Zeitzeuge

Politisches Attentat

Der Zweite Weltkrieg steht kurz bevor. Die NSDAP wird immer stärker – auch in der Schweiz. Dann erschiesst ein junger Jude in Davos den höchsten Nazi im Land.

Zwei Jungen der «Hitlerjugend Davos» stehen neben dem Sarg Wilhelm Gustloffs, eines nazionalsozialistischen Landesgruppenleiters. (Photopress-Archiv/Jansen/ Keystone)

In einer Kapelle in Davos Platz liegt Wilhelm Gustloff aufgebahrt: Höchster Nationalsozialist der Schweiz, geduldet und umstritten und nun seit vier Tagen tot. Es ist Samstag, der 8. Februar 1936.

Gustloff hat vor einer Woche seinen 41. Geburtstag in Berlin gefeiert und die Rückfahrt nach Davos für eine Dienstreise durch die Deutschschweiz genutzt. Als Landesgruppenleiter der NSDAP-Auslandsorganisation hat er in der Schweiz ein Netzwerk von 27 Stützpunkten und 14 Ortsgruppen aufgebaut.

Diesmal hat er in Zürich, Bern, Glarus und Zug vor deren Mitgliedern gesprochen. Gustloffs Truppe wächst – mindestens 5000 Personen gehören bereits zur nationalsozialistischen Landesgruppe Schweiz. Sie treten regelmässig öffentlich in Uniform auf, hissen die Hakenkreuzflagge und führen Fackelmärsche durch.

Mit dem Zug zum Attentat

Auftritt David Frankfurter, Medizinstudent und Sohn eines Rabbis aus dem heutigen Kroatien, 26 Jahre alt, eingeschrieben an der Uni Bern. Zuvor hat er in Frankfurt studiert, mehrfach Aufmärsche der NSDAP erlebt und erfahren, dass er als jüdischer Arzt nicht in Deutschland würde praktizieren können. Um sein Studium abzuschliessen, geht er nach Bern.

In dem jungen Mann brodelt es ob des Antisemitismus, den er erlebt hat. Er zieht ein Attentat auf Hitler oder einen seiner hohen Funktionäre in Betracht, doch in seinen Memoiren schreibt er, sie seien unerreichbar gewesen. Aber ein Angriff auf Hitlers Stellvertreter in der Schweiz? David Frankfurter kauft sich eine Pistole und ein Zugbillet.

Davos, Haus am Kurpark, Schweizer Zentrale der NSDAP, 4. Februar 1936. Hedwig Gustloff trifft in ihrem Treppenhaus auf einen jungen Mann mit blondem Haar. Es ist 20.45 Uhr. Sie will wissen, was er wolle. Der Unbekannte fragt nach Wilhelm Gustloff, wie aus den Protokollen der späteren Gerichtsverhandlung hervorgeht. Hedwig Gustloff führt ihn ins Arbeitszimmer ihres Mannes.

Dort angekommen setzt sich David Frankfurter, Revolver in der Manteltasche, auf einen Stuhl. Er hört Gustloff im Nebenraum laut telefonieren. Er sieht Nazi-Embleme an den Wänden. Er entdeckt einen Dolch und ein Bild Hitlers mit persönlicher Widmung.

Dann betritt Gustloff den Raum. Frankfurter steht auf, richtet die Waffe auf ihn und drückt ab. Erst löst sich kein Schuss, also zieht er den Abzug wieder und wieder durch. Als Gustloff tödlich getroffen fällt, rennt Frankfurter aus dem Haus und über die verschneite Wiese davon. Später stellt er sich der Bündner Polizei.

Keine Trauerfeier in der Kirche

Serie: «Zeitzeuge»

In historischen Bildern greift die Redaktion Momente der Zeitgeschichte auf, die in der reformierten Landschaft Relevanz haben. Die Texte in der Rubrik «Zeitzeuge» erscheinen in loser Folge. (red)

Das Attentat hallt international nach. Selbst in Amerika berichten die Zeitungen davon. Die Nazis erklären Gustloff zum Helden, werden später Strassen und ein Schiff nach ihm benennen. Aber zuerst soll er ein grosses Begräbnis erhalten.

Vertreter der NSDAP möchten eine Trauerfeier in der reformierten Kirche in Davos abhalten. Der Vorstand der reformierten Kirchgemeinde Davos Platz erklärt, er könne das übliche Trauergeläut anbieten, aber eine Aufbahrung Gustloffs in der Kirche sei nicht erwünscht.

Schliesslich findet die Trauerfeier in der Kapelle der Klinik Alexanderhaus statt. Es ist eng. Die Klinik ist in deutscher Hand, hier genesen unter anderem Tuberkulosekranke. Heute befindet sich in dem Gebäude das «Hard Rock Hotel Davos», die Kapelle steht noch immer.

Im Gebäude des ehemaligen Alexanderhauses befindet sich heute das Hard Rock Hotel Davos. Daran ist die Kapelle angebaut, in der 1936 die Trauerfeier schliesslich stattfand. (Bild: Hard Rock Hotel Davos)

Ein Sonderzug bringt Gustloff am selben Tag ins deutsche Schwerin, wo er pompös begraben wird. David Frankfurter wird in Chur der Prozess gemacht. Er wird zu 18 Jahren Freiheitsstrafe mit anschliessendem Landesverweis verurteilt, wie die Historikerin Sabine Bossert in ihrer Dissertation schreibt.

1945 begnadigt ihn der Grosse Rat des Kantons Graubünden nach neun Jahren in der Haft. Bald darauf wandert Frankfurter nach Palästina aus, wo er heiratet und zwei Kinder grosszieht. Über das Attentat spricht er, auch seiner Familie gegenüber, kaum.

Doch er möchte nochmals in das Land reisen, das sein Leben prägte. Frankfurter erwirkt, dass der Landesverweis gegen ihn 1969 aufgehoben wird. Noch im selben Jahr besucht er die Schweiz. Während des Aufenthalts gibt er ein Zeitungsinterview, in dem er sagt: «Es gibt Fälle, in denen ein Mensch unter einem inneren Zwang steht, in denen Ekel, Angst und Abscheu so gross sind, dass dieser Mensch fast nicht mehr anders kann, als seine Gefühle zu manifestieren – sogar mit einem Mord.» David Frankfurter stirbt 1982 zehn Tage nach seinem 73. Geburtstag in Tel-Aviv.