«Gottesdienste dürfen vom Bundesrat nicht vergessen werden»

Gottesdienste dürfen wegen der Corona-Massnahmen weiterhin keine stattfinden, trotz den Lockerungen des Bundes. Einige Kirchenvertreter wünschen nun, dass die Gottesdienste bald wieder aufgenommen werden können. Doch damit sind nicht alle einverstanden.

Bis Kirchen wieder Sonntagsgottesdienste ohne Einschränkungen feiern können, wird es wohl einige Zeit dauern. (Bild: KEYSTONE/Alessandro Della Bella)

Der Bundesrat hat beschlossen, die Corona-Massnahmen etappenweise zu lockern. So müssen beispielsweise ab dem 27. April Beerdigungen nicht mehr nur im engsten Familienkreis stattfinden – wenn dabei die Abstands- und Hygienemassnahmen eingehalten werden können. Doch wann man wieder einen Gottesdienst besuchen kann, ist zurzeit offen. Bis auf Weiteres sind sie noch immer verboten.

Nun melden sich Kirchenvertreter zu Wort und mahnen, die Gottesdienste nicht zu vergessen. So schrieb Gottfried Locher, der Präsident der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS), auf Twitter, dass er Bundesrätin Karin Keller-Sutter gebeten habe, an die Kirchen zu denken. Und der Aargauer Kirchenratspräsident Christoph Weber-Berg sagte gegenüber «Tele M1», er fordere mit gewissem Druck, dass Gottesdienste wieder möglich seien.

Täglicher Kontakt wichtiger

Solche Begehren stossen nicht überall auf Anklang. So findet beispielsweise Christian Walti, Pfarrer in der Friedenskirche und im Haus der Religionen in Bern, dass Gottesdienste im Moment keine Priorität hätten. Er vergleicht sie mit den Kirschen auf einer Schwarzwäldertorte. Sie seien das, was die Torte – in seinem Bild das kirchliche Leben –  perfekt mache. «Wichtiger sind die Tortenschichten darunter, also der alltägliche Kontakt, die alltägliche Zuwendung zu den Menschen.»

Zudem könnten Forderungen nach Gottesdiensten arrogant wirken, befürchtet Walti. Es könnte so aussehen, als seien die Anliegen der Kirche wichtiger als andere. Vielmehr sollte sich die Kirche zurücknehmen und aus Solidarität mit allen Menschen auf Gottesdienste verzichten. Auch aufgrund des Ansteckungsrisikos ist Walti zurückhaltend. Er möchte Gottesdienste wieder feiern, wenn dies ohne Einschränkungen möglich sei. Dann könne man diese umso mehr geniessen.

Bis es so weit ist, sucht Walti nach neuen Formen des Gottesdiensts. Walti sieht die Pause als Chance, um die Gottesdienste allgemein zu überdenken. Seine Priorität ist, nah bei den Menschen zu sein. Im Moment telefoniert er täglich und findet dadurch «einen ganz neuen Zugang» zu den Leuten in der Gemeinde.

«Kirchen wollen nicht drängeln»

Auch für Gottfried Locher steht dieses soziale Engagement im Zentrum. So engagierten sich die Kirchen unter anderem in der Nachbarschaftshilfe oder kümmerten sich um Menschen im Altersheim, betont er auf Anfrage von ref.ch. Doch es brauche in der Kirche auch die Gemeinschaft. Das physische Zusammenkommen mit der Gemeinde zum Gottesdienst sei wichtig. Locher hält aber fest: «Angesichts der grossen Nöte und Herausforderungen, die die Corona-Pandemie mit sich bringt, werden die reformierten Kirchen gewiss nicht drängeln und ihre eigenen Anliegen in den Vordergrund stellen.»

Es gehe mehr darum, dass die Kirchen und Gottesdienste bei zukünftigen Öffnungsschritten mitberücksichtigt würden. Das ist auch ein Anliegen von Christoph Weber-Berg. Der Aargauer Kirchenratspräsident wünscht sich zwar eine baldige Wiederaufnahme der Gottesdienste. Doch vor allem brauche es eine Sensibilisierung des Bundesrats, dass Gottesdienste ein Bedürfnis von vielen Menschen seien. Schliesslich kämen normalerweise Tausende in die Kirchen – jeden Sonntag. Dem sei bisher wenig Rechnung getragen worden. So seien zum Beispiel die Tattoo-Studios in den Massnahmen des Bundesrats fast immer erwähnt worden – die Kirchen jedoch nicht.

Schutzkonzept für die Kirchen

Um Gottesdienste möglich zu machen, wollen die Landeskirchen und die EKS nun ein Schutzkonzept erarbeiten. Konkret soll es darum gehen, wie viele Menschen sich pro Quadratmeter Fläche in einer Kirche aufhalten dürften und wie die Hygienevorschriften eingehalten werden könnten. Ein Risiko wolle die Kirche nicht eingehen und niemanden gefährden, so Christoph Weber-Berg. Auch Gottfried Locher betont, dass Gottesdienste erst wieder aufgenommen würden, wenn Gesundheitsfachpersonen und Behörden zum Schluss kämen, dass Veranstaltungen durchgeführt werden könnten. Christoph Weber-Berg hofft, «dass Menschen nach dem 8. Juni wieder gemeinsam in den Kirchen Gottesdienst feiern können».