Reportage

Grüner Stachel im Fleisch der Kirchen

Kirche und Umweltschutz: Damit beschäftigt sich Kurt Zaugg-Ott seit seiner Jugend. Als Leiter der Fachstelle oeku scheut er sich auch nicht, deutlich politisch Stellung zu beziehen. Lautes Poltern oder extreme Forderungen sind aber nicht seine Art: lieber setzt er auf Pragmatismus.

Kurt Zaugg-Ott vertritt bei Umweltvorlagen klare Positionen. Er hält aber fest: «Ich bin kein Fundi».

Ein massiver Betonkirchturm in 70er-Jahre-Architektur, graue Mauern, ein braunes Flachdach. Man sieht dem ökumenischen Zentrum in Ittigen bei Bern nicht auf den ersten Blick an, dass es besonders umweltfreundlich ist. Doch Kurt Zaugg-Ott lenkt die Aufmerksamkeit sofort auf einen Bildschirm, der aufzeigt, wie viel Strom die Solaranlage auf dem Dach einspeist. Für Zaugg-Ott ist diese unauffällige Anzeige keine Kleinigkeit, sondern der Ausdruck eines Hauptauftrags der Kirche: der Schutz der Schöpfung.

Das hat sich die Fachstelle oeku auf die Fahne geschrieben, die Zaugg-Ott seit 1997 leitet. Ein wichtiger Teil der Arbeit der Fachstelle ist der «Grüne Güggel», ein Zertifikat für die Verbesserung der Umweltleistung von Kirchgemeinden. Da geht es ganz konkret um die Reduktion von Abfall, die Nutzung erneuerbarer Energien und eine nachhaltige Bepflanzung des Aussenbereichs mit einheimischen Pflanzen.

Beim «Grünen Güggel» geht es aber um mehr als nur bauliche Massnahmen. Mit dem Label werden Kirchen auch ausgezeichnet. Den Anfang einer solchen Zertifizierung bildet ein Leitbild. In Ittigen hängt es der Wand, klein und bunt auf eine Tafel gedruckt, steht da SHALOM. Aus diesen Buchstaben werden Grundsätze abgeleitet wie Schöpfung bewahren, Heizkosten und Energie sparen oder Oekologisch handeln.

Umweltschutz und Kirche – Kurt Zaugg-Ott steht für die Verbindung dieser zwei Themen wie kein anderer. In den 1970er Jahren wurde er durch die Anti-AKW-Bewegung politisiert und engagierte sich gleichzeitig für die Junge Kirche im Kanton Aargau. Nach einer Lehre zum Fernseh- und Radioelektroniker studierte er reformierte Theologie.

Zaugg-Ott wünschte sich eine Veränderung der Kirche und war Delegierter bei der Schweizerischen Evangelischen Synode, einer Erneuerungsbewegung in den 1980er Jahren. In dieser Zeit wurde auch der Ruf nach kirchlichem Umweltschutz laut, der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) rief zu einem Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung auf. Dies stiess in der Evangelischen Synode auf grosses Echo. Doch während in der Schweiz kirchliche Organisationen entstanden, die sich für Frieden und Gerechtigkeit einsetzten, blieb die Umwelt ohne kirchliche Lobby. Zu teuer, zu wenig wichtig.

Deshalb musste der damals 26-jährige Kurt Zaugg-Ott nicht lange überlegen, als man ihn 1986 fragte, ob er bei der Gründung eines kirchlichen Umweltnetzes mithelfen wolle. «So bin ich da reingeraten», sagt Zaugg-Ott und lacht, als er sich an die Anfänge erinnert. Ab 1997 arbeitete er dann bei der oeku. Der Verein stand lange auf wackligen Beinen. Die Finanzen waren meist knapp, ein ständiges Auf und Ab.

Einmal stand die Fachstelle kurz vor dem Bankrott. Doch man wartete noch auf die Weihnachtskollekte der Kirchen Bern-Jura-Solothurn – diese finanzierte die Stelle dann wieder für über ein Jahr. Ab 2000 kam eine regelmässigere Finanzierung zustande – zuerst von katholischer und später durch die Deutschschweizer Kirchenkonferenz auch von reformierter Seite. Das hing einerseits von Personen ab, die eine Unterstützung der oeku befürworteten, aber auch von der Arbeit des Vereins. Gerade die Angebote für Kirchen zur SchöpfungsZeit, einer Zeit im Herbst, die Kirchen der Umwelt widmen können, stiessen auf immer grösseres Interesse.

«Wir haben uns politisch schon mehrmals aus dem Fenster gelehnt.»

