Offener Brief wirft Fragen zu Gottesdienst-Öffnung auf

Mehrere reformierte Pfarrerinnen und Pfarrer rufen in einem Offenen Brief dazu auf, über die geplante Öffnung der Kirchen für Gottesdienste nachzudenken. Insbesondere fürchten sie, dass vulnerable Personen ausgeschlossen werden könnten.


Wie soll es mit den Gottesdiensten in Corona-Zeiten weitergehen? Zu dieser Frage äussern sich nun mehrere Pfarrerinnen und Pfarrer mit einem offenen Brief. Unter dem Titel «Zur Frage des Kirche Seins in Zeiten von Corona» haben sie sich Gedanken gemacht «über die Bedeutung der Öffnung der Gottesdienste», wie es im Schreiben vom 7. Mai heisst. 

Im Brief legen sie dar, dass sie zwar «die Sehnsucht, wieder mit der Gemeinde zusammenzukommen, Gottesdienst zu feiern, Lieder zu singen und von Angesicht zu Angesicht in Kontakt zu kommen, teilen.» Dennoch würden sie den Auftrag als Kirche und als Amtsträgerinnen und Amtsträger so verstehen, dass sie für die Menschen da seien und vor allem gegenüber den Schwachen und Verletzlichen solidarisch handelten. Eine Öffnung der Gottesdienst mit der Bedingung, dass Vulnerable nicht teilnehmen sollten, würde dieser Solidarität nicht gerecht werden.

Zwar schliesst das Schutzkonzept der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) gefährdete Personen vom Gottesdienst per se nicht aus, ermutigt sie aber, «sich weiterhin so gut wie möglich vor einer Ansteckung zu schützen und kirchliche Angebote über andere Kanäle in Anspruch zu nehmen.»

Zweiklassen-Gesellschaft

Diese Tendenzen zur Zweiklassen-Gesellschaft wolle man in den Kirchgemeinden nicht befeuern. «Wir fragen uns deshalb, ob der Zeitpunkt zur Öffnung der Kirchen für Gottesdienste schon am 14. Juni richtig ist», heisst es weiter. Während in kirchlichen Kreisen einige Stimmen laut nach Gottesdiensten rufen, wünschten sich die Unterzeichnenden, dass auch diejenigen gehört werden, die von frühen Öffnungen nicht profitieren und sich durch sie noch ausgeschlossener fühlen werden. «Wenn wir aber unsere vulnerablen Mitmenschen vergessen, dann haben wir Christus vergessen», schreiben sie.

Keine Kritik am Schutzkonzept

Unterzeichnet wurde das Schreiben von Matthjis van Zwieten de Blom aus Rüfenach AG, Michael Wiesmann aus Buchs ZH, Frank Lorenz aus Basel BS, Simon Gebs aus Zollikon ZH, Christina Nutt aus Azmoos SG, Desiree Bergauer-Dippenaar aus Untervaz GR, Reto Studer aus Unterlunkhofen AG sowie Verena Salvisberg aus Roggwil BE.

«Unser Brief ist nicht als Kritik gedacht. Weder am Schutzkonzept der EKS noch an der grundsätzlichen Möglichkeit von physischen Versammlungen, auch im kirchlichen Bereich», erläutert Michael Wiesmann das Schreiben auf Nachfrage von ref.ch. Vielmehr gehe es darum, die Frage in den Raum zu stellen, ob der Fokus aktuell nicht zu einseitig auf der Machbarkeit von Gottesdiensten liege. Auch er vermisse die Gottesdienste sehr und finde deren Fehlen beelendend. Aber er frage sich schon, wie viel «Gottesdienst» noch bleibt, wenn man Abstand halten müsse, keine Lieder singen dürfe und sich vorher und nachher nicht treffen soll.

Risikogruppe als wichtige Stütze

Insbesondere störten sich er und die anderen Unterzeichnenden daran, dass mit dem Ausschluss der Covid-19-Risikogruppe eine neue Normalität geschaffen werden könnte, die so gar nichts mit ihrem Verständnis von solidarischer Gemeinschaft zu tun habe. «Wir lehnen diese Spaltung der Gesellschaft ab», sagt Wiesmann. Denn gerade jene Risikogruppe sei oft eine wichtige Stütze in der Gemeinde.

Mit dem Brief wolle man Mut machen und vermitteln, dass man die Kirche für Gottesdienste zwar öffnen könne, aber nicht müsse. «Wir sollten mit diesem Entscheid sehr vorsichtig umgehen und uns über die Konsequenzen sehr bewusst sein.» Man sei nun gespannt, wie die Debatte um die Kirchenöffnung weitergeht.

Noch dürfen weiterhin keine Gottesdienste durchgeführt werden. Doch unter strengen Auflagen soll dies laut dem Bundesrat frühstens ab dem 8. Juni wieder möglich sein. (bat)

Der offene Brief im Wortlaut: 200504_etwasneues
Das Schutzkonzept der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz: EKS-Schutzkonzept-für-Gottesdienste