«Ziviler Ungehorsam ist auch aus christlicher Sicht gerechtfertigt»
Manchmal denke ich das tatsächlich. Aber nicht, weil nichts mehr zu machen ist. Eher sehe ich beten als notwendigen Ausgangspunkt, um zu handeln.
Für mich gibt es keine bessere Kombination. Mir macht die Klimakrise Angst. Oft verspüre ich auch Wut und Hoffnungslosigkeit. Indem ich in die Stille gehe und diese Gefühle vor Gott ausbreite, bleibe ich nicht bei der Verzweiflung stehen. Ein Gebet ohne Handlung bleibt hohl. Es geht also nicht darum, die Verantwortung Gott abzugeben. Vielmehr bringt mich mein Glauben zum Handeln, weil Gott mein Schreien gehört hat. Wir dürfen wütend sein. Aber wir müssen eben auch kämpfen.
Sehr oft. Das Thema bewegt mich in meiner Theologie. In der biblischen Tradition hat die Schöpfungsverantwortung, aber auch der gerechte Gott einen sehr grossen Stellenwert. Spiritualität bietet viel Kraft und auch Kreativität für Aktivismus. Ich würde sagen, dass mein Glauben durch die Auseinandersetzung mit der Klimakrise gewachsen ist.
Tobias Adam (24) ist Aktivist des Netzwerks Christian Climate Change. Er studiert Theologie und sitzt für die religiös-soziale Fraktion in der Zürcher Kirchensynode.
Kommt darauf an. Als reiches Land nimmt auch die Schweiz ihre Verantwortung beim Thema Klima nicht wahr. Kleinere Gesetzesübertretungen sind in Ordnung. Zumindest ziviler Ungehorsam ist für den Einsatz für Klimagerechtigkeit definitiv auch aus christlicher Sicht gerechtfertigt. Aber nur, solange er friedlich bleibt. Nie darf er in Gewalt ausarten. Im Gegensatz zu anderen Ländern ist Christian Climate Action in der Schweiz übrigens nicht Teil von Extinction Rebellion. Wir sehen uns als christliche Vertreter der ganzen Klimabewegung.
Ich gehöre sicher zu denen, die am lautesten und am emotionalsten sprechen. Aber ich melde mich nicht allzu oft und meistens dann, wenn es ums Klima geht. Ich bin zudem Mitglied der Kommission, welche die Umsetzung des Legislaturziels Grüner Güggel vorbereitet. Und neben der Arbeit im Parlament bereiten wir gerade eine Initiative vor, welche die Schöpfungsverantwortung und den Einsatz für die Biodiversität in der Kirchenordnung verankern soll.
Am kommenden Freitag, 23. September, wird wieder weltweit fürs Klima gestreikt. In der Deutschschweiz sind Kundgebungen in Baden, Basel, Bern, Luzern, St. Gallen, Winterthur und Zürich angekündigt. In Zürich mitmarschieren wird auch eine Gruppe, die sich Christian Climate Action nennt. Die ökumenische Gruppe gilt als christlicher Arm der radikalen Umweltbewegung Extinction Rebellion. Dem Schweizer Ableger des internationalen Netzwerks gehören rund 20 bis 30 jüngere Gläubige an. Diese sind über einen Gruppenchat organisiert und wollen an Anlässen wie Konferenzen oder Gottesdiensten Klimabildung betreiben und damit «in die Kirche hinein wirken», wie Mitglied Tobias Adam sagt. (eba)
Ich persönlich fliege nicht mehr, reise viel mit dem Zug und ernähre mich vegetarisch, meistens vegan. Der grösste Hebel befindet sich aber sicher auf struktureller Ebene. Auf keinen Fall sollte das eine gegen das andere ausgespielt werden. Beispielsweise müssten wir unsere Mobilität und insbesondere den Autoverkehr total neu denken. Es gibt aber viele Menschen, die gar nicht anders können als das Auto zu nehmen oder sich Alternativen gar nicht leisten könnten. Hier müssen sozial verträgliche und praktikable Lösungen gefunden werden.
Wir leben in einem alten Pfarrhaus mit grossem Garten rundherum. Diesen versuchen wir biodiversitätsfreundlich und ökologisch zu gestalten und haben uns dafür professionelle Hilfe geholt. Von Kirschlorbeer bis Apfelbaum ist bei uns alles zu finden. Ausserdem kochen wir meistens vegan. Wir widmen oft Fürbitten, Exerzitien und Gebete dem Thema Schöpfung und Klima. Aber wir sind nicht perfekt, es ist ein altes Pfarrhaus, und wir heizen mit Gas. Vielleicht können wir daran irgendwann einmal etwas ändern.
Vor dem Klimastreik am Freitag, 23. September, findet in der Predigerkirche Zürich (17.15 Uhr) eine Liturgie mit dem Thema Schöpfung und Klima statt. Das gemeinsame Gebet steht allen Interessierten offen.