Dennoch blieb die oeku ein Verein, die Umweltarbeit wurde nicht strukturell in der Kirche verankert. Es gibt keine Umweltbeauftragten oder spezielle Kommissionen, die sich mit der Thematik befassen. Kurt Zaugg-Ott bedauert das zwar; er sieht darin aber auch einen Vorteil: Die oeku geniesst eine gewisse Narrenfreiheit. Diese nutzt Zaugg-Ott. Immer wieder gibt die Fachstelle Abstimmungsempfehlungen heraus, etwa für das CO2-Gesetz oder den Atomausstieg. «Wir haben uns mehrmals aus dem Fenster gelehnt», meint der 61-jährige.

Kurt Zaugg-Ott hat einen Grossteil seines beruflichen Lebens der Umwelt gewidmet. Es hätte aber auch anders kommen können. Er kandidierte für den Synodalrat der Reformierten Kirchen Bern Solothurn (RefBeJuSo). Er wurde nicht gewählt. Man hört noch eine leise Enttäuschung heraus, wenn er davon spricht. Aber Zaugg-Ott meint bloss: «Ich habe die Kurve noch gekriegt». Das heisst: Er machte weiter bei der oeku. Resignation ist ihm keine anzumerken: «Die oeku ist keine zweite Wahl. Ich bin immer noch motiviert, das Thema liegt mir weiterhin am Herzen.» Und das ist spürbar.

Im Fokus: «Color»

In einer Serie beleuchtet die ref.ch-Redaktion das Thema «Color». Am Dienstag, 9. November 2021, erscheint als nächster Beitrag ein Essay zum Thema Blut und Religion. (red)

Wer sich in ihm einen polternden Aktivisten vorstellt, liegt aber komplett daneben. Ruhig und sachlich – und bisweilen auch mit feinem Humor – legt Zaugg-Ott seine Gründe dar, warum sich die Kirche für die Umwelt engagieren müsse. Wenn die Kirche sich für den Menschen einsetzen wolle, müsse sie auch dessen Lebensgrundlage bewahren, sonst gebe es kein Weiterleben. Und auch der Glauben spielt eine Rolle: «Wir bekennen uns zum Glauben an Gott als Schöpfer. Seine Schöpfung gefährden wir mit unserem Verhalten», betont Zaugg-Ott.

«Mit dem Klimastreik haben unsere Themen neuen Schub bekommen.»

Immerhin spürt er eine Veränderung in der Kirche. Mittlerweile sei das Engagement für die Umwelt unbestritten. Früher stand die oeku oft alleine da mit ihrem Votum für Nachhaltigkeit, heute ist das Thema in der Mitte der Kirchen angekommen und polarisiert nicht mehr.  Mit dem Klimastreik sei nochmal etwas in Gang gekommen. «Unsere Themen haben neuen Schub bekommen».

Der neue Klimaaktivismus ist da einerseits eine Stärkung der oeku, andererseits aber auch eine Infragestellung des Vereins «Wir arbeiten nun schon jahrzehntelang an diesen Themen – haben wir nichts erreicht?» An solchen Fragen verzweifelt Kurt Zaugg-Ott nicht. Er zweifelt zwar daran, dass die Menschheit es überhaupt schafft, die Klimaerhitzung rechtzeitig zu stoppen. Da müsste sich seiner Meinung nach kollektiv etwas bewegen, um eine Trendwende zu erreichen. Gleichzeitig ist Zaugg-Ott kein Pessimist. Er beackert das Thema in der Kirche einfach weiter und hofft, dass er damit breitere Kreise erreicht. «Wir sind der grüne Stachel im Fleisch der Kirche», meint er mit einem feinen Lächeln.

«Weder ich noch die oeku können das Klima alleine retten.»

Auch privat lebt Kurt Zaugg-Ott ökologisch. Zum Termin ist er mit dem Velo angefahren– einem «normalen», ohne Elektromotor, wie er betont. Flugreisen unternimmt Zaugg-Ott nur alle paar Jahre. Im Mehrfamilienhaus, wo er wohnt, hat er sich für eine Pelletheizung eingesetzt und Solarpanel für Wärme und Strom auf dem Dach installieren lassen. Er ernährt sich nahezu vegetarisch, aber seine Frau und sein Sohn essen gerne ab und zu ein gutes Stück Fleisch. «Ein Fundi bin ich nicht», hält er fest.

Zaugg-Ott ist pragmatisch und realistisch. «Weder ich noch die oeku können das Klima alleine retten.» Vielleicht ist es sein Alter, vielleicht aber auch seine Art. Er wird im Gespräch nie laut, redet sich nicht ins Feuer, scheint nicht verzweifelt. Der Laubbläser, der draussen vor der Kirche dauernd nervtötend laut aufheult, bringt ihn bloss zum Schmunzeln: «ein Rechen wäre doch viel angenehmer». Beim Abschied freut er sich über die Eidechse, die er im Garten vor dem ökumenischen Zentrum Ittigen entdeckt – und fährt dann mit dem Velo wieder nach Hause.