«Ich schaffe es nicht, die Kirche loszulassen»
Esther Straub, Sie sind seit zwanzig Jahren Pfarrerin in Zürich-Nord. Nun möchten Sie Zürcher Kirchenratspräsidentin werden. Haben Sie genug von der Arbeit an der Basis?
Überhaupt nicht, im Gegenteil. Werde ich nicht ins Präsidium gewählt, scheide ich aus der Exekutive aus. Ich stelle mich nicht der Wiederwahl als Kirchenrätin. Als 13-Jährige habe ich meinen Berufswunsch gefasst und ihn bis heute nie bereut. Ich brenne für diese Kirche und das Pfarramt.
Weshalb kandidieren Sie dann?
Ich bin eben auch Politikerin. Ich bin der Meinung, die Synode braucht eine Alternative zu einem Übergangspräsidium (redaktionelle Anmerkung: wie es Amtsinhaber Michel Müller angekündigt hat). Dieses schwächt unsere Kirche. Es suggeriert: Niemand anderes ist für eines der wichtigsten Ämter bereit. Ich bin bereit und bringe die nötigen Kompetenzen mit. Als Pfarrerin habe ich in einer Kirchgemeinde gewirkt, ich bin promovierte Theologin. Ich verfüge über die kirchenrätliche und die politische Erfahrung, die es für dieses Amt braucht. Es ist zudem Zeit für eine Frau an der Spitze der Zürcher Landeskirche.
Ist das Geschlecht ein entscheidendes Kriterium für die Wahl?
Als ich vor acht Jahren in die Exekutive der Zürcher Landeskirche gewählt worden bin, war ich erst die zweite Pfarrerin im Kirchenrat. Als ich Vizedekanin wurde, waren sämtliche 12 Dekane Männer. Frauen waren in diesem Amt lange untervertreten, was auch daran lag, dass zu wenig Pfarrerinnen für ein zusätzliches Amt bereit waren. Seit sechzig Jahren sind Frauen im Kanton Zürich im Pfarramt. Es kann nicht sein, dass Pfarrerinnen nicht vertreten sind im Zürcher Kirchenratspräsidium. Für die Reformierte Landeskirche Zürich wird es langsam schwierig zu erklären, wieso Frauen nicht in solche Positionen kommen.
Sie wären die erste Frau in dieser Funktion.
Wenn wir die Frauenordination ernst nehmen wollen und wir in der Reformierten Kirche ernsthaft von Gleichstellung sprechen, braucht es auch einmal eine Frau in der Funktion als Kirchenratspräsidentin. Ich schaffe für andere Frauen eine Identifikationsmöglichkeit.
Angenommen, Sie würden gewählt: Welche Herausforderungen würden Sie als Kirchenratspräsidentin zuerst anpacken?
Da muss ich ausholen. Mir geht es um eine Grundausrichtung der Kirche. Wir sind eine Glaubensgemeinschaft und nicht nur Austauschplattform. Unsere Mitglieder sollen mitbestimmen. Sie sollen sich beteiligen und mitgestalten.
Heisst das, die Kirchgemeinden müssen Probleme wie Mitgliederschwund oder Personalmangel selbst lösen?
Den Gemeinden Autonomie zu geben bedeutet nicht, sie alleine zu lassen. Ich sehe meine Aufgabe als mögliche Kirchenratspräsidentin darin, Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen Gemeinden gut wirken können. Ich sehe, welche Herausforderungen mit der Zukunft verbunden sind. Sie sind komplex, und ich habe Respekt davor. Der Mitgliederschwund flacht nicht ab, sondern wird steiler. Die Frage ist aber, wo wir den Fokus legen. Als Pfarrerin merke ich, wir sind an der Basis gefragt. Vor wenigen Tagen hat mich ein Vater angerufen, seine beiden kleinen Kinder sind noch nicht getauft. Nächste Woche treffe ich die Familie zum Gespräch. Im Kanton Zürich haben wir immer noch rund 400'000 Mitglieder. Die Bedeutung unserer Kirche ist nicht unmittelbar an ihre Grösse geknüpft. Ich habe ein Grundvertrauen, dass die Kirche und das Evangelium, das wir vertreten, tragfähig sind und relevant bleiben.
Relevanz liesse sich auch aufzeigen, indem man in politischen Fragestellungen klar Position bezieht.
