«Der Grat zwischen einer Kirche und einem Unternehmen ist manchmal schmal»
Daniel Everett, Pfarrerin Carla Maurer hat die Swiss Church of London 11 Jahre lang geprägt. Welches Profil soll ihre Nachfolge haben?
Wir sind stolz darauf, eine liberale Kirche zu sein, die alle Menschen willkommen heisst. Unseren Gottesdienst besuchen auch Katholikinnen und Anglikaner, in unserer Gemeinschaft engagieren sich Menschen aus dem Kulturbereich, die sich selbst nicht als besonders gläubig definieren. Und wir verfügen über eine Lizenz, um gleichgeschlechtliche Paare zu trauen. Uns ist wichtig, dass die Person, die auf Carla Maurer folgt, diese Werte widerspiegelt.
Wie sieht der Zeitplan für ihre Nachfolge aus?
Wir sehen uns nach einer reformierten Pfarrperson aus der Schweiz um. Das könnte aber eine Weile dauern. Seit dem Brexit müssen Unternehmen, Kirchen oder Wohltätigkeitsorganisationen ein Visum für Angestellte aus anderen Staaten beantragen. Dieser Prozess ist sehr aufwändig. Mit Manuel Zimmermann Grey haben wir eine Übergangslösung gefunden. Er ist Schweizer und vor einigen Monaten mit seiner britischen Ehepartnerin nach England gezogen. Es handelt sich um seine erste Stelle hier.
Ist es als Kirche schwierig, ein Visum für eine Pfarrperson zu erhalten?
Ja. Die britische Regierung verfolgt eine sehr aggressive Migrationspolitik. Das festgelegte Mindesteinkommen für ein Visum sorgt dafür, dass nur hoch qualifiziertes Personal ins Vereinigte Königreich kommen darf. Das Problem ist, dass Pfarrpersonen hierzulande gar nicht so viel Geld verdienen – vielleicht rund 35’000 Pfund pro Jahr. Hinzu kommt, dass nur schon der Antrag auf ein Visum zwischen 15’000 und 20’000 Pfund kostet.
In welchem Verhältnis steht dieser Betrag zum Budget der Swiss Church in London?
Für die Löhne unserer vier Angestellten, Beiträge an Freiwillige und den Unterhalt der Kirche wenden wir etwas mehr als 100’000 Pfund pro Jahr auf. Wir haben Glück, dass sich unsere Kirche in einem guten Zustand befindet, weil sie vor 13 Jahren renoviert wurde. Trotzdem sind auch in diesem Bereich Investitionen nötig, um die CO2-Vorgaben bis 2030 einhalten zu können.
Die Swiss Church in London muss ohne Kirchensteuern auskommen. Wie überlebt sie?
Wir finanzieren uns durch freiwillige Mitgliederbeiträge, Kollekten, Spenden, die kommerzielle Nutzung der Kirche und Vermietungen. Die Mitgliederzahl liegt bei wenigen hundert Personen und die Gottesdienste werden von rund 20 bis 30 Personen besucht. Deshalb ist unser Kulturprogramm so wichtig. Letztes Jahr haben wir mit einer Lichtshow und kleineren Anlässen 80’000 Pfund eingenommen – ein wichtiger Beitrag zur Deckung unserer Kosten.
Bisher hat auch die Pfarrperson Fundraising betrieben. Wird das so bleiben?
Auch wenn Fundraising bei uns eine Teamleistung ist, hat Carla viele Spenden für uns gesammelt. Das wird auch Teil der Stellenbeschreibung für ihre Nachfolge sein. Wir denken immer wieder darüber nach, eine Person für das Fundraising anzustellen. Aber dafür müssten die Einnahmen stimmen. Der Grat zwischen einer Kirche und einem Unternehmen ist manchmal schmal. Wir müssen sowohl den wirtschaftlichen Aspekt im Auge behalten als auch den Umstand, dass wir ein spirituelles Zuhause sind.
Die Swiss Church ist für ihr kulturelles Programm bekannt. Was steht in diesem Bereich an?
Wir organisieren jährlich Kunstresidenzen und Ausstellungen, um den kritischen Dialog im sakralen Raum zu fördern. Das Interesse ist riesig. Dieses Jahr sind 400 Bewerbungen für die Sommerresidenz eingegangen.
Sie haben angekündigt, Schweizer Künstlern vermehrt eine Plattform in London anbieten zu wollen. Was meinen Sie damit genau?
Wir suchen nach Möglichkeiten, die Schweizer Kunstgemeinschaft besser zu erreichen. Unser Programm ist auch für viele Leute interessant, die vielleicht nicht daran denken würden, sich an die Kirche zu wenden. Zurzeit prüfen wir, ob eine engere Zusammenarbeit mit Schweizer Stiftungen und Organisationen möglich ist. Dabei berät uns die Kulturattachée der Schweizer Botschaft.
Daniel Everett ist schweizerisch-britischer Doppelbürger. Er wuchs in London auf und hat danach 25 Jahre lang in der Schweiz und in weiteren europäischen Ländern Unternehmen geleitet. 2022 ist er nach Grossbritannien zurückgekehrt. Seither engagiert er sich in der Freizeit für diverse Schweizer Organisationen. 2023 wurde er Präsident der Swiss Church in London. (pef)
Erhalten Sie von der Schweizer Botschaft irgendeine Form von finanzieller Unterstützung?
