Wie polarisiert sind die Reformierten?
Polarisierung – wenige Worte sind im vergangenen Wahljahr so oft gefallen wie dieses. Doch die Meinungen sind geteilt, wenn es darum geht, die Polarisierung konkret im Alltag festzumachen. Wir würden uns nur noch anbrüllen und die Fähigkeit zum Kompromiss verlieren, meinen die einen. Polarisierung habe es schon immer gegeben und könne sogar positiv wirken, sagen die anderen.
Was also ist dran an diesem Phänomen – und wie wirkt es sich auf die reformierte Landeskirche aus? Kann man gemeinsam Kirche sein, wenn die Meinungen bei Genderfragen, der Migration oder in der Klimadebatte weit auseinander liegen? Das bref Magazin hat sechs Reformierte in der Schweiz genau das gefragt.
«‹Für alle da sein› bedeutet nicht, alles gutzuheissen. Sonst müssten wir uns als Kirche auch positiv zu Pädophilie und anderen Verfehlungen stellen.»
Marcel Ammann, Pfarrer in Altstätten (SG)
Marcel Ammann war einer der Pfarrer, die sich 2019 in einem offenen Brief gegen die Ehe für alle stellten. Dass die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz (EKS, damals noch Kirchenbund) ihren Mitgliedern die Öffnung der Trauung empfahl, sei ein falscher Kompromiss gewesen, ein Zugeständnis an den modernen Zeitgeist. Die EKS und viele Landeskirchen würden sich gerade beim Genderthema zu sehr dem «gesellschaftlichen Mainstream» anpassen, findet Ammann.
«In der Bibel steht, dass der Mensch nach Gottes Bild geschaffen wurde. Wenn es queere Menschen gibt, dann gilt das auch für sie – dann ist Queerness nichts anderes als ein Bild von Gott.»
Liv Zumstein, Pfarrerin in Zürich
Als die Ehe für alle diskutiert wurde, war das in der Gemeinde der Zürcher Johanneskirche bereits «kalter Kaffee», wie Liv Zumstein sagt. Die Pfarrerin steht für eine queerfeministische Theologie, spricht im Gottesdienst auch mal von «working moms» oder betet in gendergerechter Sprache. Sie sagt, es sei wichtig Paroli zu bieten, wenn Menschen mit religiösen Argumenten ihrer Würde oder grundlegender Rechte beraubt würden. Genauso wichtig sei es aber auch, die eigenen Ansichten zu kultivieren.
«Wir haben kein Problem mit Migration. Das einzige Problem, das wir haben, ist der Rassismus.»
Lara Robbiani, Leiterin des Vereins DaRe in Bellinzona
Lara Robbiani gehört du den Reformierten, die sich eine politische Kirche wünschen – und eine, die bedingungslos auf der Seite der Schwachen steht. Für sie war Jesus nichts anderes als «der erste richtige Sozialist», und so wie er nie still gewesen sei, wolle auch sie Ungerechtigkeiten nicht schweigend hinnehmen. Robbiani leitete mehrere Jahre das Tessiner Büro von Brot für alle (heute Heks). Heute unterstützt sie Flüchtlinge mit ihrem Verein DaRe (Diritto a Restare/Bleiberecht).
«Es sind alles Einzelfälle. Es gibt keine pauschalen Wahrheiten.»
Martin Kuse, Pfarrer in Möriken-Wildegg (AG)
Als bekannt wurde, dass das «Hotel Aarehof» in Möriken-Wildegg temporär zur Asylunterkunft werden sollte, begann es in dem kleinen Aargauer Ort zu brodeln. Pfarrer Martin Kuse versuchte zu vermitteln – und Gegenerzählungen zu schaffen zu den angeblich kriminellen Asylbewerbern, vor denen in einer Petition gewarnt wurde. Im Gespräch berichtet er von positiven Beispielen, aber auch von Fällen, wo die Integration nie ganz gelang.
«Wenn man die Augen öffnet, dann sieht man die Veränderungen durch die Klimaerwärmung hier oben sehr deutlich.»
Claudia Bollier, Pfarrerin in Monstein (Davos, GR)
Soll sich die Kirche in politische Debatten einbringen oder nicht? Diese Frage bewegt seit der Abstimmung über die Konzernverantwortungsinitiative 2020 immer wieder. Claudia Bollier findet: Bei gesellschaftlichen Themen, die ihren Kern betreffen, dürfe sich die Kirche nicht zurückhalten. Für die Pfarrerin von Davos Monstein gehört dazu auch die Bewahrung der Schöpfung. Nur der Ton, die Art und Weise, wie sich die Kirche einbringt, sei entscheidend: «Die Worte ‹du musst› sollte man besser weglassen», sagt sie.
«Die Untergangs-Ängste von Klima-Aktivisten tragen Züge einer Ersatz-Religion: Schuld, Läuterung, Verzicht, Ablasshandel und Häretiker, die bestraft werden, indem sie am medialen Pranger landen.»
Bruno Bader, Pfarrer in Gstaad (BE)
Den Klimawandel negiert auch Bruno Bader nicht. Der Gstaader Pfarrer, der sich selbst als «liberalen Menschen» beschreibt und mit Gleichgesinnten den ThinkTank «église a venir» gegründet hat, findet aber, die Kirche solle sich aus der Tagespolitik heraushalten – auch in Klimafragen. «Mir kommt keine Abstimmung in den Sinn, bei der man als Christ sagen müsste, nur so ist es richtig», sagt er. «Ausser vielleicht, falls es einmal um die Einführung der Todesstrafe ginge.»
Lesen Sie die ganze Geschichte im neuen bref Magazin: