich sagen: Das ging viel zu schnell.

Ich war jung und konnte nicht Nein sagen. Auch hätte ich mir gewünscht, erst noch mehr über den christlichen Glauben zu erfahren. Von Haus aus bin ich Hindu. Diese theologischen Grundlagen habe ich mir später selber erarbeitet. So habe ich letztes Jahr einen CAS in interkultureller Theologie und Migration absolviert. Meine Abschlussarbeit habe ich über «Silentium» geschrieben, das Projekt eines stillen Mittagessens in der Kirche, das wir in unserer Gemeinde verwirklichen wollen. Das ist für mich eine schöne Verbindung zwischen meinen Berufen.

Heute fühle ich mich in der Schweiz gut integriert. Das heisst aber nicht, dass ich keine schlechten Erfahrungen gemacht hätte. Kürzlich setzte ich mich im Tram neben eine Frau, die daraufhin sofort ihre Handtasche umklammerte. Wahrscheinlich hatte sie wegen meiner Hautfarbe Angst, dass ich stehlen könnte. Solche Vorfälle sind aber zum Glück selten.

Mohan (Tara) Sapkota (43) ist verheiratet und hat mit seiner Frau drei Kinder. Die Familie lebt in Basel.


Young-Lan Song fand die innerkirchliche Integration schwieriger als jene im Land. (Bild: Goran Basic)

«Diese Erwartungen erfülle ich unmöglich»

In unserer Gemeinde bin ich keine Privatperson. Mein Mann arbeitet als Pastor der koreanisch-evangelischen Methodistischen Kirchgemeinde Hanin Sarang in Zürich. Er studierte in Korea Theologie und schloss auch in Deutschland mit einem Magister ab, wo wir uns kennen lernten.

Als Pastorenfrau übernehme ich eine offizielle Rolle. In Korea wäre es üblich, den Pastor bei seelsorgerischen Gesprächen zu begleiten und sich als «Mutter der Kirche» um alle Belange der Gemeindemitglieder zu kümmern. Das kann ich nicht, denn ich arbeite Vollzeit als Ärztin in der Hämatologie in einem Labor und einem Spital. Mein Beruf ist mir sehr wichtig; ich bin dankbar um diese Arbeit.

«Ich muss zu allen freundlich sein und mich mit jedem unserer Mitglieder verstehen.»

Die «innerkirchliche Integration» war schwieriger für mich als jene im Job. Ich ahnte, welche Erwartungen an mich gestellt würden und wusste, diese erfülle ich unmöglich. Einige sind der Meinung, ich engagiere mich zu wenig für unsere Gemeinde. Ich muss zu allen freundlich sein und mich mit jedem unserer Mitglieder verstehen.

Im Fokus: «Color»

In einer Serie beleuchtet die ref.ch-Redaktion das Thema «Color». Am Mittwoch, 27. Oktober 2021, erscheint als nächster Beitrag ein Interview zur Arbeit eines Hilfswerks auf dem schwarzen Kontinent Afrika. (red)

Manchmal erfahre ich über Dritte, dass die Gemeinde unzufrieden ist mit mir oder einer meiner Handlungen und der Ansicht ist, ich involviere mich zu wenig. Einmal gab es einen Zwischenfall mit einem meiner Kinder. Ich wusste schlicht nichts davon und konnte mich daher auch nicht nach Details erkundigen. Ich spreche Probleme gerne an und bin sehr direkt – eine typisch deutsche Eigenschaft.

Ich sehe zwar koreanisch aus, fühle mich aber mehr als Deutsche. Das ist mir erst hier in Zürich bewusst geworden. Aufgewachsen bin ich in Fischbeck, einem kleinen Dorf bei Hameln. Meine Eltern verliessen Korea in den 1970er-Jahren aus wirtschaftlichen Gründen. Sie lernten sich in Deutschland kennen und leben noch heute dort. Sonntags besuchten wir den Gottesdienst in einer koreanischen Gemeinde in Hannover. Ich wurde früh fremdbetreut, meine Schwester und ich wurden zweisprachig erzogen.

