«Ich predige lieber über die Würde des Menschen als über den Brexit»

Der Brexit hat Grossbritannien gespalten. Auch in der Swiss Church in London gibt es Gegner und Befürworter. Wie Carla Maurer, Pfarrerin und Leiterin der Kirche, damit umgeht und warum ein «No Deal» auch für sie negative Konsequenzen haben könnte, erzählt sie im Interview.

«Der Brexit hat Familien gespalten sowie Freundinnen und Freunde auseinandergerissen», sagt Pfarrerin Carla Maurer. (Bild: zvg)

Frau Maurer, wie ist die Lage mitten im Brexit-Land?
Vor dem Parlament wird zwar viel demonstriert, aber in den Cafés und Restaurants sorgt der Brexit erstaunlicherweise kaum für Gesprächsstoff. Zum einen hat man die Nase voll, darüber überhaupt noch zu diskutieren. Zum anderen ist er auch ein heikles Thema. Der Brexit hat Familien gespalten sowie Freundinnen und Freunde auseinandergerissen.

Auch in Ihrer Kirchgemeinde?
Auch in unserer Kirchgemeinde gibt es beide Lager. Aber ich mache die Debatte um die aktuellen Wirren nicht gross zum Thema innerhalb der Kirche.

Warum nicht?
Weil der Brexit nur das Symptom und nicht die Ursache ist. Ich finde die Frage viel spannender, warum die Menschen für den Ausstieg aus der EU stimmten. In England kocht die Volksseele seit Jahrzehnten. Randregionen verwahrlosen, die Armut steigt. In London haben wir sehr viele Obdachlose, um die wir uns kümmern. Deshalb passe ich meine Predigten nicht dem kurzlebigen politischen Tagesgeschehen an, sondern predige standhaft die immerwährende Zusage Gottes an den Menschen. Ich rede über Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit oder die Würde des Menschen.

Bei einem «No Deal» wird die Wirtschaft Schaden nehmen, dadurch steigt auch die Zahl der Obdachlosen. Wir werden uns noch mehr für diese Menschen engagieren müssen.

Was halten Sie persönlich vom Austritts-Entscheid?
Ich bevorzuge die Lösung, gar nicht aus der EU auszutreten, aber dafür ist die Gesellschaft zu sehr gespalten. Würde das passieren, hätte ich grosse Befürchtungen, dass die rechten Parteien einen weiteren Aufschwung erhalten würden. Deshalb wäre wohl ein Verhältnis, wie es die Schweiz mit der EU hat, auch für Grossbritannien eine gute Lösung.

Noch ist offen, welchen Weg Grossbritannien gehen wird. Könnte die Swiss Church den Brexit zu spüren bekommen?
Bei einem «No Deal» ganz bestimmt. Die Wirtschaft wird Schaden nehmen, dadurch steigt auch die Zahl der Obdachlosen. Die Regierung wird kaum fähig sein, sich um diese Menschen zu kümmern. Also werden wir uns noch mehr für sie engagieren müssen. Die Frage ist auch, wie viele Schweizerinnen und Schweizer nach einem No-Deal-Brexit in England bleiben würden. Die wirtschaftliche Situation könnte sie veranlassen, das Land zu verlassen.

Hätte das finanzielle Konsequenzen für Sie?
Die Spenden aus der Schweiz sind wohl auch nach einem Brexit nicht gefährdet. Unsere Einnahmen bestehen aber zu zwei Dritteln aus der Vermietung unserer Kirchenräume. Ein wirtschaftlicher Einbruch könnte die Nachfrage bei der Vermietung negativ beeinflussen. Das würde uns finanziell sehr schaden.

Beim englischen Oppositionssystem geht es nicht darum, Kompromisse zu finden, sondern sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen. Da kann ich mir als Schweizerin nur an den Kopf fassen.

Sind Sie selbst von den Folgen des Brexit betroffen?
Der Austritt tangiert auch die Personenfreizügigkeit, Ausländer müssen sich deshalb um ihren Aufenthaltsstatus kümmern. Ich selbst bekam von der Botschaft eine E-Mail, in der ich aufgefordert wurde, meine Niederlassungsbewilligung bestätigen zu lassen. Viel mehr betroffen könnte mein Mann sein, der Engländer ist und als Musikproduzent arbeitet. Englische Musiker fragen sich, ob sie nach dem Brexit so einfach wie jetzt in Europa herumreisen können, und wenn nicht, ob sie überhaupt noch engagiert werden.

Wie nehmen Sie als Schweizerin das politische System in England wahr?
Beim englischen Oppositionssystem geht es nicht darum, Kompromisse zu finden, sondern sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen. Jetzt, wo sie tatsächlich einen Kompromiss beim Brexit finden sollen, sind sie offensichtlich komplett überfordert. Als Schweizerin, die das gut Schweizerische Konsenssystem gewohnt ist, kann ich mir nur an den Kopf fassen.

Die Schweizerin Carla Maurer ist Pfarrerin und Leiterin der Swiss Church in London. Die Kirche wurde von französischsprachigen Schweizer Protestanten 1762 gegründet und ist seither ein Zuhause der Schweizer Gemeinschaft in London.