China

«Christen sind fast die einzige progressive Stimme im Land»

Nirgends ist der Protestantismus so schnell gewachsen wie in China. Tobias Brandner, Schweizer Pfarrer in Hongkong, sagt, wie das autokratische Regime damit umgeht, wie Zensur funktioniert und ob es kommunistische Bibeln gibt.
Werbung für Jesus in einer Wohnsiedlung im Hongkonger Stadtviertel Kowloon (Bild: Giffard Stock / Alamy Stock Foto)

Noch vor fünf Jahrzehnten war das Christentum unter Diktator Mao Zedong verboten. Heute nehmen schätzungsweise 80 bis 100 Millionen Menschen in China regelmässig die Bibel in die Hand – etwa 80 Prozent davon sind Protestanten.

Die kommunistische Regierung unter Xi Jinping versucht seit einigen Jahren mit einer neuen Religionspolitik, das Christentum wie auch andere Religionsgemeinschaften unter Kontrolle zu bringen. Die nicht staatlich registrierten, sogenannten Haus- bzw. Untergrundskirchen sind stärkerer Repression ausgesetzt.

Herr Brandner, wir sind etwas verwirrt. Das Christentum in China boomt, es werden riesige neue Kirchen gebaut. Gleichzeitig hören wir von verhafteten Priestern und Kreuzen, die von Kirchtürmen gerissen werden. Wie passt das zusammen?
Beides davon ist wahr. Das ist Teil der Widersprüchlichkeit Chinas. Wir reden über ein Gebiet, das grösser ist als Europa mit etwa doppelt so vielen Bewohnern. Da gibt es grosse lokale Unterschiede.

Zur Person

Tobias Brandner (60) ist ein Schweizer evangelisch-reformierter Pfarrer. Seit 1996 lebt er im Auftrag von Mission 21 als Universitätslehrer und Gefangenenseelsorger in Hongkong. (eba)

Zunächst einmal: Was suchen Chinesinnen und Chinesen im Christentum?
In der jüngeren Geschichte Chinas fegten immer wieder Stürme über das Land: Bürgerkriege, die Okkupation durch Japan während des Zweiten Weltkriegs, der darauffolgende selbstzerstörerische Maoismus. Und schliesslich brachte die folgende neoliberale Revolution zwar Modernisierung und Wohlstand. Aber eben auch ständigen Wandel. Ganze Städte wurden abgerissen und neu aufgebaut. Die Menschen wollten zwar reich und erfolgreich werden, suchten aber gleichzeitig nach Sinn. Im Christentum finden viele Halt und bleibende Werte, die auch in Zukunft gelten.

Etwa 80 Prozent der chinesischen Christen sind protestantisch. Warum?
Anders als der Katholizismus braucht der Protestantismus keine Priester, um sich zu verbreiten. Der Glaube wird über Freunde und Familie weitergetragen. Kirchengemeinschaften entstehen in privaten Wohnzimmern. Dieses Unbürokratische ist übrigens auch ein wichtiger Grund, warum vermutlich eine Mehrheit der chinesischen Protestanten immer noch nicht Mitglied der offiziellen protestantischen Staatskirche ist. Sie wollen einfach gemeinsam beten und singen.

Die Regierung hat solche nicht registrierten Kirchen verboten. Werden Christen in China verfolgt?
So kann man das nicht sagen. Die Regierung hat kein Interesse daran, massenhaft Leute einzusperren. Aber es gibt einige Fälle, in denen die Regierung einzelne Pfarrer verhaftet hat, die sich in ihren Augen zu stark vernetzt haben. Ein bekanntes Beispiel ist Wang Yi, ein Pfarrer einer grossen nicht registrierten Kirche. Wang war Rechtsprofessor und Menschenrechtsaktivist, bevor er zum Pfarrer wurde und eine Kirche in der reformierten Tradition gründete. Seine juristische Kompetenz und seine Weigerung, dem nationalistischen Narrativ der Drei-Selbst-Kirche zu folgen, machten ihn weit über China hinaus bekannt. Im Dezember 2018 wurde er festgenommen und ist seither im Gefängnis.