«Zwei Jahre habe ich mich nicht an den Gesprächen beteiligt. Die Leute dachten, ich sei schüchtern.»

Ich spreche kein Schweizerdeutsch, obwohl ich das gern würde. Die Sprache macht viel aus, um ein Land und dessen Mentalität zu verstehen. Kurz nach unserem Umzug von Düsseldorf nach Zürich bin ich einem Sportverein beigetreten. Nach dem Training ging es in die «Beiz».

Bestimmt zwei Jahre habe ich mich an den Gesprächen nicht beteiligt, weil ich meinte, meine hochdeutschen Kommentare zerstörten die Harmonie – obwohl mir niemand dieses Gefühl vermittelte. Die Leute dachten, ich sei sehr schüchtern, typisch asiatisch. Dabei bin ich das gar nicht.

Im Alltag habe ich sehr wenig Diskriminierung erfahren, ich habe mich nie ausgegrenzt gefühlt. Bei unangebrachten Sprüchen hinterfrage ich eher, was ich persönlich falsch gemacht haben könnte. Ich leiste lieber einen Beitrag, um die Situation zu verbessern, statt mich in einer Opferrolle zu sehen.

«Unsere Gemeindemitglieder sind froh, medizinischen Rat einholen zu können. Sie werden gerne in ihrer Muttersprache beruhigt.»

Kritik aus der Kirchgemeinde trifft mich allerdings schon, und ich trage sie eine Weile mit mir herum. Sachen auf den Tisch zu legen und darüber zu sprechen, ist sehr un-koreanisch. Auf digitalen Kanälen tausche ich mich in einer Bibelgruppe mit anderen Pastorenfrauen aus, die teilweise in Korea gelebt haben. Das hilft mir, Dinge einzuordnen und ein besseres Verständnis für meine Rolle und das Gegenüber zu entwickeln.

Im Gegenzug sind unsere Gemeindemitglieder froh, können sie bei mir medizinischen Rat holen. Sie werden gerne in ihrer Muttersprache beruhigt. Ich bin aber nicht nur «die Ärztin».

Seit ich 14 bin, übersetze ich Gottesdienste simultan. Es gibt viele gemischte Ehen, und so können auch Personen anderer Nationalitäten teilnehmen. Weiter engagiere ich mich für Jugendliche, tausche mich mit Jugendarbeitern aus und halte den Kontakt zur reformierten Landeskirche. Die Stelle meines Mannes ist unbefristet, und unsere Gemeinde hofft, dass wir hier in Zürich alt werden.

Young-Lan Song ist 42 Jahre alt. Sie hat eine Tochter (13) und einen Sohn (8). Die Familie lebt in Zürich-Leimbach.


Ekramy Awed hat eine neue Kirchgemeinde aufgebaut. (Bild: Goran Basic)

«Ich fühlte mich verloren»

Jugendliche sind meine ‘Baustelle’. Bereits in meinem Heimatland Ägypten arbeitete ich mit ihnen, dort war ich Geografie- und Religionslehrer. Nun bin ich Sozialdiakon in der Reformierten Kirchgemeinde in Dulliken. Es gibt zu wenige junge Menschen in der Kirche. Ich versuche, neue Angebote zu schaffen, um Jugendliche für die Kirche zu begeistern. Wir kochen gemeinsam oder veranstalten Filmabende.

Zwanzig Jahre sind vergangen, seit ich in die Schweiz gekommen bin. Meine damalige Frau war Schweizerin, ich folgte der Liebe. Nach meiner Ankunft in Bern fühlte ich mich verloren. Ich verstand die Sprache nicht, und ich hatte keine Kirche mehr. Es war eine schmerzhafte, stressige Zeit.

«Der erste Kontakt war harzig, es gab Berührungsängste.»

Ich suchte eine arabische Kirchgemeinde, fand aber keine. Ich bin evangelisch aufgewachsen. Meine Eltern fuhren mich und meine vier Geschwister jeden Sonntag zur Kirche. Mein Grossvater hat mir den Glauben weitervermittelt, er war engagiert in unserer Gemeinde, der Nilsynode. Das ist quasi das Pendant zu einer Schweizer Landeskirche.

