Umnutzung kirchlicher Immobilien
Eine Kirchgemeinde streitet um ihr «Tafelsilber»
Es ist selten, dass eine reformierte Kirche verkauft wird. Die Eglise Française in Winterthur ist bislang die einzige. Die reformierte Kirchgemeinde verkaufte sie 2019 an die Winterthurer Hülfsgesellschaft. Diese wollte die Kirche abreissen und ihr Seniorenzentrum erweitern. Der Heimatschutz hat kürzlich diesen Plan verhindert (ref.ch berichtete).
Nun könnte es zu einem weiteren Kirchenverkauf kommen – wenn auch nicht sofort. Im Sommer wurde bekannt, dass die Evangelisch-reformierte Kirche Furttal in Erwägung zieht, die rund 1000 Jahre alte Kirche Dällikons zu verkaufen – oder sie zumindest umzunutzen.
Seit sieben Jahren bilden Regensdorf-Watt, Buchs und Dällikon im Zürcher Furttal eine einzige evangelisch-reformierte Kirchgemeinde. Das Furttal liegt zwischen dem Verkehrsstau am Gubrist-Ostportal bei Zürich und dem Stau am Ostportal des Baregg-Tunnels bei Baden.
Jedes der drei Dörfer hat seine Kirche, sein Pfarr- und sein Kirchgemeindehaus. Der Unterhalt der Immobilien beläuft sich laut der Kirchenpflege auf eine halbe Million Franken im Jahr.
Wie entwickeln sich die Steuereinnahmen?
Gleichzeitig sinken auch im Furttal die Mitgliederzahlen der reformierten Kirche: 2010 waren es in den damals noch selbständigen Kirchgemeinden insgesamt 8633 Mitglieder, 2025 sind es noch 5950. Für die kommenden Jahre errechnet die Kirchenpflege eine mögliche Abnahme auf 4580 Personen (im Jahr 2040) und 3710 Mitglieder (2050).
Analog würden weniger Pfarrstellen gebraucht. Von heute 400 Prozent würden sie auf 280 Prozent (2040) und 220 Prozent (2050) zurückgehen. Daraus zieht die Kirchgemeinde den Schluss: Es werden mittel- und langfristig nicht mehr alle Immobilien benötigt.
Wie reagiert die Kirchenpflege?
Weil der allgemeine finanzielle Aufwand so hoch ist, geben die Budgets der fusionierten Gemeinde schon seit längerem zu reden. 2024 drohte die Rechnungsprüfungskommission (RPK) an der Kirchgemeindeversammlung damit, künftig nicht mehr zuzustimmen, wenn ein Budget einen negativen Abschluss vorsieht.
Daraufhin arbeitete die Kirchgemeinde innert sechs Monaten eine Liegenschaftsstrategie aus. Diese verfolgt den Verkauf dreier Liegenschaften in den kommenden zwei bis drei Jahren: Zwei Pfarrhäuser und eine grosse historische Liegenschaft, die mit einer Kapelle ein denkmalgeschütztes Ensemble bildet.
In einer zweiten Etappe würde nach 2032 die Dälliker Kirche verkauft oder umgenutzt, der Parkplatz vor der Kirche sowie zwei Kirchgemeindehäuser sollten verkauft werden.
Die Immobilienverkäufe würden mehrere Millionen Franken in die Kasse der Kirchgemeinde spülen. Die finanziellen Sorgen schienen gelöst.
Was meint die Kirchgemeinde dazu?
Doch an der Kirchgemeindeversammlung im Sommer 2025 erleidet die Liegenschaftenstrategie der Evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Furttal Schiffbruch. Die RPK befindet, mit der Strategie sei die Kirchenpflege über das Ziel hinausgeschossen. Sie bezeichnet den Plan, sich von den Immobilien zu trennen als ein «Verkaufen des Tafelsilbers».
