175 Jahre SEA

«Wir lassen eine grosse Breite an religiösen Schattierungen zu»

Die Schweizerische Evangelische Allianz wird 175 Jahre alt. Obwohl ihre konservativen Positionen anecken, will sie die Kirchen verbinden. Differenzen sollen dabei nicht totgeschwiegen, sondern in «sicheren Räumen» diskutiert werden, erklärt Generalsekretär Marc Jost im Interview.

Marc Jost ist seit 2012 Generalsekretär der Schweizerischen Evangelischen Allianz. Er betont, dass die Allianz auch kontroverse Themen aufgreift. (Bild: zVg)

Marc Jost, 175 Jahre gibt es die Schweizerische Evangelische Allianz (SEA). Was hat sie in dieser Zeit erreicht?
Wir haben die Zusammenarbeit der Kirchen und christlichen Organisationen gestärkt. Das ist unser Kernauftrag. Eine gute Kooperation haben wir über den «Röstigraben» hinweg aufgebaut, und auch innerhalb der Sektionen konnten wir viele lokale Projekte umsetzen. Ein Höhepunkt bildet jeweils die Allianz-Gebetswoche zu Beginn des Jahres.

Die Allianz umfasst ein grosses Spektrum von Kirchen und Organisationen, zwanzig Prozent der Mitglieder sind Landeskirchen, achtzig Prozent kommen aus dem freikirchlichen Bereich. Gibt es da keine Reibungen?
Seit der Reformation sind neben den Landeskirchen unzählige evangelische Strömungen entstanden. Unser Anliegen ist, dass wir über diese Grenzen hinweg Kirchen und Gläubige verbinden. Grundlage ist dabei unsere Glaubensbasis, das sind acht Grundsätze, die alle akzeptieren. Etwa der Glaube an den dreieinigen Gott oder die Bibel als höchste Autorität in allen Fragen des Glaubens und der Lebensführung. Diese Basis ist bewusst schlicht gehalten, damit sie eine grosse Breite an religiösen Schattierungen zulässt.

Schweizerische Evangelische Allianz

Die Schweizerische Evangelische Allianz SEA ist eine Bewegung von Christinnen und Christen aus reformierten Landeskirchen, Freikirchen und christlichen Organisationen. Sie besteht gesamtschweizerisch aus 83 lokalen Sektionen mit rund 670 Gemeinden und 250 christlichen Werken. Die Basis der SEA wird auf 250‘000 Personen geschätzt.

Ist es nicht ein Widerspruch, wenn Kirchgemeinden, die Mitglied der evangelisch-reformierten Landeskirche sind, auch der SEA angehören?
Wir sind keine Denomination und kein Kirchenbund, wir definieren uns als Netzwerk. Fast alle unsere Mitgliedskirchen sind Teil eines eigenen Kirchenverbandes, zum Beispiel in einem pfingstlichen Verband, einem methodistischen oder eben in einer evangelisch-reformierten Landeskirche. Wir fördern das Miteinander der Kirchen vor Ort. Da ist es wichtig, dass möglichst alle mit dabei sind.

Aber dennoch ist die Mehrheit ihrer Mitglieder dem evangelisch-freikirchlichen Spektrum zuzuordnen. Warum?
Ich denke, unsere Zusammensetzung hat mit der Glaubensbasis zu tun hat und damit, dass das Gebet und der praktizierte Glaube mit persönlicher Bibellese wichtig sind. Ausserdem gehen die Einladung zum christlichen Glauben und das sozialdiakonische Engagement bei der SEA Hand in Hand.

Innerhalb der Freikirchen ist die Vielfalt gross. Wie gehen sie mit Unterschieden um?
Themen, die trennen und die Einheit zu spalten drohen, werden bei gewissen Anlässen bewusst nicht aufgegriffen. Ein Beispiel sind Geistestaufen wie sie Pfingstkirchen kennen. Bei Jugendcamps werden diese nicht thematisiert, denn sie polarisieren. Stattdessen behandeln wir umstrittene Themen separat. Wir wollen Raum bieten, wo Differenzen angesprochen werden können und wir dennoch einen gemeinsamen Weg finden.

«Wir wollen uns nicht einfach nach dem Trend richten. Sondern wir haben den Mut, uns zu positionieren und unsere Gründe dafür zu erläutern.»

