Reformierte entscheiden über Missbrauchsstudie
Untersuchen die Reformierten, wo und wie es zu sexuellen Übergriffen im kirchlichen Umfeld kommt? Das ist eine der Kernfragen, um die sich die Synode der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) zu Wochenbeginn in Neuenburg dreht. Der EKS-Rat hat ein Paket mit verschiedenen Massnahmen geschnürt, damit sexueller Missbrauch in Zukunft besser erkannt, gemeldet und wenn möglich verhindert werden kann.
Kontroverse Diskussionen
Der Rat legt an der Synode am Montag drei Anträge vor. Darin geht es um bessere Schutzkonzepte und eine zentrale Anlaufstelle für Betroffene sowie die Schaffung eines Beirats (ref.ch berichtete). Dieser soll die Durchführung einer Studie begleiten. Für diese «Dunkelfeldstudie» sollen in einer repräsentative Umfrage rund 20'000 zufällig ausgewählte Personen in der Schweiz zu ihren Erfahrungen mit sexuellem Missbrauch befragt werden. Die Studie soll an der Universität Luzern in Auftrag gegeben und vom Sozial- und Marktforschungsinstitut Demoscope durchgeführt werden.
Für Spannung sorgt die Frage, welche Anträge des Rates mehrheitsfähig sind. Praktisch unbestritten ist die Forderung nach einer nationalen Meldestelle sowie der Wunsch nach einheitlicheren Schutzkonzepten, nach denen sich alle reformierten Landeskirchen orientieren würden. Änderungsanträge dürfte es aber geben im Zusammenhang mit der geplanten Durchführung der Dunkelfeldstudie. In den Vorgesprächen der synodalen Delegationen der Landeskirchen wurde das Papier zumindest kontrovers diskutiert.
Kritiker bemängeln Vorgehen
«Die Ratspräsidentin und der Rat haben eine Druckkulisse aufgebaut», sagte etwa der reformierte St. Galler Kirchenratspräsident Martin Schmidt auf Anfrage von ref.ch. Eine Profilierung, wer in der Sache der beste Aufarbeiter sei, werde der Sache nicht gerecht. Schmidt stösst sich daran, dass es keine öffentliche Ausschreibung gegeben hat und die Möglichkeiten, am Studiendesign mitzuarbeiten, eingeschränkt seien. Darüber hinaus würde er es besser finden, wenn der Bund die Studie durchführen und auch die Kosten dafür übernehmen würde.
Die EKS hat für die Studie rund 1,6 Millionen Franken budgetiert: für rund eine Million Franken sollen Wertpapiere aufgelöst werden, das übrige Geld würde aus der laufenden Rechnung entnommen. Dass der EKS-Rat eine Dunkelfeldstudie favorisiere, um die Hintergründe zu sexuellem Missbrauch erforschen zu lassen, habe verschiedene Gründe, sagte Stephan Jütte, Kommunikationsverantwortlicher sowie Leiter Theologie und Ethik bei der EKS.
Es hänge mit dem Anspruch des Rates zusammen, grundlegend erklären zu können, wie es überhaupt zu sexuellem Missbrauch komme. «Am schnellsten kann man Muster erkennen, wenn man die ganze Gesellschaft in die Untersuchung einschliesst», sagte Jütte. Anschliessend sollen diese Erkenntnisse genutzt werden: «Wir wollen dadurch sehen, welche Bedingungen bei uns in der evangelisch-reformierten Kirche spezifisch sind – und lernen, was wir besser machen können.»
Am Montag soll zudem die Jahresrechnung 2023 der EKS verabschiedet werden, die mit einem Plus von rund 180'000 Franken schliesst. Weiter wird der Finanzierungsschlüssel der EKS und der Landeskirchen thematisiert.
Nationalratspräsident betont Gemeinsamkeiten
Die Synode hat bereits am Sonntag begonnen. 60 Stimmberechtigte waren anwesend, wie dem Ticker der EKS zu entnehmen war. EKS-Präsidentin Rita Famos sagte bei der Eröffnung sinngemäss, kirchliche Angebote seien nicht einer reinen Nützlichkeit unterworfen: «Wir sind nicht nützlich, wir sind gläubig. Und wir leben den Glauben.»
Ein Grusswort an die Synodalen kam von einem externen Gast, Nationalratspräsident Eric Nussbaumer. Der Methodist zog darin Vergleiche zwischen der Politik und der Kirche. Beiden gehe es um den «Dienst an Menschen», sagte Nussbaumer. Menschen zu erreichen, sei herausfordernder geworden. Dabei sollten Politik und Kirche beide den Zusammenhalt stärken.
Die Redaktion berichtet laufend hier über die Entscheide der Synode.