St. Gallen

«Ich verkaufte sogar die Dachziegel, um das Geld für die Sanierung zusammenzubringen»

Bis vor 20 Jahren ist Christoph Sigrist Pfarrer in der St. Leonhardkirche in St. Gallen gewesen. Er führte sie als Offene Kirche und hat viel Verständnis für die Besetzer, die am Wochenende die Kirche gekapert haben.
Die Besetzung der St. Leonhardkirche in St. Gallen dauerte nur ein paar Stunden. Sie löste eine Diskussion über Freiräume in der Stadt aus. Daraufhin hat sich der Stadtrat offen gezeigt, über einen Kauf der Kirche zu verhandeln. (Bild: Stadtpolizei St. Gallen)

Die St. Leonhardkirche wurde 2005 für 40'000 Franken an den Architekten Giovanni Cerfeda verkauft. Ein Grund dafür waren offenbar Sanierungskosten von geschätzten 4,5 Millionen Franken. Gab es noch weitere Gründe? 
Christoph Sigrist: Das war der Hauptgrund. Ich kam im Dezember 1995 dorthin, nachdem die Kirchgemeinde die Kirche wegen hohen Kosten beim Unterhalt und der Gefahr von fallenden Dachziegeln seit Jahresbeginn vorübergehend geschlossen hatte.

Wie haben Sie auf die Situation reagiert?
Ich organisierte mit dem bekannten Komponisten und Musiker Peter Roth zwei Pilotprojekte mit dem Motto «Lose ghört werde» und gründete 1996/1997 den Verein Offene Kirche St. Leonhard. Wir spürten immer den Druck der bevorstehenden Renovation: Zuletzt verkaufte ich sogar noch Dachziegel als eine Form von Crowdfunding, um das Geld für die Arbeiten zusammenzubringen. Neben der drohenden Sanierung war sicher mein früher Wegzug 2002 ein weiterer Grund: Damit fiel das Netzwerk mit den Behörden in sich zusammen, und die Kirchgemeinde musste etwas unternehmen. 

Weshalb war eine Kirche in Zentrumslage – nahe beim Bahnhof – nicht mehr attraktiv für die Kirchgemeinde? 
Der Kirchenraum war attraktiv, das zeigt die langjährige Arbeit der Offenen Kirche St. Leonhard als dritte Citykirche der Schweiz – neben der Elisabethenkirche in Basel und dem offenen St. Jakob in Zürich. Ich bespielte die Bereiche Spiritualität/Religion, Kultur und Diakonie auch im Sinne der heutigen Besetzenden: Wir offerierten der Queer-Community ebenso Gastrecht wie den alternativ Religiösen mit den «Gottesdiensten vom anderen Ufer» und den Zen-Meditationen.

Zur Person

Christoph Sigrist war bis Ende Februar 2024 Pfarrer am Grossmünster in Zürich. Er unterrichtet Diakoniewissenschaft an der Universität Bern und ist Mitglied des Stiftungsrats des Hilfswerks der evangelischen Kirchen Schweiz (Heks) sowie Präsident der Stiftung Urbane Diakonie. Sigrist ist verheiratet, hat zwei Söhne und lebt in Rafz im Kanton Zürich. (dst)

Wenn die Nachfrage da war, weshalb wurde der Raum geschlossen?
Es war in der Tat die durch die Schäden notwendige Sanierung, die zur Stilllegung des Kirchenraums und zum späteren Verkauf führte. Ich hatte die Notwendigkeit des Sanierungsprojekts im Blick, aber nicht mehr die Zeit, es durchzuführen. Seitdem ist der geschlossene Kirchenraum ein Mahnmal dafür, was geschieht, wenn man die Transformation von Kirchenräumen gegenüber der Stadtöffentlichkeit nicht kommuniziert. Diese Kirche war ein Identität stiftender Kraftort für den sie umgebenden Sozial- und Stadtraum. Die Offene Kirche St. Leonhard zeigte die Notwendigkeit öffentlicher Räume für die Begegnung von Gruppen, die sich einer Privatisierung im öffentlichen Zentrumsraum entgegenstellen. 

Wie kam es dazu, die Kirche an Architekt Cerfeda zu verkaufen? 
Der Verkauf wurde öffentlich ausgeschrieben. Ich überlegte mir zusammen mit Peter Roth, sie selbst zu kaufen. Wie der Zuschlag an Herrn Cerfeda zustande kam, weiss ich nicht mehr. 

Wie kam der – eher symbolische – Verkaufspreis von 40'000 Franken zustande? 
Da die Verantwortlichen in der Kirchenvorsteherschaft mit der ganzen Situation überfordert waren, entschlossen sie sich, den ursprünglichen Baupreis von 1887 zu nehmen. 

Verkauf wäre gewünscht

Die St. Leonhardkirche ist durch die Besetzung wieder zu einem Gesprächsthema geworden. Wie das «St. Galler Taglatt» berichtet, habe die städtische Juso bereits vom Stadtrat Vorschläge, gefordert wie die Kirche zurück in öffentliches Eigentum überführt und den Besetzenden
zur Verfügung gestellt werden könne.

Stadtpräsidentin Maria Pappa (SP) erklärte, der Stadtrat sei zu Kaufverhandlungen bereit. Weiter sagte sie der Zeitung, vor rund zehn Jahren habe ein Experte für Kirchenumnutzungen empfohlen, dass der Besitzer Giovanni Cerfeda die Liegenschaft weiterverkauft.

Dieser jedoch habe sich damals nicht dazu bereit gezeigt. Cerfeda sagte nun dem Radio SRF, er sei offen für Gespräche über einen Verkauf der Kirche. (dst)

Die Jungen fordern heute nicht-kommerziellen Freiraum in St. Gallen. Gab es vor 20-30 Jahren in St. Gallen schon einmal solche Bestrebungen?
Es waren damals nicht nur die Jugendlichen, sondern die gesamte Stadtbevölkerung, die den nicht-kommerziellen Freiraum einforderte. Wir öffneten die Leonhardkirche für die ganze Stadt und riefen ein ökumenisches Projekt ins Leben, das die Mitglieder der Freikirchen ebenso integrierte wie die jüdische Gemeinde. Diesen Freiraum bespielten wir im Sinn der Citykirchenarbeit, die in den vergangenen 30 Jahren alle Kirchen in der Stadt und auf dem Land öffnete. Sie wurden Spielorte für alternative, religiöse, kulturelle und sozial-diakonische Nutzungen.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der St. Leonhardkirche? 
Ich habe einen Traum, dass der aktuelle Eigentümer und die ehemalige Besitzerin sich an einen Tisch setzen und den Satz Ulrich Zwinglis kreativ umsetzen, der in der Sakristei im Grossmünster auf Stein gemalt ist: «Tut um Gottes willen etwas Tapferes!» Ich träume von der Kreativität Gottes, die geschlossene Türen aufstösst und die Stadtöffentlichkeit in den Kirchenraum hineinzieht. Ich wünschte mir, dass der Traum der jungen Erwachsenen bei ihrer Besetzung am vergangenen Wochenende, sich in den Kirchenraum setzt und sich breit macht: Kirchenräume mitten in der Stadt öffnen sich der Verletzlichkeit nächster Generationen, indem sie zu Stadt-Krippen der Menschlichkeit werden, zu einem Versprechen für die Zukunft.

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