«Wir sollten genügsamer werden»
Frau Keller, Sie waren als Gast am Open-Forum, dem alternativen WEF, und haben über Klimagerechtigkeit gesprochen. Welche Botschaft haben Sie in die Diskussion eingebracht?
Es war mir wichtig aufzuzeigen, dass wir in Europa und in der Ersten Welt durch unseren Lebenswandel grossen Einfluss auf das Klima und die Umwelt haben. Die Auswirkungen des Klimawandels werden insbesondere Menschen in der Dritten Welt und in den Schwellenländern spüren. Zum Beispiel durch den Anstieg des Meeresspiegels. Durch genügsames und nachhaltiges Leben können wir unseren ökologischen Fussabdruck reduzieren. Das ist nicht schwer und bringt uns etwas. Deshalb ist «weniger ist mehr» unser Motto.
Was meinen Sie damit?
Wenn ich etwa eigenes Gemüse auf meinem Balkon oder im Garten anbaue, kostet das zwar etwas Zeit, dafür habe ich mein eigenes gesundes Gemüse und lerne etwas über Pflanzen. Ich tue mir selbst etwas Gutes und auch der Umwelt. Es ist eine Win-win-Situation. Stelle ich aus Essig mein eigenes Putzmittel her, spare ich Geld und verbessere meine Ökobilanz.
Auch die reformierte Kirche in Davos hat während des WEF verschiedene Aktionen für mehr soziale Gerechtigkeit. Was kann die Kirche für das Klima tun?
Das ist schwierig zu beantworten, denn ich gehöre keiner Kirche an. Aber ich sehe, dass Menschen, die in die Kirche gehen, oft versuchen, an andere zu denken.
Nicole Keller ist Geschäftsführerin von GreenUp, einem Unternehmen mit Sitz in Davos, das Projekte rund um das Thema Nachhaltigkeit lanciert. Die gebürtige Niederländerin, die seit über sechs Jahren in der Schweiz lebt, hat einen Abschluss in Betriebswirtschaft und verfügt über zwanzig Jahre Erfahrung in den Bereichen Projektmanagement, Kommunikation und Aufbau von Partnerschaften für nachhaltige Entwicklung. (bat)
Sie sprachen vom «genügsamen Leben». Was verstehen Sie darunter konkret?
Zum Beispiel das Auto stehen lassen, das Velo nehmen oder zu Fuss gehen. Dann macht man Sport, ist draussen und kann gleich noch beim Laden im Quartier lokal einkaufen. Dinge teilen, anstatt sie neu zu kaufen oder wenn sie kaputt sind, reparieren. Eines unserer Projekte heisst «Clothing Loop». Dabei teilen sich Menschen, die im gleichen Quartier leben, die Kleider. Im Turnus tauschen sie die Kleider untereinander aus.
Das klingt alles schön und gut. Aber braucht es nicht eher die grossen Veränderungen auf politischer und wirtschaftlicher Ebene, um stärkere Wirkung zu erzielen?
Es braucht beides. Wir sollten auch sehen, dass eine nachhaltige Lebensweise in unserem Alltag möglich ist. Das kann zu einem politischen Umdenken führen. Je mehr Menschen mitmachen, desto grösser ist die Chance auf einen Wandel – auch in der Wirtschaft.
Glauben Sie, dass Veranstaltungen wie das WEF zu diesem Wandel beitragen?
Das Thema Nachhaltigkeit müsste noch mehr im Zentrum stehen. Klar, es wird viel darüber geredet, aber ob auch die Teilnehmenden selbst nachhaltig leben, sei dahingestellt. Nichtsdestotrotz habe ich hier viele Menschen getroffen, die sich für eine nachhaltige Welt einsetzen oder das möchten. Sich mit ihnen zu vernetzen und auszutauschen, hilft enorm.
Haben Sie Tipps, wie wir im Alltag klimabewusster Leben können?
Zum Beispiel könnte man für Freunde ein Zero-Waste-Essen organisieren oder als Chef oder Chefin bei der Arbeit die Vier-Tage-Woche ausprobieren. Wir wollen zeigen, dass jeder Einzelne nachhaltiger in seinem Alltag sein kann, das nicht schwer ist und oft auch Spass macht.