«Die Schlangen an Essensausgaben sind länger geworden»
Frau Maurer, London ist im Ausnahmezustand. Kommenden Montag wird Queen Elizabeth II. beerdigt. Ging Ihnen ihr Tod nahe?
Ich war bewegt. Ich bewundere, wie sich die Queen als junge Frau in diesem machoiden royalen Umfeld behauptet und dann mit Coolness einen Machtraum geschaffen hat.
Das Land kommt auch sonst nicht aus den Schlagzeilen. Die Pandemie, die Energiekrise und der Brexit treffen die Menschen hart. Merken Sie davon etwas?
Ja. In London gibt es etwa längere Schlangen an den Essensausgaben. Wenn man etwas weiter raus aufs Land fährt, sieht man die Folgen des wirtschaftlichen Abschwungs deutlich. Hier ist England ein Schwellenland. Die Häuser verlottern, die Bahninfrastruktur hat gelitten, soziale und medizinische Dienste laufen auf Sparflamme.
Müssen auch Sie sich einschränken?
Ja, aber auf hohem Niveau. Auch unsere Stromrechnung ist extrem gestiegen und wir spüren die Preisanstiege in allen Lebensbereichen. Im Gegensatz zu vielen anderen kommen wir aber noch gut über die Runden. Wir können auf Luxusgüter wie Restaurantbesuche oder Flugreisen verzichten, die teuer geworden sind. Ferien in der Schweiz fallen also zunächst aus. Bei anderen geht es aber wirklich ans Eingemachte.
Carla Maurer (42) ist Pfarrerin der Swiss Church in London. Sie ist seit März 2022 englisch-schweizerische Doppelbürgerin und lebt mit ihrer Familie in London. (bat)
Wie gut ist die Swiss Church in dieser Krise aufgestellt?
Gut. Im Vergleich zu anderen Kirchen konnten wir zum Beispiel im Lockdown auf Unterstützung von Kirchen aus der Schweiz zählen. Auch die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz hat uns finanziell unter die Arme gegriffen, sowie einzelne Gemeinden und Kantonalkirchen. Deshalb sind unsere Reserven noch nicht aufgebraucht. Bei anderen Kirchen hier in London sieht das anders aus. Die haben keine Rücklagen mehr und mussten Leute entlassen. Wir sind sehr froh, dass es bei uns nicht so weit gekommen ist.
Hat die Krise Auswirkungen auf das soziale Engagement der Swiss Church?
Während des Lockdowns konnten wir unser Obdachlosen-Frühstück nicht durchführen. Mittlerweile können die Obdachlosen wieder zu uns kommen. Viele von ihnen berichten uns, dass wir eine der wenigen Kirchen sind, die sie noch empfängt, da viele Kirchen die Finanz- und Personalressourcen nicht mehr haben. Interessant ist, dass wir sehr viele neue Freiwillige rekrutieren konnten.
Wie kommt das?
Offenbar haben die Menschen gemerkt, dass es schön ist, etwas Gutes zu tun und für die Mitmenschen da zu sein. Sie haben diese Erfahrung während der Pandemie gemacht.
Rechnen Sie damit, dass im Winter mehr Menschen obdachlos werden?
Das ist schwierig zu sagen. In der Pandemie zumindest ist die Zahl gestiegen. Aber vielleicht können tatsächlich bald manche ihre Mieten nicht mehr bezahlen.
Mit Liz Truss hat das Vereinigte Königreich eine neue Premierministerin. Was halten Sie von ihr?
Genau so viel wie von Boris Johnson: Nicht viel. Wir sind vom Regen in die Traufe gekommen. Überparteiliche Zusammenarbeit ist nicht ihre Stärke. Sie hat bereits in den ersten Tagen alle parteieigenen Minister entlassen, die im Wahlkampf den Gegenkandidaten unterstützt haben. Zudem hat sie wenig Sinn für die Lebensrealität der Menschen in diesem Land und steht für das Giesskannenprinzip statt für individuelle Hilfestellungen und dringend notwendige strukturelle Veränderungen. Aber das ganze politische System geht aus Schweizer Perspektive auf keine Kuhhaut. Seit den Achtzigerjahren findet hier ein massiver sozialer Abbau statt. Kompromisse sind kaum noch möglich. Das ist sicher nicht der richtige Weg, um aus dieser schwierigen Zeit herauszukommen.