«Ich kann sowohl begeistern als auch verärgern»
Michel Müller, Sie sind seit bald zwölf Jahren Zürcher Kirchenratspräsident. Wie lange möchten Sie es noch bleiben?
Das habe ich mir gründlich überlegt und mir den Entscheid nicht leicht gemacht. Ich habe mit meiner Familie und meiner Partnerin gesprochen und mich entschlossen, mich nochmals zur Verfügung zu stellen. Als nächster Schritt folgt ein Hearing bei meiner Fraktion, dem Synodalverein. Auf deren Unterstützung hoffe ich für die Wahl. Allerdings möchte ich keine volle Amtszeit mehr machen.
Sondern?
Ich plane, nach einer halben Amtszeit zurückzutreten und an eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger zu übergeben. Ich möchte meine letzte Amtsperiode als Übergang gestalten, der transparent und seriös vorbereitet ist. Wenn ich zurücktrete, bin ich über 60 Jahre alt. Dann heisst es: Karriere-Ende. Meine Kandidatur ist insofern ein Risiko, als dass ich keinen Plan B habe. Aber Kolleginnen und Kollegen anderer Kirchenratspräsidien haben sehr stark den Wunsch geäussert, ich solle bleiben. Es hiess, es brauche mich und ich solle nochmals antreten.
Das ist schmeichelhaft. Jeder freut sich über Komplimente. Sie haben aber auch Kritiker. Wollen Sie diese nicht hören?
Niemand muss mich wählen. Kritik nehme ich ernst, ich hinterfrage mich. Die positiven Meldungen haben mich in meiner Absicht bestärkt. In der Kirche hören Sie entweder nichts oder nur Gutes. Negatives wird meist verschwiegen.
Wäre es nach drei vollen Amtsperioden nicht Zeit für einen Wechsel und zum Beispiel für eine Frau an der Spitze der Zürcher Landeskirche?
Ich kann nachvollziehen, wenn andere sagen: es ist Zeit für einen Wechsel. Die Synode wird das abwägen müssen. Das Geschlecht allein kann jedoch kein Kriterium sein. Bei meiner Wahl weiss man, was man hat. Ich bin berechenbar. Ich will noch einiges erledigen und Künftigem den Weg bereiten.
Woran denken Sie?
Die Kirche befindet sich vor allem finanziell in einer unsicheren Situation. Der Zürcher Kantonsrat debattiert 2024 über Staatsbeiträge, dort geht es um Gelder in der Höhe von knapp 300 Millionen Franken für die reformierte und die römisch-katholische Kirche. Ist so viel Geld gerechtfertigt für diese Religionsgemeinschaften, die weniger als die Hälfte der Bevölkerung ausmachen? Ich kann das erklären, Zusammenhänge aufzeigen. Zudem scheint mir wichtig, die ökumenischen Beziehungen weiterzuentwickeln und auch mit der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) zusammenzuwachsen. Ein weiteres Beispiel: Wir haben einen grossen Nachwuchsmangel an Pfarrpersonen. Gemeinsam mit den Universitäten denken wir darüber nach, wie es möglich ist, früher in den Beruf einzusteigen. Das habe ich mitinitiiert.
Den Kirchgemeinden fehlt es nicht nur an Pfarrerinnen. Die Mitglieder werden laufend weniger. Befassen Sie sich damit gar nicht?
Es darf nicht an mir allein liegen, dafür eine Lösung zu haben. Aber ich kann darüber nachdenken, wie wir das Thema angehen. Wir wollten in der laufenden Legislatur alternative Mitgliedschaftsmodelle prüfen, sind aber nicht so weit gekommen. Die freie Gemeindewahl wird jetzt gerade diskutiert. Darüber muss nachgedacht werden.
Michel Müller ist seit 2011 Zürcher Kirchenratspräsident, er folgte im vierten Wahlgang auf Ruedi Reich. Müller hat an der Universität Basel evangelische Theologie studiert, er war Religionslehrer und arbeitete in einer Gassenküche. Zwischen 1994 und 2011 war er reformierter Pfarrer in der Zürichseegemeinde Thalwil (ZH). Der 58-Jährige lebt in einer Partnerschaft und hat drei erwachsene Kinder. Die Wahlen von Kirchenrat und für das Kirchenratspräsidium sind für Oktober oder November 2023 geplant. (jow)
Vor vier Jahren, im Oktober 2019, sind Sie im Amt bestätigt worden. Gegenkandidaturen blieben zwar chancenlos, die Wahl ist allerdings nicht ohne Nebengeräusche über die Bühne gegangen. Ihnen wurde vorgeworfen, in der Synode ein «Klima der Angst» zu schaffen und Geschäfte «durchzupeitschen». Beschäftigt Sie das noch oder prallen so harte Vorwürfe an Ihnen ab?