Wir erhalten keine direkten finanziellen Zuwendungen. Manchmal spendet die Schweizer Botschaft für unsere Anlässe aber etwas Schweizer Wein. Eine andere Möglichkeit besteht darin, unsere Räumlichkeiten für Anlässe zu vermieten. Wir haben das Glück, dass es mehrere Schweizer Organisationen in London gibt. Die «Unione Ticinese» beispielsweise feiert ihr 150-Jahre-Jubiläum. Dazu finden zwei Anlässe bei uns statt. Das ist eine gute Gelegenheit, damit neue Leute uns und unsere Kirche kennenlernen.
Von den Leuten, die kulturelle Anlässe besuchen, werden nur wenige auch zu den Gottesdiensten kommen. Wie grenzt sich die Swiss Church in London längerfristig von einem reinen Kulturbetrieb ab?
Die Leute erkennen beim Besuch einer Veranstaltung, dass wir eine Kirche sind. Auch wenn viele nicht aus diesem Grund kommen, machen sie sich dabei Gedanken über ihre eigene Spiritualität und suchen das Gespräch. Viele engagieren sich freiwillig im sozialen Bereich. Und womöglich ziehen sie in Betracht, unsere schöne Kirche in Zukunft für eine Feier wie eine Hochzeit zu nutzen. Zudem bieten wir noch immer jeden Sonntag einen Gottesdienst in den Schweizer Landessprachen und auf Englisch an. Es ist wichtig, dass die Menschen bei uns einer Pfarrperson begegnen, die sich in ihre Probleme hineinversetzen kann und ihre Sprache spricht.
Ein weiterer Pfeiler der Swiss Church in London ist das Wohltätigkeitsprogramm für obdachlose Menschen. Wie gehen Sie mit der zunehmenden Zahl armutsbetroffener Personen um?
Wenn wir am Dienstagmorgen unsere Kirche öffnen und Frühstück anbieten, ist sie voll. Abweisen mussten wir bisher aber noch niemanden. Unser Angebot richtet sich an Personen, die in der Umgebung unserer Kirche leben und obdachlos oder armutsbetroffen sind. Es handelt sich um ein politisches Problem, wenn sich die Regierung nicht um sie kümmern will. Zum Glück sind Wohltätigkeitsorganisationen weit verbreitet und spielen eine wichtige Rolle in der Gesellschaft.
Nach elf Jahren in der Swiss Church beginnt für Carla Maurer ein neuer Lebensabschnitt: Sie wird Pfarrerin in der Reformierten Kirche Sihltal im Kanton Zürich. Dafür zieht sie mit ihrer Familie im August nach Adliswil – oder in die «Greater Zurich Area», wie sie gegenüber ref.ch halb ernst, halb scherzhaft sagt. Mit dem Zug sei man in 15 Minuten in der Stadt, das sei für Londoner Verhältnisse ein Katzensprung.
Sowohl privat als auch beruflich sei der Zeitpunkt für einen Wechsel günstig, sagt Maurer. Die Swiss Church sei aktuell gut aufgestellt. «Ich bin aber auch überzeugt, dass es für eine Gemeinde gut ist, wenn nach zehn, fünfzehn Jahren jemand Neues kommt. Das befreit, sodass neue Wege eingeschlagen werden können.»
An der Stelle in Adliswil reizt Maurer zum einen der inhaltliche Fokus: Sie wird dort schwerpunktmässig mit aktiven Seniorinnen und Menschen zwischen 25 und 50 Jahren zu tun haben, die voll im Beruf stehen. Zum anderen habe die Kirche Sihltal den Ruf, sehr offen zu sein und sich dem Wandel nicht zu verschliessen, was ihr sehr gefalle. «Die Gemeinde hat mich angeworben – und zu 100 Prozent überzeugt», sagt Maurer. (vbu)
Gibt es Überschneidungen zwischen dem Kultur- und Wohltätigkeitsprogramm?
Vor kurzer Zeit haben Flüchtlinge an einem Kunstprojekt mitgewirkt. Wir planen auch eine Ausstellung mit Kunstprodukten unserer obdachlosen Gäste und einen Gemeindechor. Das ist das Tolle am Kulturprogramm. Es arbeiten Menschen mit, die sonst kaum die Möglichkeit hätten, sich künstlerisch auszudrücken oder sich nicht als Künstler identifizieren.
Die Swiss Church in London ist die älteste Schweizer Kirche im Ausland. Mit welchem Gefühl blicken Sie in ihre Zukunft?
Die Herausforderungen bei der Personalsuche, mit denen wir in Zusammenhang mit dem Brexit zu tun haben, betreffen alle Kirchgemeinden und Religionen. Aber ob es uns auch noch in 25 Jahren gibt? Das steht für mich ausser Frage. Die Swiss Church in London repräsentiert ein einzigartiges kulturelles und historisches Erbe. Unterschätzen Sie nicht das Interesse an «Swissness» ausserhalb der Schweiz. Es gibt zahlreiche Menschen, die mit Schweizer Staatsangehörigen verheiratet sind oder Schweizer Wurzeln haben.