Dagegen werden in manchen Regionen, etwa in der Grossstadt Fuzhou, riesige, futuristische Kirchen gebaut. Das müsste die Regierung doch stören?
Mancherorts ist das Verhältnis zwischen Kirche und Religionsbeamten sehr gut. Und es gibt ja auch noch andere Aspekte. So kann eine grosse Kirche Arbeitsplätze schaffen oder die Sichtbarkeit der Gemeinde erhöhen. Dass die Kirchen gleich so imposant sein müssen, hat mit einer Unbescheidenheit zu tun, die uns Schweizern eher fremd ist. Chinesen dagegen machen ihren Erfolg gerne sichtbar.

Das 2018 erbaute Gemeindezentrum der Huaxiang-Kirche in der Hafenstadt Fuzhou ist ein futuristischer Farbtupfer. (Bild: Inuce / Shikai)

Sie sagten, dass nur wenige Gläubige verhaftet werden. Wie sonst sorgt die Partei dafür, dass sie die Kontrolle über die Religionsgemeinschaften behält?
Einerseits mit Regulierungen, das findet bereits statt. Andererseits wird versucht, Dissens zu integrieren – eine subtile politische Technik. Abweichler werden vom Amt für religiöse Angelegenheiten zum gemeinsamen Teetrinken eingeladen. Dabei erzählt der Beamte vielleicht von seiner Arbeit und davon, wie schwierig es ist, die Gesellschaft zusammenzuhalten. Bei einer Art «Dining und Wining» werden fast schon freundschaftliche Bande geschlossen. Aber die Menschen in China wissen sehr genau, dass solche netten Worte sehr bedrohlich sind.

Chinesischer Volksglauben

China ist offiziell ein atheistischer Staat. Die Mehrheit der Bevölkerung bekennt sich zu keiner Konfession. Die Regierung fördert den chinesischen Volksglauben als «einzige mit dem chinesischen Staatssystem kompatible Religion».

Der Volksglauben hat keine eigene Theologie, im Zentrum steht die Verehrung der Vorfahren. Er bedient sich Elementen von Konfuzius, Daoismus und Buddhismus. (eba)

Warum fürchtet sich die Kommunistische Partei vor der Kirche?
Die Kirche ist eine der wenigen relativ unabhängigen Teile der Zivilgesellschaft. Menschen, die den Status Quo nicht akzeptieren wie Menschenrechtsanwälte, Sozialaktivisten oder progressive Politiker, sind häufig gläubig. Christen sind fast die einzige progressive Stimme im Land. Ihre politische Resilienz hat damit zu tun, dass sie sich in erster Linie Gott unterstellt fühlen und nicht dem Staat. Die Partei fürchtet also um ihre Macht. Diese Angst ist nicht ganz unbegründet. Schon einmal in der Geschichte Chinas führte eine christlich inspirierte Gruppierung zu einer Revolution: Mitte des 19. Jahrhunderts brachte eine Sekte namens Taiping das kaiserliche China nahe an seinen Abgrund. Es folgte ein schlimmer Bürgerkrieg mit 20 bis 30 Millionen Toten. Neben alldem muss man aber auch sehen, dass die Partei auch vom Aufstreben der Religion profitiert.

Inwiefern?
Kirchen füllen die spirituelle Lücke, die sich nach der Aufgabe der sozialistischen Ideologie und des Mao-Kults aufgetan hatte. Solchen geistigen Halt kann die kommunistische Partei nicht bieten. Kirchen wirken also stabilisierend auf die Gesellschaft. Und Stabilität ist für die Regierung das A und O.

Die protestantische Staatskirche schrieb 2018 in ihren Fünfjahresplan, dass die Bibel im Sinne der chinesischen Kultur uminterpretiert werden soll. Liegen in Chinas Buchläden kommunistische Bibeln?
Diese Frage wird mir häufig gestellt. Aber nein, die Bibeln sehen gleich aus wie bei uns – zumindest jetzt noch. Ich merke jedoch, dass es schwieriger wird, Bibeln überhaupt zu erhalten. Heute können Bibeln nur noch in offiziell registrierten Kirchen bezogen werden und nicht mehr online bestellt oder im Buchhandel gekauft werden.

Das Interview entstand im Rahmen eines Artikels über das Christentum in China, der Text erschien im bref Magazin.

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