Religionsfreiheit

Als Tausende Christen schweigend durch die Stadt zogen

Vor 50 Jahren gingen in Zürich und Bern Tausende von Menschen auf die Strasse, um gegen Christenverfolgungen in Osteuropa zu demonstrieren. Die Aktion stiess innerhalb der Kirchen auf gemischte Reaktionen.
Vertreter der Missionswerke und der Kirchen am Schweigemarsch 1975 in Zürich. (Bild: Archiv für Zeitgeschichte: IB CSI-Archiv / 1773)

Auf den Spruchbändern war zu lesen «Hörst du ihr Schreien?» oder «Millionen Christen diskriminiert». Am 20. September 1975 zogen Tausende von Menschen schweigend vom Zürcher Central über das Limmatquai bis zum Münsterhof. Unter dem Motto «Solidarität mit den verfolgten Christen» forderten sie Glaubens- und Religionsfreiheit für Christinnen und Christen in Osteuropa.

Zum Protest aufgerufen hatten mehrere christliche Hilfs- und Missionswerke, darunter die Ostpriesterhilfe (heute: Kirche in Not), die Christliche Ostmission und die Organisation Glaube in der 2. Welt (heute: Forum RGOW). Vertreten waren aber auch die reformierte und katholische Kirche – der Zürcher Kirchenrat Ernst Müller erinnerte vor versammelter Menge an die von den Vereinten Nationen formulierten Grundrechte aller Menschen, wie die «NZZ» berichtete.

Vom Sowjetregime verfolgt

Neben Müller sprach auch der Präsident der Christlichen Ostmission, der reformierte Pfarrer Hansjürg Stückelberger, auf dem Münsterhof. In einer Ansprache erinnerte der spätere Gründer des Hilfswerks Christian Solidarity International (CSI) an den Baptisten-Pfarrer und Dissidenten Georgi Vins, der vom Sowjetregime zu mehreren Jahren Arbeitslager verurteilt worden war.

In einer Resolution forderten die Initianten die Gleichstellung der Christen in kommunistischen Ländern wie der Sowjetunion, China, Rumänien und der Tschechoslowakei. Sie verlangten die Garantie der Grundrechte, wie Religionsfreiheit, Rede- und Informationsfreiheit für alle Gläubigen sowie die Freilassung von Gefangenen aus Glaubensgründen. Auch sollten sich die Regierungen der betroffenen Länder nicht in die inneren Angelegenheiten der Kirchen einmischen.

Tagung zur Religionsfreiheit

Anlässlich des 50-Jahr-Jubiläums der Schweigemärsche findet am 7. November im Kornhausforum in Bern die Tagung «Religionsfreiheit im Fokus» statt. Darin berichten Christinnen und Christen aus unterschiedlichen Weltregionen über Verstösse gegen die Religionsfreiheit. Zudem erläutern Expertinnen und Politiker ihren Standpunkt zum Thema.

Der Anlass wird gemeinsam von der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS), der Schweizer Bischofskonferenz, der Christkatholischen Kirche Schweiz, der Schweizerischen Evangelischen Allianz, Freikirchen Schweiz, der Arbeitsgemeinschaft für Religionsfreiheit sowie Christian Solidarity International organisiert. (no)

Die Versammlung auf dem Münsterhof endete mit einem Gebet und einer Spendenaktion, wie es im Bericht der «NZZ» weiter heisst. «Dann gingen die Leute auseinander. Das grosse Unternehmen hatte einen stillen, würdigen und ungestörten Verlauf genommen.»

Aktion mit Misstönen

Doch ganz so harmonisch verliefen die Schweigemärsche nicht. Trotz der friedlichen Atmosphäre war die Aktion nicht unumstritten – auch innerhalb der Kirchen. Kritiker beanstandeten, dass die Initianten falsche Informationen verbreiteten und einer antikommunistischen Agenda folgten, wie aus einem Bericht von SRF hervorgeht.

Fünfzig Jahre danach finden in der Schweiz weiterhin Demonstrationen gegen verfolgte Christinnen und Christen statt. Die Dimension der Schweigemärsche erreichen sie bei weitem nicht mehr. Zuletzt versammelten sich im vergangenen Jahr mehrere hundert Menschen in Bern. Mit der Aktion wolle man an die Verfolgung von Christen in 78 Ländern erinnern und ein Zeichen für die Religionsfreiheit setzen, hiess es im Aufruf.

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