Eine Zeit lang besuchte ich reformierte Gottesdienste, die auf Arabisch übersetzt wurden – aber das war nicht dasselbe. Vor meinem Haus, wo ich wohnte, stand eine Kirche. Zufällig kam ich mit dem Hausabwart ins Gespräch. Der erste Kontakt war harzig, er verstand nicht, was ich wollte, es gab Berührungsängste.

Es war eine reformierte Kirche, und so lernte ich Verantwortliche kennen von den Reformierten Bern Jura Solothurn. Sie haben mich mit offenen Armen empfangen. Dank meiner Verbindungen zur Nilsynode gründete ich 2011 die erste evangelisch-arabische Kirchgemeinde der Schweiz (EAG); zwei Jahre später wurde ich ordiniert.

«Unsere Gemeinde ist dynamisch, die Leute bleiben ein, zwei Jahre.»

Eine zentrale Aufgabe einer Migrationskirche ist für mich die Integration. Die Leute kommen in ein fremdes Land, meistens nicht freiwillig. Wir bieten ihnen eine kleine Zelle, ein Stück Heimat. In diesem Rahmen können sie sich sicher fühlen und aus dieser Basis heraus fliegen sie aus.

Im Arabischen verwenden wir das Wort «hadana». Im übertragenen Sinn bedeutet das, ein Küken nicht achtlos in einen grossen Stall zu lassen, sondern es zuerst in einem kleinen Gehege zu pflegen.

Wir begleiten unsere Gemeindemitglieder auch zu Arztterminen oder übersetzen für sie vor Gericht. Die EAG ist dynamisch, meistens bleiben die Leute ein, zwei Jahre, dann suchen sie sich eine andere Schweizer Kirchgemeinde. Das ist für mich in Ordnung. Mittlerweile haben wir drei Standorte: Ich leite jene in Bern und Basel, die EAG Lugano funktioniert autonom.

«Die wenigen Vorfälle, an die ich mich erinnere, sind alle ausserhalb einer Kirche passiert.»

Ich tausche mich regelmässig mit der Landeskirche aus und arbeite freiwillig als Seelsorger in der Berner Heiliggeist-Kirche. Natürlich suchen mich vor allem arabischstämmige Menschen auf, oft geht es um finanzielle Probleme, die sie beschäftigen.

Es geht aber auch darum, ihnen soziale Wärme zu vermitteln, und das geht über eine gemeinsame Sprache am besten. Diskriminierung oder Rassismus habe ich in der Schweiz kaum erfahren. Die wenigen Vorfälle, an die ich mich erinnere, sind alle ausserhalb einer Kirche passiert.

Auf jeden Fall sehe ich mich auch als Brückenbilder zwischen der Arabischen und der Schweizer Kultur. Ende Jahr läuft meine befristete Teilzeit-Stelle in Dulliken aus. Ich bilde mich weiter in praktischer Sozialdiakonie und möchte am liebsten weiterhin in diesem Bereich arbeiten. So könnte ich meine Erfahrungen zwischen den Kirchen meiner alten und neuen Heimat verbinden.

Ekramy Awed ist 47 Jahre alt. Er hat einen Sohn (10) und ist geschieden. Awed lebt in Bern.


Nadine Manson fehlt in ihrer Arbeit der Austausch mit den Gemeindemitgliedern. (Bild: Goran Basic)

«People of Color sind auf sich allein gestellt»

Die Abwechslung zwischen praktischer und intellektueller Arbeit war mir immer wichtig. Ich habe viele Jahre als Pfarrerin gearbeitet und daneben meine Dissertation geschrieben. Seit rund zwei Jahren bin ich nun Liturgiebeauftragte der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS).

Der Gottesdienst ist in den reformierten Kirchen sehr uneinheitlich geregelt. In der Liturgiekommission versuchen wir, die verschiedenen Sprachregionen zu vernetzen und gemeinsame Lösungen zu erarbeiten. Das ist eine politische Aufgabe. Ich sitze viel in Gremien und versuche, Partner wie zum Beispiel die Kantonalkirchen an einen Tisch zu bringen.

