Zürcher Reformierte wollen Lehren aus Corona-Lockdown ziehen

Mit dem Projekt «Corona-Learnings» will die Zürcher Landeskirche Erfahrungen aus dem Lockdown sammeln und diese für die Kirchenentwicklung nutzen. Eine erste Auswertung zeigt: Viele mahnen, dass die Reflexion jetzt nicht zu kurz kommen darf.

Werden Onlinegottesdienste auch nach dem Lockdown bleiben? Das will die Reformierte Landeskirche Zürich herausfinden. Im Bild: Pfarrer Niklaus Peter predigt in einem Livestream-Gottesdienst am Ostersonntag im Zürcher Fraumünster. (Bild: Keystone/Ennio Leanza)

Mit Corona und dem Lockdown kam in der reformierten Kirche die Streaming-Offensive. Mittlerweile haben viele Pfarrer die Kamera wieder in die Ecke gelegt und halten ihre Gottesdienste in Anwesenheit von Gemeindemitgliedern ab.

Für die Zürcher Landeskirche geht der Schritt zur Normalität allerdings etwas gar schnell. Sie wünscht sich, dass über die Lockdown-Zeit reflektiert wird, um Erkenntnisse daraus für die Zukunft nutzen zu können. Deshalb hat der Kirchenrat beschlossen, das Projekt «Corona-Learnings» zu lancieren. «Wir wollen herausfinden, welche Rolle Corona und der Lockdown für die Kirchenentwicklung spielen können», sagt Thomas Schaufelberger, Leiter Kirchenentwicklung der Zürcher Landeskirche.

Dafür haben in den vergangenen Tagen rund 20 Mitarbeitende der gesamtkirchlichen Dienste Erfahrungen und Beobachtungen gesammelt und sie in einer Datenbank festgehalten. Es wurden Webseiten von Kirchgemeinden durchforstet, Pfarrerinnen befragt und es werden etwa 50 Personen aus den Gemeinden eingeladen, die über ihre Lockdown-Erfahrungen sprechen sollen. Zudem wurden Vikare aus der Deutschschweiz gebeten, ihre Erkenntnisse und Erfahrungen in einem Essay festzuhalten.

Wie Vikarinnen auf den Lockdown blicken

Einer von ihnen ist Matthias Fuchs, Vikar in der reformierten Kirchgemeinde Rein. Für ihn sei der Corona-Lockdown «ein brutaler Stopp» gewesen. Keine Gottesdienste mehr, kein Religionsunterricht, man habe sich zuerst zurechtfinden müssen. Doch die Gemeinde habe rasch reagiert und allen Mitgliedern einen Brief geschrieben, dass sie noch immer für sie da seien – mit Telefonseelsorge oder Onlinegottesdiensten. «Nach einigen Wochen haben wir auch mal innegehalten und uns gefragt, was die Menschen wirklich brauchen und was wir einfach aus einem guten Gefühl für uns selber machen», sagt Fuchs. Da sei zum Beispiel klar geworden, dass die tägliche Besinnung auf der Website kaum Menschen erreicht. «Solche Momente der Reflexion empfanden wir als sehr wichtig», sagt Fuchs.

Nun, nach dem Lockdown, fänden wieder Gottesdienste mit Anwesenden statt. Da es aber immer noch Menschen gibt, die den Gottesdienst nicht besuchen können, wird im Moment das Onlineangebot weitergeführt. Dies wird aber aus Kapazitätsgründen nicht auf Dauer aufrechtzuerhalten sein.  Bestehen bleibe auch die Telefonseelsorge.

«Stimmen der Kirchen kamen zu kurz»

Auch Ilona Monz, Vikarin in der Titus Kirche in Basel, hat ihre Gedanken zum Lockdown in einem Essay festgehalten. Bei den einzelnen Menschen habe sie eine grosse Bereitschaft festgestellt, innezuhalten und ihren bisherigen Lebensstil zu hinterfragen. «Die Fragilität des eigenen Lebens, die sich trotz aller Bemühungen nicht auflösen lässt, wurde vielen bewusster. Darin sehe ich als zukünftige Pfarrerin eine grosse Chance», sagt Monz.