Denn: Durch die hohen Einnahmen könne man zwar Schulden begleichen und Investitionen tätigen, aber eine nachhaltige Lösung sei das nicht. Die kommenden Generationen würden mit denselben Problemen konfrontiert sein, hätten aber keine Immobilien mehr, die sie zur Not verkaufen könnten. Es müsse eine andere Lösung geben und zwar: Sparen.
RPK-Präsident Hansruedi Spillmann sagte an der Versammlung, man überweise «noch immer» einen fünfstelligen Betrag an das Hilfswerk der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (Heks), oder erhöhe die Stellenprozente in der Verwaltung. «Und im Gegenzug debattieren wir über den Verkauf von Liegenschaften und dies im grossen Stil», betont er.
Der RPK-Präsident plädierte für «Effizienz im Kerngeschäft» und regte an, die kirchlichen Leistungen und Angebote zu überprüfen. Die Kirchgemeinde habe über ihre Verhältnisse gelebt. Wenn man sich an die realen finanziellen Möglichkeiten anpassen wolle, könne dies im Alltag schmerzhaft sein.
Auch die Mitglieder der Kirchgemeinde konnten den vorgeschlagenen Immobilienverkäufen wenig abgewinnen. Über den Verkauf eines sanierungsbedürftigen Pfarrhauses für 1,5 Millionen Franken stritten sie so lange, bis ein Ordnungsantrag die Diskussion beendete. Die Versammlung wies das Geschäft an die Kirchenpflege zurück.
Zurückgewiesen wurde auch der Vorschlag, ein zweites Pfarrhaus im Wert von rund 2 Millionen Franken zu verkaufen.
Für die dritte Liegenschaft, ein historisches Ensemble in der grössten Gemeinde des Verbundes, hatte die RPK den Verkauf empfohlen. Vor wenigen Jahren hatte es die Kirchgemeinde an die politische Gemeinde veräussern wollen für 2,5 Millionen Franken. Darin hätte das Ortsmuseum eingerichtet werden sollen.
Doch an der Urne scheiterte der Deal. Die RPK fand, man könne die Liegenschaft zum Verkauf ausschreiben, weil «der Zug für eine andere Nutzung ohnehin abgefahren» sei. Die an der Versammlung Anwesenden sahen das anders: Sie wiesen auch dieses Geschäft zurück.
Wie ist die Lage auf nationaler Ebene?
An der Basis gibt es Widerstand gegen einen Verkauf kirchlicher Gebäude. Das deckt sich mit Erkenntnissen aus der Studie «Wohnung Gottes oder Zweckgebäude» aus dem Jahr 2007. Darin heisst es, dass Kirchen nicht bloss Zweckgebäude, sondern von Bedeutung für die gesamte Gesellschaft seien. «Sie haben eine spirituelle Funktion, stiften Gemeinschaft und Orientierung», führt Stephan Jütte aus, Sprecher der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS).
Die Studie beinhalte auch Empfehlungen für Kirchgemeinden, die einen Kirchenverkauf oder deren Umnutzung anstreben, sagt Jütte. «Es liegt nahe, dass dabei der Erhalt des bisherigen Symbolwerts im Zentrum steht», ergänzt er. Von Vorteil sei, eine neue Trägerschaft zu suchen, die zivilgesellschaftlich oder öffentlich sei und sich in den Bereichen Kultur, Bildung oder Soziales engagiere.
Viele Kirchgemeinden und Landeskirchen machen sich aufgrund von Geldsorgen Gedanken über die Zukunft ihrer Immobilien-Portfolios. Jütte sagt: «Verschiedene Kantonalkirchen diskutieren neue Lösungen.» Andere Arten von Trägerschaft sollen die Kirchengemeinden von der Finanzlast des Gebäudeunterhalts zumindest teilweise befreien. «Der Kanton Aargau diskutiert über die Einrichtung einer kantonalen Stiftung zum Liegenschaftsunterhalt», sagt der EKS-Sprecher. Die Idee dahinter: Die öffentliche Hand soll sich am Erhalt der bauhistorisch und für die Gesellschaft wertvollen Gebäude beteiligen.