«Unser Lager war hermetisch abgeriegelt.»

Manchmal vermisse ich dabei den direkten Kontakt zu den Menschen. Das habe ich als Pfarrerin immer geschätzt. Ich bin eine offene Person und habe in verschiedenen Ländern gelebt. Aufgewachsen bin ich in Deutschland. Genauer gesagt in einer französischen Garnison in Landau in der Pfalz.

Meine Eltern stammten aus Madagaskar und mein Vater war Angehöriger der französischen Besatzungsarmee. Die deutsche Sprache habe ich allerdings erst später gelernt, denn unser Lager war von der einheimischen Bevölkerung hermetisch abgeriegelt. Wir hatten unsere eigenen Einkaufsläden, Schulen und Sporthallen.

«Dass es mich in die Schweiz verschlug, hat mit Johannes Calvin zu tun.»

Als junge Frau fing ich ein Jurastudium an, wechselte aber bald zur Theologie. Das gefiel mir besser, weil es vielseitig war. Ich studierte in Paris und verbrachte zwei Austauschsemester in Louisville, Kentucky, der Geburtsstadt von Muhamed Ali. Nach dem Master begann ich meine Dissertation und arbeitete zugleich als Vikarin in der Nähe von Toulouse; meine erste Pfarrstelle hatte ich in Lyon.

Dass es mich schliesslich in die Schweiz verschlug, hat mit Johannes Calvin zu tun. Dessen Schriften entdeckte ich in der Universitätsbibliothek von Leiden in den Niederlanden, wo ich meine Doktorarbeit beendete. Calvin faszinierte mich so, dass ich mir sagte: Du musst unbedingt nach Genf.

Seit 2007 bin ich nun in der Schweiz. Ich arbeitete zuerst vier Jahre als Pfarrerin in Genf und kam dann nach Biel. Dort lebe ich heute mit meinem Schweizer Freund zusammen. Als Pfarrerin hatte ich nie Schwierigkeiten bei der Integration, ich hatte immer Menschen aus der Gemeinde um mich herum. Mein Partner kommt aus einem komplett anderen Umfeld. Durch ihn habe ich inzwischen auch viele Bekannte ausserhalb der Kirche.

«Ich musste viele Schikanen erdulden.»

Erfahrungen mit Rassismus habe ich bereits in meiner Kindheit gemacht. In der französischen Garnison, in der ich aufgewachsen bin, herrschte teilweise noch eine kolonialistische Mentalität. Ich musste viele Schikanen erdulden. Zum Beispiel wurde ich in der Schule öfter aufgerufen, wenn wir etwas auswendig lernen mussten.

Oder es hiess, ich solle am besten Coiffeuse oder Sekretärin werden. In der Schweiz ist es besser, aber auch hier habe ich Negatives erlebt. Kürzlich im Zug wollte ein Mann nicht, dass ich mich zu ihm ins leere Abteil setzte. So etwas macht mich traurig. Ich möchte darauf aber nicht mit Hass oder Rache reagieren. Auch glaube ich nicht, dass sich solche Menschen ändern lassen.

Die reformierte Kirche erlebe ich als aufgeschlossen gegenüber dem Schutz von Minderheiten. Viele Kantonalkirchen haben inzwischen ein Diskriminierungsverbot in ihrer Verfassung. Trotzdem sind wir «People of Color» sehr auf uns allein gestellt, auch untereinander sind wir kaum vernetzt.

Vielleicht ist man sich des Problems nicht so bewusst, weil die Schweiz keine koloniale Vergangenheit hatte. Ich würde mir wünschen, dass diese Menschen noch mehr Unterstützung erhielten. Für die LGBTI-Community gibt es seit kurzem in Zürich ein eigenes Pfarramt. So etwas könnte ich mir auch für POC vorstellen.

Nadine Manson ist 55 Jahre alt. Sie ist geschieden und lebt mit ihrem neuen Partner in Biel.