Durch Angebote wie Seelsorge oder regelmässige Gebetsübungen möchte Monz Menschen bei der Entwicklung eines eigenen konstruktiven Umgangs mit Unplanbarkeit, Verlorenheit und Sehnsucht nach Verbundenheit begleiten.

Auf der gesellschaftlichen Ebene hat sie eine aktivere Beteiligung der Kirche allerdings etwas vermisst: «In den Medien wurden verschiedene Experten, Soziologen, Psychologen, Politikwissenschaftler oder Philosophen, zu den gesellschaftlichen Wirkungen der Corona-Krise befragt, aber kaum Theologinnen oder Pfarrer.» Dabei würden doch gerade jetzt die Weichen für die Gesellschaft von morgen gestellt. Die Kirche hier aussen vorzulassen, findet sie falsch.

Mehr Reflexion gewünscht

Laut Schaufelberger sammle man diese unterschiedlichen Stimmen und werte sie aus. «Unser Ziel ist es, aus den zusammengetragenen Informationen Muster zu erkennen und daraus Hypothesen abzuleiten», sagt Schaufelberger. Schon jetzt liessen sich einige rote Fäden in den Einzelbeobachtungen erkennen. So habe es zum Beispiel im März einige Stimmen in der Reformierten Kirche gegeben, die mahnten, im Lockdown nicht in Aktionismus zu verfallen. Diese Stimmen gäbe es nun bei der Wiederaufnahme der Gottesdienste kaum mehr. Gerade die Vikare wünschten sich aber, dass sich mehr Zeit für Reflexion genommen wird. «Sonst sind wir zu schnell wieder in alten Gleisen und verpassen die Chance, die Kreativität, die im Lockdown entstanden ist, weiterzunutzen», sagt Schaufelberger.

So sollte beispielsweise das Streaming nicht einfach aufgegeben werden. Es sei klar, dass viele nicht werden beides machen können: Gottesdienste abhalten und ein professionelles Onlineangebot bereitstellen. Deshalb könnte man sich überlegen, ob man nicht die Onlineangebote bündeln müsste. «Eine Idee ist, Online-Gottedienste regional oder kantonal von jenen produzieren zu lassen, die dafür begabt sind und dazu Lust haben», sagt Schaufelberger.

Mitglieder emanzipieren

Gedanken müsse man sich auch darüber machen, wie solche Online-Gottesdienste daher kommen. Denn auffallend sei, dass die Streamingangebote in der Lockdown-Zeit im Allgemeinen sehr pfarrorientiert gewesen seien. Es habe zwar auch interaktive Formen gegeben, diese seien aber in der Minderheit geblieben.

Die Frage, die sich in Bezug auf die Kirchenentwicklung stellt, sei, wie man in Zukunft die Kirchenmitglieder anregen kann, im Rahmen von Haushalten oder Nachbarschaften neue Formen einer Glaubenspraxis zu entwickeln. «Das fand während des Lockdowns mit kleinen Hausliturgien, Anleitungen für Gebete oder dem Kerzenanzünden am Donnerstagabend schon statt, doch solche Ideen haben in Zukunft noch mehr Platz», ist Schaufelberger überzeugt. Insbesondere weil sie die Menschen mündig machen würden, ihren Glauben selbstständig im Alltag zu leben. «Diese Ermächtigung und Emanzipation ist etwas Ur-Reformatorisches.»

Die Erkenntnisse aus den Befragungen und den gesammelten Daten würden nun im Sommer zu verschiedenen Zukunftsthesen zusammengefasst. Diese sollen im September zuerst dem Kirchenrat vorgelegt und später publiziert werden.