Verfolgte Christen

Chinesische Polizei macht Razzien in Untergrund-Kirchen

Formell gilt in China Religionsfreiheit. Doch christliche Gemeinschaften geraten unter Druck, wenn sie sich nicht staatlich kontrollieren lassen wollen.
Kein Zugang mehr: Behörden haben den Hintereingang zu einem Raum verriegelt, in dem Mitglieder der Church of Zion zusammenkamen. DIe Aufnahme stammt aus Peking und wurde 2018 gemacht. (Bild: Andy Wong/ Keystone/AP)

Es poltert an der Tür, es ist zwei Uhr morgens. Gao Yingjia, Leiter einer christlichen chinesischen Gemeinde, die sich nur im Geheimen trifft, und seine Frau Geng Pengpeng rennen zum Eingang. Ihr kleiner Sohn schläft im Obergeschoss, er soll nicht erschrecken. Ausserdem gehört das Haus einem Freund, die Familie hält sich hier versteckt.

Zuvor hatte die chinesische Regierung verboten, Gottesdienste online zu übertragen – mit Ausnahme der offiziellen Websites für registrierte christliche Kirchen. Doch Yingjia und Pengpeng gehören zur Church of Zion. Sie ist nicht registriert und erreicht ihre Mitglieder vor allem per Video oder Stream auf Youtube und WeChat. Nach Erlass des Gesetzes im vergangenen Herbst ging es los: Im ganzen Land wurden Mitglieder der Church of Zion verhaftet. Sie gilt als eine der grössten Untergrundkirchen Chinas. Deshalb tauchte Familie Gao unter.

Aus der Kirche ins Straflager

Als das Ehepaar die Tür öffnet, steht dort die Polizei. Die Familie wird mitgenommen. Auf dem Polizeiposten werden sie befragt und der Vater verschwindet. Mutter und Kind dürfen gehen und Geng Pengpeng flieht aus China. So berichtet es der «Guardian». Zwei Monate später berichtet eine Menschenrechts-NGO, dass sich der Pater Gao Yingjia in einem Gefangenenlager in der südchinesischen Provinz Zhejiang befindet. Ihm wird «illegaler Gebrauch von Informations-Netzwerken» vorgeworfen. Gao und ein Dutzend weiterer Leiter der Church of Zion könnten zu Gefängnisstrafen von bis zu sieben Jahren verurteilt werden.

Offiziell besteht in China die Glaubensfreiheit. Nebeneinander existieren Buddhismus, Taoismus, der Islam, Protestantismus und Katholizismus. De facto verlangt die Regierung, dass sich die religiösen Gemeinschaften und ihre Mitglieder registrieren lassen. Dann gelten sie als legal. Alle anderen werden als illegal angesehen.

In den ersten Jahren suchten sich die nicht-registrierten Kirchen Räume für Gottesdienste und Versammlungen. Die Church of Zion beispielsweise war in einem umgebauten Nachtclub in Peking zuhause. Doch 2018 führte die chinesische Regierung eine erste grosse Verhaftungswelle unter den unregistrierten Gemeinschaften durch, Kirchengebäude wurden abgerissen. Die Kirchen gingen in den Untergrund und entdeckten den Online-Gottesdienst für sich.

In den Tagen nach der Verhaftung des Gründers Jin Mingri (pinkes Oberteil) verbreitete die Church of Zion in ihrem Live-Stream Durchhalteparolen. (Screenshot: Youtube)

Bob Fu, Präsident der Organisation «China Aid» sagte dem US-TV-Sender «CBN News», durch die Verlagerung der Tätigkeiten der Church of Zion ins Internet und den Lockdown während der Covid-19-Pandemie sei die Kirche gewachsen. «Sie ist mit über 100 Kirchen in 40 Städten vertreten, hat 5000 Mitglieder und erreicht 100'000 Christinnen und Christen», sagte Fu.

Experte: «Letzter Nagel im Sarg»

Doch: «Die Verhaftungswelle könnte der letzte Nagel im Sarg der Untergrundkirchen sein», vermutet der Journalist Ian Johnson im Gespräch mit dem «Guardian». Johnson ist Pulitzer-Preisträger, Autor eines Buches über Religion in China und lebt in Peking und Berlin.

Die Behörden liessen vornehmlich leitende Personen und Gründer der Untergrundkirchen festnehmen. So auch den Kopf der Church of Zion, Jin Mingri, wie die «New York Times» schreibt. Er soll sich laut Informationen der «BBC» in einem Gefängnis in Peking befinden. Auch ihm wird «illegaler Gebrauch von Informations-Netzwerken» vorgeworfen.

Offiziell leben in China 38 Millionen Protestantinnen und Protestanten sowie sechs Millionen Menschen katholischen Glaubens. Die Mitglieder der Untergrundkirchen sind darin nicht erfasst. Menschenrechtsorganisationen schätzen, dass sich deren Anzahl im zweistelligen Millionenbereich bewegt.

Weil sich die Christen im Untergrund der staatlichen Kontrolle entziehen, geht die chinesische Regierung gegen sie vor (ref.ch berichtete). Kommt dazu, dass sich etliche chinesische Christen für Menschenrechte im Land engagieren und die Regierung kritisieren. Werden sie verhaftet, erhalten sie in der Regel lange Haftstrafen.

Wegen Corona-Recherchen im Gefängnis

Die NGO «Menschenrechte in China» mit Sitz in New York listet Menschen auf, die seit Jahren im Gefängnis sitzen. Dazu gehört auch die bekennende Christin Zhang Zhan. Die ehemalige Juristin war bereits während den Protesten gegen den Anschluss Hong-Kongs an China verhaftet und mehrere Jahre eingesperrt worden.

Im Februar 2020 reiste sie nach Wuhan und berichtete als Bürgerjournalistin über den Beginn der Corona-Pandemie. Sie wurde schliesslich festgenommen und wegen «Unruhestiftung» zu vier Jahren Gefängnis verurteilt. Während der Haft sagte sie ihrem Anwalt: «Ich bete oft zu Gott, dass er den Bösen vergibt. Ich bete, dass er diejenigen rettet, die Schmerzen und Leiden ertragen müssen.»

2024 kam Zhang Zhan frei, 2025 wurde sie erneut verhaftet. Die Behörden warfen ihr vor, auf ausländischen Webseiten über Menschenrechtsverletzungen in China geschrieben zu haben. Im September wurde sie zu weiteren vier Jahren Gefängnis verurteilt.

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