«Wir könnten verzweifeln angesichts der Not der Menschen»
Carla Maurer, Grossbritannien steckt in der Krise. Wie zeigt sich das im Alltag?
Das Haushaltsbudget wird knapper und das Thema Wohnen beschäftigt die Menschen. England ist eigentlich ein Land der Eigentümer. Die eigenen vier Wände sind für die meisten die Altersvorsorge. Doch seit einiger Zeit ist es für viele schwierig, Wohneigentum zu kaufen. Die Löhne steigen nicht, aber die Preise ziehen an. Man muss sich die Frage stellen, wo man leben soll: In London, wo man für kleinste Wohnungen horrende Mieten bezahlt? Viele werden aus der Stadt gedrängt oder landen auf der Strasse.
Das britische Sozialsystem sei voller Lücken, besagt eine Studie der Joseph Rowntree Foundation vom vergangenen Oktober. Wohltätigkeitsorganisationen und Tafeln würden versuchen, die Menschen vor der schlimmsten Not zu bewahren.
Da sind wir als Swiss Church ganz klar auch gemeint. Wir bieten jeden Dienstagmorgen Frühstück für Obdachlose und Armutsbetroffene an und die Nachfrage ist enorm. Vor zehn Jahren hatten wir im kleinen Rahmen damit begonnen. Jetzt empfangen wir jeden Dienstag 60 bis 70 Gäste.
Was gibt es zum Frühstück?
Wir legen Wert auf ein gutes Angebot. Es gibt warme Sandwiches, Kaffee, Tee, Orangensaft und Eier. Einmal im Monat servieren wir English Breakfast mit Baked Beans, Würsten und so weiter. Die Gäste sagen uns, Essen und Betreuung seien phänomenal. Für manche ist es die einzige warme Mahlzeit des Tages. Andere haben ein Verzeichnis der Orte, wo man in London kostenlos essen kann: Unter anderem in der American Church oder im Hare-Krishna-Tempel. Der Bedarf ist riesig, wir könnten jeden Tag Essen anbieten.
In der Studie heisst es, das Stopfen der Lücken im sozialen Auffangnetz sei für die wohltätigen Organisationen eine zu grosse Aufgabe.
Wir könnten verzweifeln angesichts der Not der Menschen. Zur Zeit klären wir ab, ob wir Freitags Suppe verteilen können. Der Aufwand wäre gross und wir müssten ihn selbst finanzieren. Es gibt keine Kirchensteuer, wir treiben das Geld selber auf. Davon bezahlen wir die Löhne, Unterhaltskosten oder auch wohltätige Anlässe. Von Kirchgemeinden in der Schweiz werden wir finanziell unterstützt. Aber 2023 haben mehrere ihre Beiträge gestrichen. Wir müssen uns vermehrt um englische Geldgeber bemühen. Zum Glück hat sich die Swiss Church einen guten Namen gemacht.
Die Schweizer Kirche in London gilt als älteste Schweizer Kirche im Ausland. Zuerst erwähnt wurde die Eglise Helvétique in der britischen Hauptstadt 1762. Heute leben schätzungsweise 200’000 Menschen mit Schweizer Pass im Grossraum Londons. In der Swiss Church findet jeden zweiten Sonntag ein Gottesdienst statt. Er wird auf Englisch gehalten und ist auch für Nicht-Schweizer offen. Die Swiss Church dient als Treffpunkt für die Auslandschweizer, es finden Anlässe statt wie beispielsweise Fondueabende. (dst)
Stark von Armut gefährdet seien in Grossbritannien Alleinstehende im Alter zwischen 25 und 44 Jahren, heisst es in der Studie. Beobachten Sie das auch?
Ja, diese Gruppe befindet sich in einer schwierigen Situation. Die Einsteigerlöhne sind tief und es ist schwierig eine Stelle zu finden, die Karriereaussichten bietet. Viele Arbeitnehmer werden nur temporär angestellt oder leisten unbezahlte Praktika. Manche Arbeitgeber bieten bloss «Zero-Hour-Jobs» an. Die Angestellten wissen dabei nie, ob es überhaupt Arbeit gibt und sie etwas verdienen werden. Unter den jungen Menschen, die auf der Strasse landen, haben es die gesunden Männer am schwersten, wieder eine Wohnung zu bekommen. Auf den Wartelisten von Hilfsorganisationen werden sie hinter den Familien und den Jugendlichen eingetragen. Die Situation entgleitet gerade völlig.
Menschen decken sich mit dem Nötigsten in Food Banks und Baby Banks ein.
Tatsächlich. Das sind Anlaufstellen für Unterstützung. Die Kirchen sind dort stark engagiert. In den Food Banks können die Menschen Lebensmittel erhalten, in den Baby Banks Windeln und Milchpulver. Die Nachfrage ist in letzter Zeit unglaublich angewachsen. Es gibt auch Fuel Banks, in denen Bedürftige Kleingeld erhalten für den Zähler an der Heizung. Wichtig sind beheizte Räume, die Warm Banks, in denen sich Menschen im Winter aufhalten können.
Wenden sich die Menschen in der Krise an die Kirchen?
Ja, für spirituelle Unterstützung und soziale Kontakte. Aber praktische Hilfe nehmen vor allem Obdachlose und Armutsbetroffene an. Viele denken, es sei normal, in London ein hartes Leben zu haben. Denn so war es schon immer: Man kommt einfach knapp durch.
Carla Maurer ist seit zehn Jahren Pfarrerin in der Swiss Church in London. Die St. Gallerin ist Mutter zweier Kinder. (dst)
Wie ist die Stimmung unter den Schweizerinnen und Schweizern in London?
Aktuell gehen viele aus wirtschaftlichen Gründen zurück in die Schweiz. Die Stimmung hat sich verändert: Als ich vor zehn Jahren die Stelle antrat, spürte ich einen starken Zusammenhalt unter den Schweizern und man traf sich an vielen Anlässen. Heute kämpft jeder für sich allein. Neuzuzüger werden in der Gemeinde schon fast kritisch betrachtet, weil man sich fragt, weshalb sie nach London gezogen sind. Wer einen guten Job hat oder nur für eine gewisse Zeit hier lebt, kann sich wohlfühlen. Aber man kann sich hier kein Leben mehr aufbauen.
Seit wann ist das so?
Seit dem Abgang von David Cameron hat sich die Politik nicht mehr stabilisiert. Durch den Brexit wurde alles schlimmer. Es fehlen Arbeitskräfte, die U-Bahnfahrer streiken regelmässig für mehr Lohn und das Gesundheitssystem liegt am Boden. Ein Gemeindemitglied mit Krebsdiagnose wartet auf seine Behandlung, die immer wieder verschoben wird. Eine Frau aus der Gemeinde kann wegen eines Bandscheibenvorfalls nicht arbeiten und hat einen Arzttermin erhalten: Im Dezember 2024. Solche Dinge machen den Menschen Angst.