Verfolgte Christen

Die Jünger des weiblichen chinesischen Jesus

Die «Kirche des Allmächtigen Gottes» aus China fasst in Europa Fuss. Ihre Mitglieder ersuchen hier um Asyl, weil sie in China verfolgt werden. Sie beschäftigen Bund und Gerichte – und unterwandern christliche Gemeinden.
Die chinesische «Kirche des Allmächtigen Gottes» trifft sich in kleinen Gruppen in Privathaushalten – wie es die online äusserst aktive Gemeinschaft in einem eigenen Imagevideo darstellt. Die Sekte ist in China verboten und in westlichen Ländern unter Beobachtung. (Screenshot: Youtube/ ref.ch)

Der Mann reiste als Student mit einem gültigen Visum in die Schweiz ein. Angegeben hatte er, eine Reise durch die Schweiz machen zu wollen, bevor er in China eine Praktikumsstelle antreten würde. Er hatte einen Rückflugtermin und mehrere Hotelreservationen vorgelegt. Doch als er in der Schweiz ankam, beantragte der Mann Asyl. Das geht aus einem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 26. Mai 2025 hervor, das ref.ch eingesehen hat.

Er sei Christ und werde in China wegen seines Glaubens verfolgt, begründete der Mann sein Asylgesuch. Laut den Gerichtsunterlagen hat er sich 2016 der Glaubensgemeinschaft Quannengshen angeschlossen, die auf Deutsch «Kirche des Allmächtigen Gottes» genannt wird. Der Mann habe an deren Versammlungen teilgenommen und für sie «das Evangelium verbreitet».

Verhör und Folter

Später lebte er bei zwei Glaubensbrüdern. Wie viele andere Mitglieder von Quannengshen seien die drei verhaftet worden. Er gab an, die Polizeibeamten hätten ihn nach dem Verhör getreten und geschlagen. Er habe permanent an einer Wand stehen müssen, nicht schlafen dürfen und nichts zu essen erhalten. Freigekommen sei er erst, nachdem er ein Dokument unterschrieben und sein Vater Geld für die Freilassung gezahlt habe.

Laut der Aussage des Mannes wurden er und seine Mitbewohner anonym angezeigt, weil sie «einen Glauben praktiziert» hätten. Nach der Freilassung sei er wieder bei seinen Eltern eingezogen. Dort sei er von der Polizei regelmässig kontrolliert worden. Als in einem Nachbarsort Quannengshen-Anhänger verhaftet worden seien, habe sich der Mann für die Flucht nach Europa entschieden.

In der Schweiz habe er Kontakt mit hier ansässigen Anhängern der «Kirche des Allmächtigen Gottes» aufgenommen, an deren Treffen und an Demonstrationen gegen den chinesischen Staat teilgenommen.

Massive Zweifel an der Geschichte

Das Staatssekretariat für Migration (SEM) lehnte das Asylgesuch ab. Der Mann legte beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde ein. Das Gericht bestätigte den Entscheid des SEM: Es gebe «massive Zweifel an der Flucht- und Gefährdungsgeschichte», mangelnde Details und Ungereimtheiten. Der Mann muss die Schweiz verlassen, entschied das Bundesverwaltungsgericht.

In China gibt es offiziell rund 40 Millionen Christen. Die katholische Kirche wird vom Staat geduldet und überwacht. Daneben gibt es im Versteckten christliche Gemeinschaften, die sich häufig in kleinen Gruppen im Privaten treffen. Sie gelten in China als illegal.

Dazu gehört auch die Quannengshen-Bewegung. Immer wieder ersuchen deren Mitglieder in der Schweiz um Asyl.

Über die Glaubensgemeinschaft schreibt die Kirchliche Fachstelle Religionen, Sekten und Weltanschauungen (relinfo), die unter anderem von der Reformierten Kirche des Kantons Zürich getragen wird: «In der Schweiz finden sich einige Anhänger, deren Zahl ist aber unbekannt.» Die «Kirche des Allmächtigen Gottes» sei sehr darauf erpicht, neue Mitglieder anzuwerben.

