Kirchgemeinden gehen in die Streaming-Offensive

Aufgrund des schweizweiten Shutdowns sind öffentliche Gottesdienste mit Publikum zurzeit verboten. Deshalb setzen viele Kirchgemeinden nun auf Übertragungen im Internet. Für viele ist es eine ungewohnte Premiere. Doch manche können nun von ihren langjährigen Erfahrungen profitieren.

Viele Kirchgemeinden setzen bei ihren Livestreams auf einfache Smartphones als Aufnahmegeräte. (KEYSTONE/PICTURE ALLIANCE/Andrea Warnecke)

Für Pfarrer Markus Haltiner wird der kommende Sonntag ein besonderer sein. Zum ersten Mal in seinem Beruf predigt er in der Kirche Schwerzenbach, die zur Reformierten Gemeinde Dübendorf-Schwerzenbach gehört, vor leeren Kirchenrängen. Grund dafür ist das vom Bundesrat erlassene Versammlungsverbot aufgrund der aktuellen Corona-Krise. «Ich frage mich, ob man trotz fehlender Besucher eine Art Gemeinschaftsgefühl über den Livestream spüren wird», sagt Haltiner. Bei dem Angebot setze man deshalb bewusst auf einen Livestream, der nicht aufgezeichnet und im Nachhinein runtergeladen werden kann. «Wenn alle miteinander zuschauen, fühlen wir uns wohl eher verbunden.»

So wie Dübendorf-Schwerzenbach verlegen zurzeit Dutzende Kirchgemeinden ihren Gottesdienst ins Internet. Man will auch in Zeiten der Corona-Krise für seine Mitglieder – zumindest virtuell – da sein. Viele setzen dies zurzeit mit einfachen Mitteln ad hoc um. «Bei uns kommt ein einfaches Handy als Kamera zum Einsatz», sagt Haltiner. Dieses werde nur in einer Einstellung und frontal filmen. Allerdings werde auf professionelle Mikrofone und auf ein Mischpult gesetzt. Bereits habe man einen ersten Testlauf machen können. Mit der Qualität sei man zufrieden. «Es ist unglaublich, wie viel man mit einfachen Mitteln rausholen kann.» Trotzdem werde er sich zusammen mit seinen Kolleginnen und Kollegen überlegen müssen, was es bedeutet, anstatt eines Live-Events nun eine Studio-Aufzeichnung in der Kirche zu haben.

Von Altersheimbewohnern gewünscht

Bereits ein alter Hase im Streamen von Gottesdiensten ist die Evangelische Kirchgemeinde Frauenfeld. Seit acht Jahren überträgt sie ihren Gottesdienst auch im Internet. Jedoch lediglich akustisch und ohne Videobild. Die Idee dazu hatte damals nicht die Kirche selber, sondern Bewohner eines Altersheims. «Zuerst kamen sie mit dem Rollator in den Gottesdienst, dann mit dem Behindertentaxi und auf einmal gar nicht mehr», sagt Pfarrer Hansruedi Vetsch, Leiter Pastorales der Kirchgemeinde.

Zwei der Bewohner hätten die Gemeinde und die Heimleitung deshalb gebeten, den Gottesdienst auch im Heim anschauen zu können. Die Idee kam an. Schon bald wurde der erste Gottesdienst aufgenommen und in den Gemeinschaftsraum gesendet – inklusive physischem Abendmahl mit einem Pfarrer vor Ort. «Für die Heimbewohner war das tatsächlich so, als würden sie in die Kirche gehen», erzählt Vetsch. Manche hätten sich dafür extra chic gemacht. Im Anzug und Krawatte, aber dennoch in Finken hätten sie vor dem Abspielgerät Platz genommen.

300 Klicks pro Gottesdienst

Rund 300 Klicks hätten sie etwa pro Übertragung. Insgesamt 30 bis 40 Personen hörten dabei länger als 15 Minuten zu. «Das ist für uns eine schöne Zahl», sagt Vetsch. Neu werde man aufgrund des Veranstaltungsverbots des Bundesrats zusätzlich Videobilder übertragen. Bereits seien erste Tests gelaufen, aus denen man interessante Kenntnisse habe ziehen können. «Als ich das Video nach dem Gottesdienst sah, sagte ich dem Organist, dass sein Spiel viel länger war als sonst.» Aber das sei ein Trugschluss gewesen. «Auf den Videos kommt einem alles etwa dreimal länger vor», sagt Vetsch. Deshalb werde man dies weiter beobachten und allenfalls einige Elemente wie die Predigt kürzen. Trotzdem werde man klar am klassischen Format eines reformierten Gottesdienstes festhalten. «Wir wollen keine Gottesdienste mit Showelementen wie es bei den Freikirchen üblich ist.»

Er freue sich nun auf die ersten Übertragungen. Auch wenn man sich noch etwas daran gewöhnen müsse. Im Pfarrteam sei nicht jeder gleich begeistert, vor die Kamera treten zu müssen. Das sei wohl ein Generationenproblem, meint Vetsch. «Die ältere Generation hat das Gefühl, dass alles, was im Internet landet, in Stein gemeisselt ist.» Deshalb seien sie zurückhaltender. Dabei gelte in der heutigen Wegwerfgesellschaft auch bei den Medien das Credo: Was heute produziert wird, ist morgen schon wieder vergessen.

Zusammenarbeit mit Profis

Erfahrung bei Livestreams von Gottesdiensten hat auch die Evangelische Kirchgemeinde Gossau-Andwil. Vor fünf Jahren habe ein engagierter junger Mitarbeiter in Eigenregie zusammen mit einem Provider und einem Elektriker die Technik fürs Streamen aufgebaut. Nicht nur bei den Gemeindemitgliedern käme das zusätzliche Angebot gut an, sondern auch bei den Pfarrerinnen und Pfarrerin. «Sie können den Gottesdienst nochmals studieren und schauen, wie sie rüberkamen», sagt Kirchenpräsident Herbert Weber. Wie sie beispielsweise die Übergänge gestalteten, die Begrüssung formulierten, welche Mimiken sie machten. Weber ist davon überzeugt, dass das Streamingangebot auch bei Stellenausschreibungen ein Pluspunkt ist. «Damit können wir zeigen, dass wir auf der Höhe der Zeit und eine innovative Kirchgemeinde sind.»

Wer als Kirchgemeinde nun seine eigene Streaminginfrastruktur aufbauen will, dem rät Weber ebenfalls auf eine professionelle Eventfirma zu setzen. Zumindest dann, wenn es schnell und kurzfristig umgesetzt werden soll. «Sie bringt gleich das ganze Equipment mit und weiss, was wie funktioniert.» Wer allerdings langfristig plant, der soll ein ausführliches Konzept erarbeiten. Mehrere Testläufe seien dabei zu empfehlen. (bat)