Zeitzeuge

Umtriebiger Pfarrer

Zur Zeit der offenen Drogenszene in Zürich ist Pfarrer Ernst Sieber ein Coup gelungen: Allen Bedenken zum Trotz überzeugte er die Bevölkerung von Zell (ZH), eine Auffangstation für Drogensüchtige in ihrer Gemeinde zu akzeptieren.

Um Menschen am Rand der Gesellschaft kümmerte sich Pfarrer Ernst Sieber (rechts) mit grossem Engagement. Er bezeichnete sie als seine Brüder und Schwestern – auch wenn er sie wie auf dem Bild an Weihnachten in der offenen Drogenszene in Zürich besuchte. (Bild: Str/ Keystone)

Sechs Tage vor Weihnachten 1994 stand Pfarrer Ernst Sieber in einer Mehrzweckhalle im Zürcher Oberland, hielt den Kopf in eine Schraubzwinge und spannte sie langsam an. «So kommen wir nicht weiter», rief er in den vollbesetzten Saal – für die Jugendlichen des Dorfes hatte es nur noch Plätze auf der Treppe –, «wenn man je länger je mehr zuschraubt.» Seine Aktion sollte die Repression veranschaulichen, die seine Schützlinge erlebten.

Der umtriebige Pfarrer kümmerte sich in der Stadt Zürich um Obdachlose und Drogensüchtige. Ihretwegen war er an diesem Abend in die Gemeinde Zell gereist, um die Menschen dort für eine seiner Ideen zu gewinnen.

Offenes Drogenelend

Es war die Zeit der offenen Drogenszene in Zürich. Erst hatten die Suchtkranken auf dem Platzspitz gelebt, einem Park direkt hinter dem Landesmuseum, einen Steinwurf entfernt vom Hauptbahnhof. Dann war die Szene an den Letten gezogen: Das Limmatufer in der Nähe der Langstrasse war ein Schauplatz grossen menschlichen Leids. Leute wie Pfarrer Sieber halfen den Menschen, die auf den Überresten einer historischen Bahnstrecke unter freiem Himmel lebten. Heute befinden sich an dieser Stelle Beachvolleyballfelder und das vielleicht beliebteste Flussbad der ganzen Schweiz.

Aufnahmestelle auf dem Land

Als Ende des Jahres 1994 sicher war, dass die offene Drogenszene bald aufgelöst werden würde, suchte Pfarrer Sieber nach einem Ort, an den die Drogensüchtigen gehen könnten. Während damals in der Stadt Zürich viele erwarteten, dass sich nach einer Räumung des Lettens verschiedene kleine Drogenszenen bilden würden, kam der Pfarrer mit einer Idee, einem griffigen Namen und einem SVP-Gemeindepräsidenten aus dem Tösstal als Verbündeten daher: Weitab der Stadt würden in einer ehemaligen Spinnerei Suchtkranke unterkommen und für diese «Aktion Betten statt Letten» hatte der Politiker Georg Schellenberg auch schon eine mündliche Zusage gemacht.

Vielleicht war es ein glücklicher Zufall, dass Pfarrer Sieber eine passende Halle in Kollbrunn gefunden hatte – einem Ortsteil der Gemeinde Zell – und Zell im ganzen Land bekannt ist für das Singspiel «Zäller Wiehnacht». Auf alle Fälle spielte sich an jenem Abend in der Mehrzweckhalle ein kleines «Zäller Wiehnachtswunder» ab.

In einem Bericht der «NZZ» über die Versammlung steht, Pfarrer Sieber habe zu Beginn für mehr Menschlichkeit gegenüber Drogensüchtigen plädiert. Er sei aber immer wieder von Zwischenrufen unterbrochen worden, die forderten, er solle auf den Punkt kommen. «In dieser Phase hätte nicht viel gefehlt und die Veranstaltung wäre ausgeartet», heisst es im Artikel weiter. Viele ländliche Gemeinden taten sich schwer damit, Drogeneinrichtungen zu schaffen.

Serie: «Zeitzeuge»

In historischen Bildern greift die Redaktion Momente der Zeitgeschichte auf, die in der reformierten Landschaft Relevanz haben. Die Texte in der Rubrik «Zeitzeuge» erscheinen in loser Folge. (red)

Doch am Ende des Abends hatte Sieber die Menschen aus Zell für sich gewonnen. Viele sprachen sich dafür aus, zu helfen und dass die Spinnereihalle ausgebaut werden solle zur Unterkunft für bis zu 250 Suchtkranke. Zu Beginn würden erst einmal 60 Personen nach Kollbrunn kommen und die «Betten statt Letten» waren zeitlich auf ein halbes Jahr befristet.

Ein zufriedener Pfarrer Sieber liess sich nach der Veranstaltung durch die Menschenmenge treiben und sagte in die Kamera des Schweizer Fernsehens: «Das war eine Begegnung wie ich sie schätze mit einer Bevölkerung, die ich ernst nehme und gern habe.» Mit einem verschmitzten Lächeln schob er nach: «Und ich hatte gar nicht das Gefühl, die Leute hätten mich nicht auch ein bisschen gern». Die Weihnachtsgeschenke kamen mit Verspätung: In der ganzen Region spendeten die Menschen im Januar Kleider, Musikinstrumente, Fernseher, Stereoanlagen und insgesamt neun Ping-Pong-Tische für Pfarrer Siebers Auffangstation.