Häufig nimmt die Kirche Stellung zu Fragen am Anfang oder am Schluss des Lebens, das geht von pränataler Diagnostik bis hin zu Sterbehilfe. Wieso ist es nicht genehm, dass sich die Kirche in der Mitte des Lebens einmischt? Klimawandel, Tierethik, Wohnungsnot – das sind sehr biblische Themen, da haben wir etwas dazu zu sagen. Die Kirche soll dort Position beziehen, wo sie involviert ist. Zum Beispiel in der Migrationspolitik, aber auch im Sozialwesen, wo es um die Schwächsten geht. Zum Hundegesetz dagegen müssen wir nicht unbedingt etwas sagen.
Auch die Frage, ob die Schweiz der Ukraine Waffen liefern soll, möchten manche Kirchenpolitikerinnen nicht beantworten.
Das ist ein hochpolitisches Thema. Ich ringe mit der Frage, wie andere auch. Die Kirche bietet Raum, wo wir die Verzweiflung über diesen furchtbaren Angriffskrieg mit betroffenen Menschen teilen und uns gegenseitig tragen. In diesem Raum kann die Bitte um Frieden Sprache finden, ohne dass sie als naiv gelten muss. Das ist wertvoll.
Sie sind nicht nur Kirchenpolitikerin, sondern sitzen für die Sozialdemokraten im Zürcher Kantonsrat. Führt das zu Zielkonflikten?
Mein Kantonsratsmandat läuft Ende April aus. Als ich mich entschieden habe, für das Kirchenratspräsidium zu kandidieren, war klar, dass ich nicht mehr Kantonsrätin sein werde. Ich habe mich vor einigen Wochen auch gegen eine Nationalratskandidatur entschieden. Ab dem 1. Mai habe ich kein politisches Amt mehr. Ich habe beim Entweder-oder gemerkt, dass ich es nicht schaffe, die Kirche loszulassen. Für sie schlägt mein Herz.
Die 53-jährige Esther Straub ist in Güttingen am Bodensee aufgewachsen. Sie hat in Zürich und Paris studiert. Die promovierte Theologin ist seit zwanzig Jahren Pfarrerin in Zürich-Nord. 2015 wurde Straub als Zürcher Kirchenrätin gewählt, sie und Katharina Kull-Benz erhielten beide zwei Stimmen mehr als Sprengkandidatin Marlies Petrig.
Für die Stadtzürcher Sozialdemokraten war Esther Straub neun Jahre im Gemeinderat, von 2015 bis in diesem Frühjahr politisiert sie für die SP im Kantonsrat. Straub ist verheiratet und hat drei Kinder. Sie spielt Geige in einem Streichquartett, pflegt an ihrem Wohnort in der Stadt Zürich einen Garten und übt sich im Brotbacken. (jow)
Sie sind bekannt dafür, Ihre Haltungen pointiert zu vertreten. Damit ecken Sie an und polarisieren. Wie gehen Sie damit um?
Ich schätze klare Positionen, das gehört zur Politik. Es bringt nichts, kein Profil zu haben. Es gilt zu überzeugen. Aber es braucht auch die Bereitschaft loszulassen, wenn die Minderheitsposition offensichtlich ist. Im besten Fall finden unterschiedliche Positionen zusammen und es entsteht etwas Neues. Als Zürcher SP-Gemeinderätin habe ich einmal mit SVP-Kollegen eine Motion eingereicht und zum Erfolg geführt. Ich bin diskussionsbereit.
Sie gehören zur religiös-sozialen Fraktion. Welche Werte kennzeichnen diese?
Theologisch stehen wir für die Überzeugung, dass die Arbeit am Reich Gottes bereits hier Früchte trägt. Wir sind gerufen, die Welt besser und freier zu machen, ganz im Sinne, wie es Mani Matter besingt.
Mit Ruedi Reich hat Ihre Fraktion einen sehr prominenten Vorgänger als Kirchenratspräsidenten gestellt. Hat Ihre Fraktion erneut Anspruch auf das Kirchenratspräsidium?
Vor Ruedi Reich war Ernst Meili vom Synodalverein Kirchenratspräsident. Die Synode hat mit Michel Müller 2011 auch die Vorgängerfraktion gewählt. Präsidiumswahlen sind Persönlichkeitswahlen. Die Synode wählt diejenige Person, der sie das Amt zutraut und die es in ihrem Sinne ausfüllt.
Angenommen, Sie werden nicht zur Kirchenratspräsidentin gewählt. Was machen Sie dann?
Ich trete frisch und entspannt zur Wahl an. Ich präsentiere mich so, wie ich bin. Ich bin auch mit Herzblut Pfarrerin. Werde ich nicht gewählt, gibt es andere spannende Möglichkeiten – weiterhin im Pfarramt zu bleiben, ist eine davon.