Das lässt mich nicht kalt. Meine jetzige Amtsperiode ist insofern nicht mit den vorherigen vergleichbar, weil kurz nach meiner Wiederwahl die Pandemie losging. Der Kirchenrat musste Beschlüsse fassen, die Synode musste sich neu orientieren. Nun sind Synode und Kirchenrat wieder ein Gegenüber. Das ist wichtig. Eine Exekutive kann nicht nur Empfängerin von Bestellungen sein, sondern muss Haltungen haben und einbringen. Ich bin sportlich aufgelegt, das heisst, ich debattiere engagiert. Mein Humor und meine Emotionalität bieten Risiken. Ich kann sowohl begeistern als auch verärgern.
Als Kirchenratspräsident sind Sie besonders exponiert.
Ich bin nicht allein, wir sind ein Gremium und beschliessen kollegial. Vertrete ich eine Position, ist diese nicht meine Erfindung, sondern ein gemeinsamer Beschluss. Wir haben in den letzten Jahren verstärkt darauf geachtet, dass alle Kirchenratsmitglieder Geschäfte vertreten, auch damit ich weniger im Zentrum stehe.
Sie vertreten Ihre Ansichten pointiert und scheuen sich auch nicht, Unbequemes auszusprechen. Weshalb ist Ihnen Ihr Auftritt so wichtig?
Zentral ist die Glaubwürdigkeit der Kirche bei der Vermittlung ihrer Botschaft. Kirche muss ein Ort sein, an dem sich alle sicher fühlen, so wie sie, er oder they ist. Ich mache ein Beispiel: Die theologische Rechtfertigung eines Angriffskrieges ist ein No Go. Dort muss die Kirche ihre Stimme dagegen erheben. Und dafür braucht es auch einmal ein klares Votum.
Ein solches haben Sie im vergangenen Sommer an der EKS-Synode in Sion gehalten. Eine Motion von Ihnen ist überwiesen worden: Die EKS muss sich beim Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) dafür einsetzen, dass dieser eine Suspendierung der russisch-orthodoxen Kirche prüft. Im Oktober kritisierte EKS-Präsidentin Rita Famos ein Treffen zwischen dem ÖRK-Generalsekretär Ioan Sauca und dem russischen Patriarchen Kyrill I. Seither ist es erstaunlich ruhig in der Angelegenheit.
Ich vertraue darauf, dass hinter den Kulissen Gespräche geführt werden. Die EKS-Präsidentin, der ganze Rat, hat diesen Auftrag und für die Erfüllung noch bis im Sommer Zeit. Die EKS überweist dem ÖRK jährlich einen Betrag, der so hoch ist wie der EKS-Beitrag einer mittelgrossen Kantonalkirche. Wir müssen uns fragen, ist es uns das wert? Falls sich der ÖRK nicht vom Patriarchat distanziert, müssen wir Zahlen sprechen lassen und die Gelder streichen. Ich werde den Fall weiterhin unangenehm begleiten und nicht schweigen. Die Frage dagegen, ob die Schweiz der Ukraine Waffen liefen soll oder nicht, lasse ich offen. Das muss die Politik entscheiden.
Kirche soll also unpolitisch sein.
Wir können in vielen Fällen keine eindeutige politische Meinung haben, wir repräsentieren verschiedene Auslegungen des Evangeliums. Klare Positionierungen können Menschen verletzen. Während der Finanzkrise 2009 arbeitete ich als Gemeindepfarrer. Wenn die Kirche Kapitalismus pauschal verurteilt, wie kann ich mit einem Banker ein Seelsorgegespräch führen? Wir dürfen Menschen nicht verurteilen. Auch die Gewissensfreiheit begrenzt unsere politischen Stellungnahmen. Die Reformierten haben im Kanton Zürich einen Bevölkerungsanteil von 25 Prozent. Wer sind wir, dass wir dem Rest die Meinung sagen? Wir dürfen nicht richten, so wie es die Kirche als Moralinstanz noch bis ins 18. Jahrhundert gemacht hat.
Wenn Sie auf Ihre bisherigen Amtszeiten zurückblicken: In welchen Geschäften würden Sie im Nachhinein andere Entscheidungen treffen?
Auch in zwölf Jahren ist es mir nicht gelungen, mein Temperament immer im Griff zu haben. Stark in der Sache, sanft im Tonfall, das bleibt für mich eine Zielvorstellung. Ich habe Leute verletzt, das tut mir leid. Taktisch falsch war der Entscheid, mitten in der Pandemie eine Vernehmlassung zu starten über die Abschaffung der Bezirkskirchenpflegen. Ich hätte wissen müssen, dass sich dieses Problem nicht lösen lässt, ohne die Betroffenen einzubeziehen. Vielleicht hätte ich auch in der Frage nach Kirchgemeindefusionen bestimmter sein müssen. Zwangsläufig werden wir uns damit wieder befassen müssen. Es wird Kirchgemeinden geben, die allein nicht mehr lebensfähig sein werden.