Rabiate Missionare

Was das bedeutet, wird in einem Handbuch der Evangelischen Landeskirche in Württemberg für ihre Behördenmitglieder geschildert. Die Landeskirche beschreibt, wie sich Quannengshen-Mitglieder in evangelische, katholische und freikirchliche Gemeinden einschleichen, mit der Zeit ihre Überzeugungen verbreiten möchten und andere zum Übertritt in ihre Glaubensgemeinschaft drängen.

Die Missionsstrategien seien sehr rabiat. «Das hat in einigen christlichen Gemeinden zu Irritationen geführt.» 2019 ging die Landeskirche von bis zu 300 Mitgliedern in Deutschland aus. In Göppingen auf der Schwäbischen Alb gibt es den Verein «Kirche des Allmächtigen Gottes Zweig Baden-Württemberg».

Die Quannengshen-Mitglieder glauben, dass Christus als junge chinesische Frau auf die Erde zurückgekehrt sei. Damit sei nach den Zeitaltern des Neuen und des Alten Testaments das «letzte Zeitalter» angebrochen.

Bevor man die «Welt des Friedens» erreiche, würden sich zahlreiche Katastrophen ereignen und das Böse müsse besiegt werden. Yang Xiangbin, die selbsternannte Wiedergeburt Christi und Mitgründerin der Sekte, hat dazu unzählige Offenbarungen verfasst, die für die Gläubigen bindend sind. Die Bibel spielt für sie nur eine kleine Nebenrolle. Das berichten verschiedene Quellen übereinstimmend.

«Regierungsfeindliche Sekte»

Das deutsche Bundesamt für Migration und Flüchtlinge ging bereits 2019 in einer Publikation auf die Quannengshen-Bewegung ein. In dem Bericht wird sie als Sekte bezeichnet, die in China schätzungsweise bis zu vier Millionen Mitglieder habe. Die Gemeinschaft vertritt eine regierungsfeindliche Haltung und sei offiziell als «bösartige Sekte» verboten worden. Denn: Die kommunistische Partei sehe in unabhängigen Organisationen eine potenzielle Bedrohung.

Die «Kirche des Allmächtigen Gottes» gilt laut dem Bericht als «derzeit am meisten verfolgte christliche Gruppe in China». Die Köpfe der Sekte, Zhao Weishan und die als Wiedergeburt Jesu geltende Yang Xiangbin, leben seit 2001 in New York. In China sei die Gemeinschaft im Untergrund aktiv. Im Ausland hätten Mitglieder Kirchen gegründet, zu denen mittlerweile auch Nicht-Chinesen gehörten.

Bei anderen christlichen Gruppen in China ist Quannengshen nicht gern gesehen: Einerseits lehnen sie die Idee der Sektenführerin als Wiedergeburt Jesu als ketzerisch ab und andererseits versucht Quannengshen ihnen Mitglieder abzuwerben.

Dutzende Gerichtsurteile

Es ist plausibel, dass die Mitglieder der chinesischen Erlösersekte in ihrer Heimat verfolgt werden. Doch in Europa missionieren sie mit «rabiaten» Methoden. Wie wirkt sich so etwas auf einen Asylentscheid aus?

Auf Nachfrage von ref.ch schreibt das SEM, jedes Asylgesuch werde einzeln geprüft. Wer nachweisen oder «zumindest glaubhaft machen» könne, als Mitglied einer Glaubensgemeinschaft in China persönlich verfolgt zu sein, dem werde in der Schweiz Asyl gewährt.

Wie viele Mitglieder der «Kirche des Allmächtigen Gottes» durften bisher bleiben? Eine Statistik zu den Gründen, warum jemand um Asyl ersucht, erhebt das SEM nicht. Deshalb gibt es keine direkte Antwort. Vermutlich werden aber diese Asylgesuche mehrheitlich abgelehnt: Das Bundesverwaltungsgericht hat zwischen Juni 2015 und Juli 2025 über Beschwerden von 24 Quannengshen-Mitgliedern gegen negative Asylentscheide entschieden. Personen, die den Entscheid des SEM nicht anfochten, sind darin nicht erfasst.

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