Corona in Grossbritannien

«Ich bin zur Eremitin geworden»

Grossbritannien erlebt einen weiteren strikten Lockdown. Die Pfarrerin der Swiss Church in London, Carla Maurer, hat sich mittlerweile zwar an die Abschottung gewöhnt. Gerade für jüngere Leute werde das ständige Alleinsein jedoch zur Herausforderung, sagt Maurer im Interview.

Pfarrerin Carla Maurer betreut die Kirchenmitglieder der Swiss Church in London seit dem ersten Lockdown im März fast ausschliesslich online. (Bild: Ella Mettler)

Carla Maurer, Grossbritannien befindet sich erneut im Lockdown. Wie ist im Moment die Situation?
Es ist unser dritter Lockdown seit März. Man kann nach draussen gehen, um sich zu bewegen, muss aber im Quartier bleiben. Dabei darf man sich nur mit einer Person aus einem anderen Haushalt treffen. Drinnen dagegen sind keine Treffen erlaubt. Die Schulen sind auch geschlossen, nicht aber die Kinderkrippen. Insgesamt finde ich, dass das Bewusstsein für die psychische Gesundheit diesmal grösser ist.  So dürfen etwa alleinstehende Menschen mit einem anderen Haushalt eine sogenannte support-bubble formen. Das heisst, mit einem Haushalt dürfen sie sich zu Hause treffen und sogar dort übernachten.

Wie geht es den Menschen, mit denen Sie durch Ihre Kirche in Kontakt sind?
Die Kirche ist ein starkes Netzwerk, das seit Jahren trägt. Das bewährt sich jetzt. Viele Kirchenmitglieder sind befreundet und unterstützen einander. Gerade die älteren Menschen sagen mir, dass sie mit dem Alleinsein relativ gut umgehen können. Es leiden eher die Jüngeren, die neu zugezogen sind.

Weshalb gerade die?
Sie sind für einen Job, für die Liebe oder fürs Studium hergekommen. Jetzt sitzen sie zu Hause, anstatt in der Mensa oder im Pub mit Kollegen. Sie können nichts unternehmen, keine neuen Leute kennenlernen. Ausserdem sind sie häufig finanziell noch weniger abgesichert. Sie haben Angst ihren Job zu verlieren, Existenzängste plagen sie. Deshalb bin ich gerade mit jüngeren Leuten nun häufiger in Kontakt.

Sie spüren also eine gewisse Not?
Eine Unsicherheit auf jeden Fall. London bringt diese Unsicherheit sowieso mit sich, man muss sich hier zuerst durchschlagen. Das wird durch die Pandemie noch verstärkt. Hinzu kommt, dass wir ja jetzt nicht einfach schnell in die Schweiz fliegen können, wie wir uns das vorher gewohnt waren. Nun fühlt es sich an, als wären wir nach Australien ausgewandert. Gerade für ältere Menschen ist es hart, dass sie ihre Familien schon so lange nicht mehr gesehen haben.

Wie geht es Ihnen selbst?
Ich habe die drei Lockdowns sehr unterschiedlich erlebt. Der erste war ein Schock. Ich hinterfragte alles: Was ist das Leben, wenn so viel Vertrautes wegfällt? Als ich dann meine Arbeit umstellte, lief es besser. Den zweiten Lockdown vor Weihnachten fand ich am härtesten. Vorher war es wieder möglich gewesen, mit Freunden ins Pub zu gehen,  und dann wurde das erneut abrupt beendet. Der dritte Lockdown jetzt ist für mich der beste.

Warum das?
Ich bin zur Eremitin geworden, das ist die neue Normalität. Klar vermisse ich Dinge – Leute einzuladen, in die Schweiz zu reisen, ins Theater zu gehen. Aber ich habe mich daran gewöhnt. Ausserdem leben wir in einem Stadtteil, der landesweit eine der höchsten Infektionsraten hat, das Spital ist ziemlich voll. Wenn du weisst, dass dein Spital vielleicht gar keinen Platz für dich hätte, fällt es dir auch nicht so schwer, zu Hause zu bleiben. Zudem finde ich das Gemeindeleben, das weiterhin stattfindet, sehr unterstützend.

«Gottesdienste wären möglich. Doch wir haben uns entschlossen, keine anzubieten.»

Wie findet denn Ihr Kirchenleben statt?
Während des ersten Lockdowns konnten wir keine Gottesdienste feiern. Jetzt wäre es möglich, aber wir haben uns entschlossen, weiterhin keine anzubieten. Nur im September und Oktober gab es zwei Gottesdienste. Unsere Gemeindemitglieder leben nicht in der Nähe der Kirche, sie müssen mit dem Bus anreisen. Diesem Risiko möchten sie sich nicht aussetzen. Deshalb läuft bei uns alles online. Ich mache seit März Audiogottesdienste, die man sich anhören kann. Einigen schicke ich sie in Papierversion nach Hause. Dann treffen wir uns einmal die Woche auf Zoom zu einem virtuellen Kaffee. Und ich telefoniere viel.

Sie kommen also gut an «Ihre» Leute heran?
Die Gemeindemitglieder waren ja vorher schon in ganz London verstreut, ich weiss, mit wem ich wie in Kontakt bleiben kann. Viele der Auswanderer sind digital gut unterwegs, bis ins hohe Alter. Sie halten so Kontakt zu ihren Familien in der ganzen Welt. Und wenn einmal wirklich persönlicher Kontakt nötig ist, treffe ich mich mit den Menschen zu einem Spaziergang.

Spüren Sie, dass viele Menschen sterben?
Bei uns in der Gemeinde verloren wir im Frühling vier Mitglieder. Zwei davon hatten das Virus. Aber seither ist die Gemeinde gesund.

«Wir haben riesige Einkommenseinbussen.»

Hat die Pandemie für die Swiss Church finanzielle Folgen?
Wir sind strukturell und finanziell unabhängig. In England gibt es auch keine Steuergelder, wir müssen also jeden Rappen selber reinholen. Rund 60 Prozent unseres Einkommens kam von Kirchenvermietungen, es fanden Tanzklassen oder Modeschauen statt, andere Kirchen hatten sich eingemietet. Das ist fast alles weggefallen, deshalb haben wir riesige Einkommenseinbussen. Unser Ziel war aber, niemanden entlassen zu müssen. Also haben wir gespart und das Fundraising ausgebaut. Viele Kirchgemeinden und Kantonalkirchen und auch die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz (EKS) unterstützen uns regelmässig oder bei einzelnen Projekten. Alles in allem kamen wir so im letzten Jahr gut über die Runden.

Sind Sie für das nächste Jahr auch optimistisch?
Am Anfang des Jahres ist es immer eine Zitterpartie. Manchmal denke ich schon: Oh, wie sollen wir das schaffen? Die Zahlkraft wird ja wegen der Pandemie ebenfalls abnehmen. Dennoch: Wir haben es bisher immer geschafft, und das werden wir auch dieses Jahr. In ein paar Monaten sieht es hoffentlich wieder besser aus. Zudem wurden in unserer Gemeinde schon einige geimpft, das gibt zusätzlich Hoffnung, dass sich das Leben bald wieder etwas normalisiert.

Auf was freuen Sie sich, wenn es wieder einmal normaler zu und her geht?
Auf jeden Fall aufs Zusammensein, aufs Gottesdienst feiern und darauf, wieder gemeinsam mit anderen singen zu dürfen.