Wie profitieren Gemeinden konkret von der SEA-Mitgliedschaft?
Aufgrund des Kriegs in der Ukraine haben wir schnell eine Task-Force gegründet, wo wir unser Engagement für die Flüchtlinge koordinieren. Wir informieren und erleichtern die Koordination. Gerade auch während der Pandemie war es sehr wichtig, dass wir Leitlinien von EKS, Freikirchenverband und Fachverbänden zugänglich machten, zum Beispiel zu den Hygieneregeln. Andere Kirchgemeinden und Werke konnten sich daran orientieren. Zudem bieten wir den Mitgliedern mit unseren Stellungnahmen zu aktuellen gesellschaftlichen Themen Orientierungshilfen und Diskussionsgrundlagen.

Die SEA eckt mit manchen Positionen an. So lehnt sie die «Ehe für alle» ab und ist auch gegen Schwangerschaftsabbrüche. Eine Mehrheit der Gesellschaft ist anderer Ansicht. Sind die Haltungen der Allianz noch zeitgemäss?
Weltweit sind wir mit unserer konservativen Haltung keine Minderheit. Und wir wollen uns auch nicht einfach nach dem Trend richten. Sondern wir haben den Mut, uns zu positionieren und unsere Gründe dafür zu erläutern. Dabei berufen wir uns auf die Bibel. Wichtig ist mir zu betonen: Auch einige unserer Mitglieder haben eine andere Haltung als die offizielle SEA-Position.

«Wir machen das Gegenteil von «cancel culture». Wir schweigen Themen nicht tot, sondern bieten einen sicheren Raum für Diskussionen.»

Es hat sich also doch etwas verändert innerhalb der SEA.
Vor dreissig Jahren wären sexualethische Themen nie so kontrovers diskutiert worden. Jetzt haben wir eine Serie von Workshops dazu gemacht. Wir machen das Gegenteil von «cancel culture». Wir schweigen Themen nicht tot, sondern bieten einen sicheren Raum für Diskussionen. Und ja, einige Mitglieder haben eine andere Haltung. Aber sie bleiben trotzdem Teil der Allianz.

Keine «cancel culture» bedeutet, es gibt keine roten Linien, die Mitglieder nicht überschreiten dürfen?
Wenn Mitglieder Unwahrheiten verbreiten würden, etwa russische Propaganda in Bezug auf den Ukraine-Krieg, dann ginge das nicht. Aber auch dann würden wir zuerst das Gespräch suchen. Ein Ausschluss wäre die letzte Massnahme und ist ein längerer Prozess. Bisher kam es aber noch nie dazu.

«Die Allianz wurde gegründet, um die kirchlichen Kräfte zusammenzuhalten. Dabei ging es nicht um die Verbreitung eines theologischen Verständnisses.»

Geht es bei Ihrer Arbeit auch um Missionierung, also darum, Ihre Position in die Welt hinauszutragen?
Unsere Mission als SEA ist die Zusammenarbeit und Förderung der Einheit. Das hat auch historische Gründe. Zur Gründungszeit drohte die Frage, ob Sklavenhandel aus einer christlich-ethischen Position akzeptabel sei, die Gesellschaft zu spalten. Die Gründer der Allianz lehnten den Sklavenhandel zwar ab, wollten aber die Spaltung verhindern. Deshalb gründeten sie die Allianz, um die kirchlichen Kräfte zusammenzuhalten. Dabei ging es nicht um die Verbreitung eines theologischen Verständnisses. Das ist bis heute so.

Von der Vergangenheit in die Zukunft – wo sehen Sie die SEA in zehn Jahren?
Wichtig ist uns, aktuelle kirchliche und gesellschaftliche Herausforderungen anzugehen wie etwa Klimawandel oder Migration. Die Zusammenarbeit mit Migrationskirchen funktioniert erst punktuell. Deshalb haben wir auch vor zwei Jahren einen interkulturellen Beauftragten angestellt.

Marc Jost (48) ist Generalsekretär der Schweizerischen Evangelischen Allianz. Zuvor war er Pfarrer im Evangelischen Gemeinschaftswerk EGW und vertrat die EVP im Berner Grossrat.